"Jeder Mensch möchte selbstbestimmt arbeiten": Ein Freiburger Professor forscht zum Grundeinkommen

Leona Strohm

Monatlich Geld auf dem Konto, ohne etwas dafür zu tun: Einige sehen im Grundeinkommen die Zukunft, andere befürchten, dass es Faulheit befördert. fudder hat mit Prof. Karl Justus Bernhard Neumärker über das Grundeinkommen gesprochen.

Prof. Dr. Karl Justus Bernhard Neumärker ist Abteilungsleiter für Wirtschaftspolitik und Ordnungstheorie an der Freiburger Uni. Mit seinem Team forscht er unter anderem an wirtschaftspolitischen Handlungsfeldern wie dem bedingungslosen Grundeinkommen (BGE). Leona Strohm hat mit ihm über die Vorteile des Grundeinkommens gesprochen – und wie es sich finanzieren ließe.


Herr Neumärker, vielleicht starten wir erst mal grundlegend. Was ist denn ein bedingungsloses Grundeinkommen?

Neumärker: Bei einem bedingungslosen Grundeinkommen – kurz BGE – soll jedes Mitglied der Gesellschaft, unabhängig von Art der Tätigkeit, des Geschlechts, der Vermögensverhältnisse, des Alters und so weiter, ein bestimmtes Grundeinkommen ohne jegliche Gegenverpflichtung erhalten.

Wie könnte so ein Grundeinkommen aus deutscher Sicht finanziert werden?

Wir haben in Deutschland ein teures Sozialsystem, das gegenfinanzieren könnte, sobald es aufgelöst würde. Natürlich ist das als Ökonom leicht gesagt: Wir halten einfach die Bugdetgrenze ein, wir können also nicht mehr ausgeben, als wir haben. Ich selber bin, wenn das bedingungslose Grundeinkommen in der vollständigen Form funktioniert, ein Verfechter von einer Streichung des Arbeitslosengeldes und der Rente. Die Digitalisierung könnte ebenfalls zur Finanzierung beitragen. Löhne, die gespart werden, weil die Arbeit zum Beispiel von Robotern übernommen wurde, könnten durch eine Roboterbesteuerung wiederum ins Grundeinkommen einfließen.

Das Argument der Faulheit der Menschen darf in keiner Debatte zum Grundeinkommen fehlen, was entgegnen Sie diesem?

Das ist ganz einfach: Wenn man den Leuten sagt, dass sie faul werden, dann nehmen das alle als richtig hin. Wenn man ihnen aber durch ein bedingungsloses Grundeinkommen einen Vertrauensvorschuss gibt, fangen die Leute an, kreativ zu werden. So wie etwa eine Frau aus Berlin, die ein Grundeinkommen gewonnen hat und daraufhin den Mut hatte, sich beruflich umschulen zu lassen. Sie sehen also, man muss nach der inneren Motivation gehen. Jeder Mensch möchte selbstbestimmt arbeiten. Ob das geht, ist die andere Frage, aber mit dem BGE versucht man es möglich zu machen.

Natürlich fragt man sich dann zu Recht, wer die unattraktiven Jobs macht, wenn er statt des Mindestlohns die existenzsichernde finanzielle Unterstützung nehmen kann. An diesem Punkt müssen sich die Unternehmer überlegen, was die Arbeit für sie wert ist und wenn sie keine Lösung finden, dann bleibt beispielsweise der Müll liegen. Dann wird man feststellen, dass die Leute bereit sind, viel mehr zu zahlen. Man kann also das derzeitige Ausbeutungspotenzial von Arbeitskräften stark reduzieren, wenn man auf ein Grundgehalt zurückgreifen kann.

Aber von Faulheit kann eigentlich nicht die Rede sein, man darf Produktivität und Motivation eben nicht nur auf die Erwerbstätigkeit beziehen.

Wenn Sie ein bedingungsloses Grundeinkommen in Deutschland einführen würden, wie würden Sie das gestalten?

Ich würde es auf mehrere Ebenen ausweiten. Es gibt bereits ein Konzept, dass von einem europaweitem BGE spricht. Die Idee beinhaltet einen Betrag, den man als EU-Mitglied aus einem Topf an Geldern abschöpft, welcher etwa durch Integrationsgewinne erwirtschaftet wird. Die Teilnehmer würden dafür Geld bekommen, dass sie zur EU gehören und das schafft Solidarität für das System.

Ich würde dieses europäische Konzept durch ein Pilotprojekt auf der trinationalen Ebene (Teile von Baden-Württemberg, der Schweiz und Frankreich) testen. Dann kann man nämlich zum einen sehen, wie das BGE unter verschiedenen Länderpolitiken funktioniert und zum anderem wie es außerhalb der EU funktioniert.

Natürlich braucht man Absicherungen, damit das Projekt nicht gegen die Wand gefahren wird. Aber man kann ebenfalls erkennen wie ein bedingungsloses Grundeinkommen in verschiedenen politischen und sozialen Kulturen funktioniert. Außerdem sollte man ergänzend verschiedene Systeme (totales BGE, partielles BGE, in der Stadt und auf dem Land) einführen und parallel beobachten.

Erst dann kann man die verschiedenen Varianten, hinsichtlich ihrer Wirkungen auf individuelle Aktivitäten und den Staatshaushalt abschätzen und vergleichen. Natürlich muss der Staat dafür Geld in die Hand nehmen, aber da Teile des Sozialsystems in dieser Region stillgelegt würden, könnte man gleich die Finanzierungsstrategie überprüfen.
Dieser Verein vergibt bereits Grundeinkommen in Deutschland

2014 startete Gründer Michael Bohmeyer mit einer Spendensammelaktion über Youtube. Heute ist das Pilotprojekt ein gemeinnütziges Start-up und eine NGO mit Sitz in Berlin. Durch Crowdfunding sammelt Mein Grundeinkommen e.V. monatlich um die 260.000 Euro und konnte bis heute 190 Grundeinkommen ermöglichen. Gewinner eines bedingungslosen Grundeinkommens erhalten ein Jahr lang monatlich 1.000 Euro, die sie ohne Bedingung verwenden können. Dabei spielt es keine Rolle, aus welchem Bundesland man kommt, wie alt man ist oder was man beruflich macht. So konnte die Organisation ein BGE bereits 38-mal an Kinder verteilen.

Konferenz über Grundeinkommen in Freiburg

Von 11. bis 12. Oktober findet an der Universität Freiburg eine interdisziplinäre Konferenz über die Möglichkeiten eines bedingungslosen und europaweiten Grundeinkommen statt. Auf der Konferenz sollen Vorteile und Nachteile aus verschiedenen Fachrichtungen beleuchtet werden. Interessierte können sich noch bis zum 15. September anmelden.

Mehr Infos und Anmeldung: Konferenz über Grundeinkommen in Freiburg