Jazz in Freiburg (2): Jazzlounge Rieselfeld

Bernhard Amelung & Dennis Wiesch

Freiburgs kleine Jazzszene lebt von engagierten Veranstaltern und leidenschaftlichen Künstlern, die für wenig Geld (und vor meist kleinem Publikum) auftreten. Diese Menschen und Veranstaltungsorte möchten wir in einer fudder-Serie über Jazz in Freiburg vorstellen. Teil 2: die Jazzlounge im Rieselfeld.



Ob von einem Chor und Diana Ross gesungen oder im Larry Levan-Remix - irgendwann hat sicher jeder von uns schon einmal zu "Ain’t no mountain high enough” getanzt. Doch was hat dieser Song bitteschön mit Jazz zu tun?




Die Antwort auf diese Frage ist schnell gefunden: Lieder wie dieser gehören neben Klassikern wie "We lift our hands in the sanctuary" dem allseits vertrauten "Amazing Grace" und vielen anderen zum Repertoire eines jeden guten Gospelchors. Gospel, der religiöse Gesang der schwarzen amerikanischen Gemeinden, ist musikalisch stark im Jazz und Blues verwurzelt.

Viele dieser Standards haben es in späteren Jahren als erfolgreiche Songs, z.B. der Detroiter Hitschmiede “Motown”, bis an die Spitze der Charts geschafft. Trotz Hit-Charakter sind sie immer dem Geist ihrer Vorbilder treu geblieben. Diese Klassiker gehören an diesem Sonntagabend zum Repertoire des Calvary Chapel Gospel Choir, der unter der Leitung von Anja Erfurt im Foyer des Kulturzentrums “Glashaus” im Freiburger Rieselfeld in der “Jazzlounge Rieselfeld” auftritt.



Wir haben uns bei Thomas Schoch, dem Veranstalter der Jazzlounge, erkundigt, ob ein Gospelchor überhaupt in den Programmkalender einer Jazzveranstaltung passt. "Wir sind ein bunter Gemischtwarenladen, in dem alles seinen Platz haben kann. Wir vertreten hier ja alles, ob das jetzt Jazz im klassischen Sinne ist oder experimentellere Sachen. Es ist ein Abend, der musikalisch im Jazz verwurzelt ist, aber auch darüber hinaus geht, sei es mit modernen Sachen, sei es wie heute mit einem Gospelchor” erklärt er.

Schoch hat in Freiburg an der Pädagogischen Hochschule studiert und unterrichtet an der Wentzinger Realschule. "Ich bin in Freiburg hängen geblieben", sagt er mit einem verschmitztem Lächeln auf den Lippen. Seit 40 Jahren spielt er Trompete. Er war schon in diversen Formationen aktiv. Mit dem Ensemble “Forkestra” beispielsweise, in dem er mit Harald Kimmig und Lukas Lindenmaier zusammen spielte, trat er schon häufiger im E-Werk auf. Des weiteren ist er sehr aktiv darin, Jugendliche für das Musizieren zu begeistern, denn seit acht Jahren leitet er die Bläserklasse an der Wentzinger Realschule und gibt auch privat Trompetenunterricht.

Vor etwa eineinhalb Jahren ist er dem Projekt “Jazzlounge Rieselfeld” beigetreten, ein Projekt, das vor etwa drei Jahren von Bernd Harter ins Leben gerufen wurde. Motivation war und ist es auch heute noch, einen Beitrag zu Kultur zu leisten, Kultur in den neuen Stadtteil Freiburgs zu bringen. Zusammen mit seinem Team, bestehend aus sieben weiteren Leuten, trifft sich Schoch immer am ersten Sonntag im Monat und kümmert sich um Aufbau, Technik, Durchführung und Getränkeverkauf.

"Wir überlegen uns momentan, einen zweiten Termin im Monat anzubieten”, sagt Schoch. “Wir treten jedoch nicht selber an die Künstler heran, wir können ihnen ja außer einer Bühne, wo sie sich und ihre Musik ausprobieren können und eventuell einer kleinen Aufwandsentschädigung, nichts weiter bieten.”

