"Jeder hat Vorurteile": Interview mit Anti-Bias-Trainerin Karin Joggerst

Michaela Konz

Wie entstehen Vorurteile überhaupt? Und: Kann man lernen, außerhalb von Schubladen zu denken? Diese und andere Fragen haben wir Karin Joggerst gestellt, die Freitag und Samstag im Rahmen der Internationalen Wochen gegen Rassismus einen Anti-Bias-Workshop gibt:



Haben alle Menschen Vorurteile?

Ja! Und sie sind sehr widerstandsfähig.

Wann und wie entstehen Vorurteile überhaupt?



Schon Kinder im Alter von zwei bis drei Jahren lernen Vorurteile in ihrem Umfeld als so genannte Vor-Vorurteile aufzugreifen. Kinder sehen Unterschiede, nehmen sie wahr, aber haben erst einmal kein Verhältnis dazu. Die Wertung kommt von den Erwachsenen. Man lernt also sehr früh, welche äußeren Merkmale als normal und als abweichend gelten, die in unserer Gesellschaft maßgeblich sind.

Das heißt: Vorurteile hängen unmittelbar mit dem Aussehen zusammen?

Ja. Natürlich entstehen auch Benachteiligungen durch Eigenschaften wie sexuelle Orientierung, religiöse Zugehörigkeit oder in anderen Bereichen, die erst mal nicht offensichtlich sind. Aber es macht schon einen Unterschied, da das Äußerliche zuerst wahrgenommen wird.

Das Wort Vorurteil ist gemeinhin negativ behaftet. Aber irgendwie müssen Vorurteile ja Vorteile haben, sonst hätten wir sie doch nicht, oder?

Das ist genau der Punkt. Vorurteile vereinfachen die Welt in ihrer Schwierigkeit. Sie machen uns das Leben leichter, weil sie einen selbst erst einmal stärken und die Gruppenzugehörigkeit fördern.



Was lässt sich also gegen Vorurteile sagen?

Argumente gegen Vorurteile gibt es nicht, weil sie der menschlichen Vernunft widersprechen. Man kann sich immer nur fragen, welche Funktionen diese haben und welche Handlung daraus entsteht. Das führt dann zu Bevorzugung und Macht, was das eigentliche Problem ist. Und es ist natürlich immer einfacher, in Schubladen zu denken, anstatt den Menschen mit seinen vielen unterschiedlichen und komplizierten Eigenschaften zu sehen.  

Kann man lernen, außerhalb von Schubladen zu denken?



Nein, aber darum geht es auch nicht, sondern darum, zu verstehen, wo Vorurteile sich mit Diskriminierung verbinden, und um die Benachteiligungen, die dadurch entstehen. Man kann sich darüber auf jeden Fall bewusst werden. Und genau das lässt sich üben, damit es dann gar nicht erst auf die Handlungsebene übergeht.  

In welchen Bereichen trifft man am häufigsten auf Diskriminierung?



Überall. Egal ob Rassismus, Sexismus oder andere Arten der Diskriminierung. Ich arbeite in den verschiedensten Bereichen und mit verschiedenen Altersgruppen. In Kindergärten, Schulen, Institutionen, mit Verwaltungsleuten, im pädagogischen Bereich. Außerdem gibt es auch ein Projekt mit der Freiburger Polizei.

Also wäre es für jeden sinnvoll, sich mit dem Thema zu beschäftigen?

 
Ja. Wir gehen natürlich davon aus, dass jeder schon mal die Erfahrung gemacht hat, diskriminiert worden zu sein und andere zu diskriminieren. Sich damit auseinanderzusetzen, kann für beide Seiten ein sehr intensiver und auch schmerzhafter Prozess sein, da diese ganzen Themen oft mit Abwehr, Verdrängung oder Rechtfertigung zusammen hängen.


Was können Diskriminierungen anrichten?

Unterdrückung zum Beispiel. Die Menschen ändern ihre Handlungs- und Verhaltensweise, die der Fremdbeschreibung entsprechen.Wenn ein Kind immer wieder gesagt bekommt „Du bist dumm“, dann wird es irgendwann nicht mehr so viele Fragen stellen. Oder wenn einem dunkelhäutigen Menschen zeitlebens gesagt wird „schwarze Menschen sind minderwertig“, wird er irgendwann glauben, er kann nicht so viel.

 

Zur Person

 

Karin Joggerst, 47, gründete vor zwei Jahren das Anti-Bias-Forum in Freiburg, das Teil des Netzwerks für kritische Bildungsarbeit in Freiburg ist. Außerdem ist sie seit vielen Jahren als Lehrbeauftragte und freie Referentin tätig. In den Workshops gegen Voreingenommenheit setzten sich die Teilnehmer bewusst mit Vorurteilsstrukturen, Diskriminierung und Macht auseinander.

Mehr dazu:

Was: Workshop Anti-Bias-Einführung
Wann: Freitag, 14. März, 18 bis 21 Uhr; Samstag, 15. März 2014, 10 bis 17 Uhr
Wo: Anti-Bias-Forum Freiburg
Eintritt: 20 Euro
Anmeldung: bildung@iz3w.org [Bild 1: © lassedesignen - Fotolia.com; Bild 2: Privat]