Jarabe de Palo: Latino zwischen Jazz und Rock

Nina Braun

Spanischer Latino-Rock war gestern Abend beim Auftritt von "Jarabe de Palo" im Spiegelzelt angesagt: Eine Kategorisierung, die dem Auftritt der Band aus Barcelona kaum gerecht werden kann. Carina war dabei und hat sich begeistern lassen.



Gleich zwei Helden kennt der Abend: Zum einen natürlich Frontmann Pau Donés, der sanfte Barde, der den Auftritt offensichtlich genießt, das Publikum mit kleinen Ansprachen auf Spanisch und Englisch unterhält und dennoch nie seine Mitmusiker zu Statisten degradiert. Unaufdringlich bezieht er die Besucher mit ins Programm ein, lehrt sie spanische Refrains singen und den korrekten Tango-Rhythmus klatschen, und sagt gelöst "Dankeschön", wenn ihm Begeisterung entgegen brandet.


Zum anderen der Saxophonist, dessen Name mir entgeht: Ein charismatischer Jazzer der alten Schule, der das bekannte Programm immer wieder durch eindringliche Soli bricht, in den Spielpausen zwischen den Musikern hin und her tänzelt und zum bald gar nicht mehr so heimlichen Star des Auftritts wird.



Am besten zünden die Klassiker. Sei es "Depende", dessen erste Zeile "Que el blanco sea blanco" mit einem allgemeinen Aufschrei begrüßt wird, sei es "Bonito", bei dem das ganze Zelt tanzt, oder "La flaca", wo der Refrain zu großen Teilen schon den Besuchern überlassen werden kann: Die Playlist ist dankbar und verzichtet darauf, das aktuelle Album zu protegieren. Von Anfang an springt der sprichwörtliche Funken aufs Publikum über und verlässt es auch nicht mehr. Bis in die letzte Reihe steht kaum ein Besucher still.

Dabei werden einige der Songs heute neu interpretiert: Die Band mixt bekannte Melodien und Texte mit wohlgesetzten Reggae-, Latino- und Jazzelementen, wo sie im Original oft nicht zu finden sind. Viele Lieder klingen vertraut und neu zugleich – aber immer irgendwie richtig. "Sonnendurchflutet", habe ich kürzlich mit etwas Unbehagen gelesen, seien die Melodien von Jarabe de Palo. Zu glatt, zu heiter, zu latin-like mag das angesichts der vielfältigen Musikstile und oft melancholischen Untertöne klingen, und ist dennoch, im ganz positiven Sinne, wahr. So manches, was hier heute angestimmt wird, erzeugt in der eng gestellten Fangemeinschaft ein wohliges Gefühl von Weite und Nähe zugleich.

Leichte Unstimmigkeiten bei der Abmischung sind dem Spiegelzelt, so munkelt man, in diesem Jahr ohnehin eigen, fallen aber nicht stimmungsdämpfend ins Gewicht. Pau Donés Stimme klingt live ebenso gut wie von CD, was vor allem während der gefühlvollen Passagen zum Tragen kommt. "Déjame vivir" heißt eines der schönsten Lieder des aktuellen Albums "Adelantando". Kürzlich habe ich eine fudder-Rezensentin für ihren Mut bewundert, den Ausdruck "mitten ins Herz treffen" zu verwenden. Ganz offensichtlich, das wird mir mehrmals heute bewusst, gibt es Momente, die kann man anders nicht beschreiben.



Natürlich werden schließlich herzhaft Zugaben gefordert, und natürlich gibt Jarabe de Palo die auch. Zum Abschluss erlauben sie sich einen weiteren Höhepunkt: Bei "Grita", durchsetzt von nochmals mehreren furiosen Saxophonsoli, springen nicht nur die Besucher, es springt ebenso die Band - der fulminante Abschluss eines grandiosen Abends.

Fazit: Ein absolut rundes, leichtfüßiges Konzert, dank einer gut gelaunten Band, die auf ein ebensolches Publikum trifft. Es fällt beim besten Willen kaum etwas ein, was hätte besser laufen können. Dennoch hört man später vor dem Zelt Diskussionen, ob nun der Auftritt heute oder der vor zwei Jahren im Jazzhaus der bessere war. Egal. Wenn sich die Frage überhaupt stellt, muss es auch damals groß gewesen sein.

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