Jan Böhmermann, ein Stripper und der EHC Freiburg - bei Periscope gibt es fast die ganze Welt als Livestream

Daniel Laufer

Mit "Periscope" kannst Du Dein eigenes Live-Fernsehen machen - mit Deinem Smartphone, von überall. Was die App zu bieten hat und warum sie eine Revolution bringen könnte:

  • Ein Stripper tanzt im pinkfarbenen Licht durch einen Nachtclub, eng liegt seine Boxershort an, er wedelt mit den Armen. 13 Menschen schauen zu, darunter jemand mit dem Namen Tim. Er fragt: "Wo ist der Kühlschrank?"
  • "Hol dir Dove", rät jemand. "Das ist gut für deine Haut!" Ich schaue auf eine Wand aus Shampoos und Lotionen - ein Supermarktregal. Die Entscheidung für das richtige Hygieneprodukt steht noch aus, 103 Menschen fiebern mit. Ein Typ namens Ryan schreibt, er wolle jetzt "Nippel" sehen.
  • Zwei junge Frauen tanzen durch eine Küche, Hintern an Hintern. Die Rothaarige hält eine Flasche Wein hoch, die Blonde macht Witze über Kokain. "LOL", kommentiert Nick, Moderator einer Eishockey-Radiosendung über ein NHL-Team.
Diese drei Szenen zeigen, worauf man stößt, wenn man ziellos mit der kostenlosen Smartphone-App "Periscope" herumspielt. Die Idee, Videos live ins Netz zu streamen, ist nicht neu - mit "Periscope" ist das jetzt aber so einfach geworden, dass die App irgendwann vielleicht sogar dem Fernsehen Konkurrenz machen könnte.

Denn: Egal, ob aus dem Stripclub, dem Supermarkt oder der Küche - von überall können Menschen nun in Echtzeit Video ins Internet übertragen. Als kurz nach dem Start der App Ende März in New York ein Gebäude einstürzte, gab es die Live-Bilder nicht nur auf CNN, sondern auch bei Periscope - gefilmt direkt vom Straßenrand aus.

Um der Menschheit zu zeigen, was so im eigenen Leben passiert, benötigt der Streamer einen Tarif mit ausreichend Datenvolumen und ein Smartphone. Derzeit gibt es die App nur für das iPhone, bald soll sie aber auch für Android erscheinen.

Am Ende des Streams kann der Streamer die Live-Aufnahme dann speichern - und direkt auf Periscope hochladen. Dort bleibt sie 24 Stunden lang verfügbar - zumindest für Smartphone-Nutzer. Wer "Periscope"-Streams am Computer anschauen möchte, muss sich mit dem Live-Modus begnügen - selbst die Kommentarfunktion ist im Browser abgeschaltet.



Live-Streaming scheint der Trend des Jahres 2015 zu sein: Es gibt noch eine zweite App namens "Meerkat", die ganz ähnlich funktioniert. Sie ist zwar schon etwas länger auf dem Markt, verliert seit dem Start von "Periscope" aber mehr und mehr Nutzer - vor allem wegen der aggressiven Vorgehensweise des Kurznachrichtendienstes Twitter.

Dessen Konzern hat "Periscope" Anfang des Jahres gekauft und die Unterstützung von "Meerkat" mehr oder weniger abgeschaltet. Twitter war dieser Coup angeblich 100 Millionen US-Dollar wert. Man scheint große Pläne zu haben für das neue Spielzeug. Kein Wunder: "Periscope" kann praktisch jeder einsetzen.

Während der Play-Off-Spiele des EHC Freiburg zückte ich zum Beispiel mein iPhone und übertrug die Tore der Wölfe ins Internet. Während ich an der Bande stand und filmte, erschien eine Nachricht auf meinem Display: "Ich schaue nicht mal Eishockey, aber das ist großartig!", schrieb ein Zuschauer namens Agus in den Chat - auf Englisch. Er saß irgendwo in Nordamerika und schaute in meinem "Periscope"-Stream zu, wie sich der EHC in Richtung Finale schoss.

Der Streamer spricht, die Zuschauer schreiben. Gefällt ihnen etwas besonders gut, tippen sie auf das Display - mit jeder Berührung verschicken sie dann ein Herz. Die Interaktion ist das interessanteste Feature der App.

Neulich streamte TV-Moderator Jan Böhmermann aus der Konferenz zu seiner Sendung "Neo Magazin Royale". Irgendwann stand er auf und ging durch die Redaktionsräume. "Oh, ein 'Follow me around'-Video", kommentierte ich. Böhmermann gab mir Recht, unterhielt sich mit seinen Kollegen darüber. Ich fragte nach seiner Gesichtscreme, er hielt eine Tube vor die Linse. Ja, das ist furchtbar flach und absurd - und übrigens auch ganz unterhaltsam.



Als vor einigen Jahren "Chatroulette" populär wurde, ein Video-Chat, der die Gesprächspartner einander zufällig zuweist, verkam es schnell zu einem Sammelbecken erigierter Penisse und anderer, gelegentlich auch mal jugendfreier Kuriositäten.

Die Menschen, die man nun in "Periscope" trifft, mögen fremd sein, anonym sind sie aber nicht - anders als eben in "Chatroulette". Für die Nutzung der App benötigt man einen Twitter-Account, streamt, kommentiert man oder schaut einfach nur zu, wird der Benutzername angezeigt. Weil bei Twitter strenge Privatsphäre-Einstellungen im Vergleich zu Facebook eher unüblich sind, lassen sich viele Nutzer also leicht ergooglen.

Dabei findet man zum Beispiel heraus, dass hinter einem Stream namens "Drillinge oder nicht?!" eine Redakteurin des Cosmopolitan aus New York steckt. Ob sie und die beiden anderen Frauen nun wirklich Drillinge sind, scheint 76 Menschen zu beschäftigen - so viele rätseln mit, kommentieren. Michael N.: "Hallo aus dem Gefängnis." Francisco B.: "Lasst uns einen Dreier sehen." Die Protagonistinnen lachen, nicken, schütteln den Kopf.

Ein Motivator vieler "Periscope"-Streams scheint pure Langeweile zu sein. Einige Nutzer kamen am Wochenende auf die Idee, die Premiere der neuen "Game of Thrones"-Staffel zu übertragen - während der Erstausstrahlung auf dem US-Bezahlsender HBO. Man hört, Twitter hat ihre Accounts gesperrt.

Das ist wenig überraschend: Noch befindet sich die App in der Phase, in der die Anwender Grenzen austesten. In den Streams geht es mitunter noch sehr anarchisch zu. Das Potential aber scheint riesig - man muss sich nur vorstellen, was in "Periscope" zu finden sein könnte, wenn sich die App erst einmal etabliert hat.

Neben Strippern, Drogerieprodukten und Küchentänzen die ganze Welt.