Der Eintritt ist immer frei

Der Eintritt zu dieser Veranstaltung ist immer frei, es darf aber gerne eine kleine Spende hinterlassen werden. Dieses Geld wird direkt in die Veranstaltung reinvestiert. So wird neues Material gekauft oder auch neue Instrumente angeschafft. Der größte Wunsch ist es, ein festes Schlagzeugset zu besitzen. Die Getränkepreise während der Veranstaltung befinden sich auch absolut im Rahmen: Bier und Bionade kosten € 2,-, Wasser und Cola € 1,50.

“Zudem unterstützt uns der “K.I.O.S.K. e.V.”, ansonsten ist es aber wirklich eine Veranstaltung für umme. Es geht hier zunächst einmal um den Spaß und nicht ums Geld“, betont Schoch mit Nachdruck. “Werbung für die Veranstaltung läuft über unsere Homepage und ein wenig über die hiesige Presse, dass war es dann auch schon mit Werbemaßnahmen.”

Auf das Publikum angesprochen, reagiert Schoch richtig begeistert: "Das Publikum ist angenehm, sehr angenehm. Und aufmerksam! Im Durchschnitt etwa 40 Jahre alt, aber beim letzten Mal beispielsweise hatten wir auch sehr viele junge Zuhörer. Denn es hat sich mittlerweile herumgesprochen, dass wir hier etwas anbieten.

Klar, anfangs haben die Musiker ihre Freunde und Verwandten mitgebracht. Aber inzwischen kommen auch viele Gäste regelmäßig wieder." So wird das Publikum auch gerne mal - mit Erfolg - gefordert und beansprucht. “Die Abende, an denen wir eher etwas Ausgefallenes gemacht haben, experimentellen Jazz/Avantgarde-Jazz zum Beispiel, wurden (etwas unerwartet) sehr gut angenommen.”



 

Nach dem Konzert: Session!

Nach dem Konzert gibt es jeweils noch eine Session. Hierzu ist jeder willkommen, der gerne Musik macht, egal ob Anfänger oder Profi, jung oder alt. Voraussetzung ist nur, dass er das eigene Instrument mitbringt. Wer Lust hat, soll spielen. Und auch bei den Sessions gilt: “Wir sind ein bunter Gemischtwarenladen, in dem jeder und alles seinen Platz hat”.

Die Freiburger Jazzszene betrachtet Schoch mit eher gemischten Gefühlen. Zum einem meint er zwar "dass die Szene hier sehr aktiv ist und sehr viel geboten wird. Beinahe jede Woche gibt es eine Veranstaltung, die man besuchen kann und die keinen Eintritt kostet." Aber auch in Freiburg ist das übliche Problem allgegenwärtig: “Jeder kocht sein eigenes Süppchen und muss gucken, wo er bleibt. Gegenseitige Unterstützung gibt es kaum. Als Nischenveranstaltung müssen wir uns natürlich immer fragen, was ist machbar, was können wir hier realisieren. Und: Haben wir genügend Leute, die dazukommen und uns unterstützen?”

Ein Fernziel der Jazzlounge ist beispielsweise die Veranstaltung eines Jazz-Wochenendes, ein kleiner Weekender im Sommer, wo bestenfalls auch auf dem großflächigen Vorplatz des Rieselfeld-Glashauses Auftritte stattfinden sollen.

Wir treten ins Freie. Im Hintergrund der Gesang des Gospelchors, die Backing Band spielt funky Rhythmen, eine gekonnte Rapeinlage ist zu hören, genauso wie das begeisterte Klatschen des prall gefülltes Foyers. Wir fragen uns, ob Motown heute so klingen würde und nicken zustimmend. Denn Jazz bedeutet trotz der Gebundenheit der Musiksprache auch Freiheit.
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