Joe Jackson: Überzeugender Auftakt

David Weigend

Es war angeblich sein erster Freiburgauftritt: der 54-jährige Joe Jackson sieht gar nicht so alienhaft aus wie auf den Pressefotos und erwies sich gestern Abend mit seinem Trio im Zirkuszelt als würdiger Eröffner für das ZMF 2008. Eine Kritik.



 Dass gestern ausgerechnet Joe Jackson das 26. Zeltmusikfestival eröffnet hat, ist in erster Linie auf den Musikgeschmack von ZMF-Gründer Alexander Heisler zurückzuführen. Der steht vor Konzertbeginn auf der Bühne im gut dreiviertelvollen Zirkuszelt, begrüßt die Lokalprominenz (Sparkassenmann, Landräte, Badenovaboss, alles da) und tituliert den Briten als seinen persönlichen Wunschkandidaten.


"Chill down for Joe Jackson, er braucht noch ein paar Minuten", sagt der Arzt in Zivil, bevor er abtritt und hektischer Drum'n'Bass ertönt.



Was Joe Jackson (Flügel, Gesang) und seine Kollegen Graham Maby (Bass) und Dave Houghton (Schlagzeug) in den folgenden 105 Minuten bieten, ist ein gelungener Festivalauftakt. Manche Zuschauerinnen erschlagen sich fast mit ihren Fächern, während das Trio eine gut durchdachte Setlist spielt, die Klassiker ebenso enthält wie Lieder des aktuellen Albums "Rain".



 Den 82er-Hit "Steppin' Out" bringt Jackson gleich an vierter Stelle, als abgespeckten, kompakten Groover, was bezeichnend ist für den Stil dieses Trios. Klar, hier machen drei Profis feines Entertainment, aber manchem Zuhörer ist das zuviel Studiomief bei all dem abgeklärten Muckertum von Houghton und Maby.

Dieser Einwand mag aber auch daran liegen, dass man als Konzertgast in den vorderen, arschharten Stuhlreihen keine Kommunikation zwischen den dreien erkennen kann: Der Schimmelflügel, hinter dem Jackson verschwindet, steht frontal zum Auditorium. Der Meister wird allein zwischen den Songs sichtbar, wenn er sich erhebt und einen Schluck aus dem silbernen Teebecher nimmt, der seltsamerweise nie leer zu werden scheint.



Und wenn wir gleich bei den Haaren in der ansonsten feinen Suppe sind: Jacksons Flügel ist nicht gerade vorteilhaft abgemischt. Er klingt blechern und hallt zu sehr.

Ansonsten weiß der "Invisible Man" aber vor allem mit dem alten Material zu überzeugen: "On your Radio" von 1979 zum Beispiel ist Jacksonpower erster Kajüte - mit dem Pianoschmiss, den vielleicht noch ein Elton John draufhat bei "Funeral for a Friend / Love lies Bleeding." Der 54-Jährige hat eine erstaunlich junge Stimme mit großem Tonumfang, der ihm viele Rollen ermöglicht: den Melancholiker, den Rocker, den Duke Ellington-Würdiger.



Jackson singt in Nadelstreifenhose vom Ärger auf die ganze Welt, vom Augenblick, der alles verändern kann, von Alltagsfluchten, von der Bereicherung der Einsamkeit, vom Humor als Kardinaltugend. Viele der Zuschauer fühlen sich angesprochen, kennen die ganzen alten Songs und singen begeistert mit.

Dazu im Kontrast kippen einige der neuen Nummern vom Rainalbum ins Einlullende, gerieren zu Schlafliedern - so wie "Rush across the Road", ein rush, der kommt, nach fünf Minuten wieder geht und keinem was tut. Herr Heisler filmt natürlich trotzdem eifrig mit.

Am Schluss geht alles ganz schnell: Zugabenteil mit dem obligatorischen "Is she really going out with him", dann geht einer nach dem anderen ab, standing ovations, aber: Licht an, Gig aus. Man hätte sich mehr gewünscht.