Jazz in Freiburg (1): Jazz ohne Stress

Bernhard Amelung & Dennis Wiesch

Freiburgs kleine Jazzszene lebt von engagierten Veranstaltern und leidenschaftlichen Künstlern, die für wenig Geld vor zumeist kleinem Publikum auftreten. Diese Menschen und Veranstaltungsorte möchten wir in der neuen Serie über Jazz In Freiburg vorstellen. Teil 1: Felix Groteloh, Initiator von "Jazz ohne Stress" im Waldsee.



Wir betreten das Waldsee. Auf der Bühne steht an diesem Dienstagabend das aus Mainz stammende Trio Way Out West, ein Bassist, ein Saxophonist und ein Drummer. Mit Standards wie Softly as in a morning sunrise und Stücken von Charlie Parker (Confirmation), Miles Davis (Solar) und Dexter Gordon (Fried bananas) nehmen sie das Publikum auf eine unterhaltsame musikalische Reise durch den Jazz der 40er und 50er Jahre.




Beseelt von dieser Atmosphäre haben wir diesen Abend genutzt, um auch einmal hinter die Kulissen zu schauen und bei Felix Groteloh, dem Veranstalter, nachgefragt, was “Jazz Ohne Stress” eigentlich genau ist und was sich ein Neuling darunter vorzustellen hat. “Es bedeutet Live-Musik for free. Du weißt nicht, was dich erwartet, auf jeden Fall aber ist es kreative Musik. Es ist ein Forum, eine Bühne, gänzlich ohne Risiko.”



Der Mittdreißiger, gebürtiger Stuttgarter, ist als Berufsmusiker in ganz Deutschland unterwegs, spielt beispielsweise diesen Herbst und Winter bei “Palais im Park” in Bremen, engagiert sich für Theatermusik, unterrichtet Gitarre und findet dennoch Zeit, sich seit mehr als fünf Jahren für “Jazz ohne Stress” einzusetzen.

In dieser Form, “Live Musik for free”, gibt es diese Veranstaltung bereits seit 1992. Bühne, Musikinstrumente, Band, Leute, Getränke. Der größte Unterschied zu heute allerdings ist, dass das Programm in den Anfangsjahren nicht bekannt gegeben wurde. Die Leute kamen und hatten keine Ahnung, wer auf der Bühne steht und welche Richtung die Musik einschlägt. Heute geht das nicht mehr ganz so in dieser Form. Die Leute sind allgemein informierter, können leichter Informationen beziehen und wollen über das Programm genau Bescheid wissen.

Was sind das denn für Leute, die sich an einem Dienstagabend im Waldsee einfinden? Wer geht da überhaupt hin? "Wir haben hier ein ganz heterogenes Publikum. Vom absoluten Nerd bis hin zu Wanderern, die abends im Waldsee eingekehrt sind und einfach noch bei uns bleiben. Wir sind wir hier sehr bunt. Und das ist auch gut so, denn die Musik ist es auch."



Bei aller Grenzenlosigkeit stellt sich dennoch die Frage nach dem Konzept. Groteloh lacht und sagt: “Gut muss die Musik sein. Gut müssen die Künstler sein. Denn gut ist immer besser. Wir wollen hier einfach keine Coverbands, die lieblos ihr Repertoire herunterbrettern. Wir wollen individuelle Musiker. Ob die nun Jazz im klassischen Sinne spielen oder ob sie eine experimentelle Richtung einschlagen. Das kann dann auch mal dazu führen, dass die Musik wirklich weh tut, so dass die Leute aufstehen und nach Hause gehen, was auch okay ist. Denn uns ist vor allem persönliche und kreative Freiheit wichtig. Das ist ein wesentlicher Grundpfeiler von Jazz ohne Stress."

Der Blick ins Programm zeigt, dass nicht nur regionale Künstler auftreten. Die Musiker reisen teilweise von weit her an: Berlin, Schweiz, Niederlande und Frankreich. Wie ist das zu erklären? Sagt das was über die Freiburger Jazz-Szene aus?

“Sie ist klein, aber klein und sie ist, wie sie ist”, sagt Groteloh mit einem Zögern über diese Szene. “Ich weiss nicht, was die Leute hier so machen, aber es gibt nur einen überschaubaren Kreis derer, die tief beziehungsweise aktiv in der Jazz-Szene drin sind. Ein Problem dabei ist vielleicht auch, dass viele geniale Musiker sind, jedoch nicht nach außen gehen und keine Werbung machen. Und da wäre eine Veranstaltung wie Jazz ohne Stress wiederum eine geeignete Plattform.”

Ein anderer Aspekt ist zudem die Schwierigkeit für zahlreiche Künstler, in die Öffentlichkeit zu treten und an Gigs zu kommen. Gerade deswegen bucht Groteloh auch Jazzmusiker von außerhalb. Diese wiederum nehmen die Einladung bereitwillig an, wissen sie doch, in Freiburg einen familiären und gleichzeitig konzertanten Rahmen, einschließlich eines aufnahmebereiten und dankbaren Publikums sowie optimaler Betreuung zu bekommen.



Darüber hinaus ist der Dienstagabend gemeinhin als kostenfreie Veranstaltung bekannt. Eintritt wird keiner verlangt, und auch die Musiker bekommen bis auf eine kleine Aufwandsentschädigung keine Gage. Da drängt sich die Frage auf, ob und inwieweit das überhaupt tragbar ist. Zahlt sich so ein Abend überhaupt aus, sowohl für den Veranstalter als auch für die Musiker?

“Ich mach’ kein Geld damit”, betont Felix Groteloh. “Jazz ohne Stress ist für mich eine Liebhabergeschichte.” Dies sei auch besonders Achim Schönwiese zu verdanken, der ihm und den Künstlern den Rücken freihält. Er lässt ihnen zum einen bei der Programmgestaltung freie Hand und setzt sie zum anderen nicht mit Umsatzforderungen unter Druck. Außerdem kümmert er sich selbstredend um die Technik.

“Das ist genial”, sagt Groteloh. Und im Kulturbereich völlig ungewöhnlich. Denn viele Veranstalter sind nur aufs Geld aus, Hauptsache der Laden ist voll. Dass dabei die Qualität auf der Strecke bleibt, ist ihnen egal.

“Meine Erfahrung ist jedoch, dass sich Qualität auf Dauer auszahlen wird. Vielleicht nicht im rein wirtschaftlichen Sinne. Aber Qualität hat etwas Bleibendes, hat Bestand.”

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