Jello Biafra: Rotzbübiger Prediger

Chico Policicchio

Von null auf hundert in zwei Sekunden: Wie Jello Biafra es gestern Abend geschafft hat, das vollzählige Auditorium im Atlantik sofort rumzukriegen, ohne, dass man sonderlich viel von seinen Texten verstanden hätte. Ein Bericht von Chico.



Wie gerne hätte man den Mann zu diesem oder jenen Thema befragt. Kann sein, dass es mit einem Interview kurz vor dem Gig klappt, vielleicht auch danach, deutete der Veranstalter an. Dass es dann leider weder vor noch nach dem Konzert zu einem Besuch beim Altmeister des US Punk kam, war zwar schade, änderte aber am gelungenen Gesamteindruck des Abends nichts.


Jello Biafra also war in unser beschauliches Städtchen gekommen: der unentwegt ständig mahnende Prediger gegen die Ungerechtigkeit der Welt im Allgemeinen und des Amikapitalismus im Besonderen. Mitgebracht hatte er seine momentane Band, die Guantanamo School of Medicine, musikalische Haudegen, denen, das mal vorweg, es spielend gelang, den Dead Kennedys Sound der späten Siebziger und frühen Achtziger ins 21. Jahrhundert zu transportieren.

Ein rappelvolles Cafe Atlantik (Menschenmenge zur Stoßzeit in der Tokioter U-Bahn ist ein Scheiß dagegen), Gedränge ohnegleichen, das Who-is-who der Freiburger Musikszene vollständig anwesend in Erwartung des Meisters, der kurz nach 22 Uhr auf die Bühne kletterte. Schon nach wenigen Minuten war klar: Es hat sich nichts geändert. Von null auf hundert in zwei Sekunden. Jello Biafra gibt von Anfang an Vollgas. Mit seiner unvergleichlichen Quassel-Quiek Mickey Mouse Stimme schleudert er der Menge seine Songs entgegen, rotzbübig, bissig, höhnisch.

Das Paradoxe an Biafra war schon immer, dass seine Texte einerseits wichtigster Bestandteil der Musik sind, eine vor Verachtung gegenüber dem Establishment strotzende Anklage, dass man diese Texte andererseits überhaupt nicht verstehen musste, weil allein der Gestus und die Art und Weise, wie er die Songs herausrotzt, jedem klar macht, um was es geht. „Die USA? Verbrecher! Bush, Schwarzenegger? Wichser! Kalifornien? Schurkenstaat!" Um nichts anderes ging und geht es bei Jello Biafra, so auch im Atlantik. Der Witz bei dem Ganzen: Es funktioniert. Nicht allein, weil der Mann natürlich von A bis Z Recht hat, sondern weil er diese Wut und Angepisstheit auf eine Art rüberbringt, bei der mir nur Begriffe wie „authentisch“ oder „wahrhaftig“ einfallen.



Ich weiss nicht, ob man ihn in eine Reihe der großen amerikanischen Folksänger des vorigen Jahrhunderts stellen kann, denn natürlich ist seine Musik eine vollkommen andere. Aber die Themen sind die gleichen wie die eines Pete Seegers, der auch über soziale Ungerechtigkeiten, mangelnde Bürgerrechte und die zunehmende Macht der Großkonzerne sang. Ob das die pogende Meute während des Konzerts interessierte, sei mal dahin gestellt.

Definitiv legte Biafra mit seiner Band an dem Abend einen überzeugenden Gig hin, trotz einiger Schwierigkeiten mit dem Sound und auch angesichts der Tatsache, dass sich gegen Ende der Show Längen auftaten. Am Schluss waren von „California über alles“ über „Let`s Lynch the Landlord“ bis hin zu „Holiday in Cambodia“ auch alle Dead Kennedys Hits gespielt, ein patschnass geschwitztes Fanvolk marschierte größtenteils zufrieden nach Hause. Schließlich klingelt am nächsten Morgen der Wecker und die Revolte muss warten. Zumindest bis zum nächsten Jello Biafra Konzert.

[Die Fotos stammen nicht von gestern Abend, sondern von einem Konzert in Kanada, Quelle: Jello Biafra MySpace]

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