Jennifer Rostock im Jazzhaus: "Deine Fresse will doch keiner sehen"

Max Orlich

Grundsolider Gig einer spielfreudigen Band. Dass dabei weder das Rad, noch die Welt, der Kiez oder gar der Rock’n’Roll neu erfunden wurde – so what. Manchmal geht es darum auch gar nicht. Sondern um ne deftige Berliner Schnauze, wie sie Jennifer Rostock offensichtlich hat.



Menschen, bei denen zwischen Hose und Bein auch nur ein Hauch von Luft dazwischenpasst, fühlen sich optisch erstmal etwas fehl am Platz gestern Abend im gut besuchten Jazzhaus. Doch wer den Trend Trend sein lässt und statt der Optik eher auf die Akkustik setzt, bekommt eine druckvolle Rockshow wie aus dem Lehrbuch geliefert.


Der Support-Act ist leider eher eine Vor-Band, Ascona heissen sie, doch von Opel-Gang keine Spur. „Einzige Rockband aus Stuttgart“ nennen sie sich augenzwinkernd – doch am Ende ihres halbstündigen, lauwarmen und bemüht humorvollen Gigs hat man das Gefühl, dass Benztown zurecht eher als Hip-Hop Metropole bekannt ist.



Weiter geht’s nach Rostock und da weht vom ersten Song an eine andere Brise, die Zeichen stehen eindeutig auf Sturm. Eine Band, die mit Spielfreude und Prazision zu Werke geht, bildet das dezente Fundament, auf dem sich Fräuleinwunder Jennifer austoben kann, wie sie will. Und nichts täte bzw. tut die – Entschuldigung - Rampensau lieber. Von Beginn an legt sie los, als gäbe es kein Morgen und ist dabei stets auf Augenhöhe mit dem Publikum.

Wenn es zu nah wird oder Jennifer darauf hingewiesen wird, dass ihr Oberteil „ja mal gar nicht geht“, kann der aufdringliche Fan ja mal eben kurz mit Berliner Schnauze - „Deine Fresse will doch keiner sehen“ - blöd von der Seite angemacht, zum Schweigen gebracht oder in den Allerwertesten getreten werden: „Du kannst ruhig auch mal klatschen! Ja Du, genau Du!“



Beim Spiel mit dem Publikum setzt sich das fort, was schon die Texte der Rostock ausmacht: mit spitzer Feder stets um mindestens eine Ecke gedacht, gebrochen, sprachverspielt. Ernst und direkt wäre langweilig. Trotz leichtem Plastik-Hype-Appeal des Gesamtpakets Jennifer Rostock sind die Texte unterhaltsamer und lesbarer als die der meisten potentiellen nächsten großen „deutschen Acts“.

Da freut sich der geneigte Zuhörer über den sehr guten Sound im Jazzhaus und die Fähgigkeit der Sängerin, trotz kiloweise Blei in der Mundregion erstaunlich unverwaschen zu artikulieren und noch dazu auch stimmlich voll zu überzeugen. Nur bei den Balladen fällt das Textniveau etwas ab. Aber umso gänsehautfördernder ist hier der Gesang. Frau Pesch läßt grüßen.



Die Setlist erfüllt so gut wie alle Wünsche, werden doch die bisherigen zwei Alben im wesentlichen zum Besten gegeben. Dazu gibt’s noch ein nettes, auch wieder nicht ganz ernstgemeintes Medley vorgetragen vom Keyboarder, der zurecht nicht Leadsänger geworden ist. Er ist aber laut Jennifer dafür zuständig „jetzt mal ein bisschen Homosexualität in den Raum zu bringen“ – entsprechend ist die Songauswahl: "Girls just wanna have fun" trifft auf "Material Girl" trifft auf usw. usf.



Aprospos Setliste: die legen fleißigen Stage-Hands schon kurz vor Gigbeginn aus. Mit dem gewünschten Effekt, dass sich alle Fans sowie dienstbeflissene Schreiberlinge darauf stürzen. Und gar Schreckliches erfahren. Sollte ich jemals auf einem Konzert zugegen sein, dessen Opener sich ernsthaft „Abenteuerland“ nennt, bitte ich um einen sofortigen Gnadenschuss.



[Okay Max, wir schicken dich dann morgen auf den PUR-Gig in Pratteln, ist übrigens Freitag der 13. ;-) Anm. d. Red.]