James Last in der Rothaus Arena: Wildere Mashups macht keiner

Matthias Cromm

Das Jackett silberglänzend, der Zeigefinger beschwingt wippend, der Sound gnadenlos Remix. Am Mittwochabend war James Last mit seinem Orchester auf Abschiedstourbesuch in der Rothaus Arena. fudder-Autor Matze Cromm über den Abend mit Hansi und seine größten Hits.



Wer hat sie nicht schon mal gesehen, in Omas Plattenschrank oder in den Flohmarktkisten quer durch die Republik: James Lasts "Non Stop Dancing"-Serie, die gefühlt 1000-teilige Tanzmusik- Medley-Erfolgsserie mit dem typischen schattenwerfenden Schriftzug. Diese - und meiner persönlichen und unbedeutenden Meinung nach eher als entsetzlich einzustufenden - Machwerke waren James Lasts kommerzieller Durchbruch. Auf seinen "Non Stop Dancing"-Scheiben arrangierte er jeweils drei aktuelle Titel in seinem typisch swingenden Sound zu tanzbaren Medleys, ganz nach Manier eines modernen DJ-Sets für Publikum mit begrenzter Aufmerksamkeitsspanne.

Die erweiterten Bigband-Instrumentals ersetzten die im original gesungenen Passagen meist durch clever eingesetzte Streicher wodurch die populären Hitparadentitel auch einem älteren und weniger popaffinen Publikum zugänglich wurden. Ein Graus für den einen - und ein Grund, der Band per Reisebus nach zu fahren für den anderen.

James Lasts musikalische Akribie gepaart mit seinem Genie hat  uns ein Füllhorn seines ständigen Spagates zwischen seichtester Unterhaltung und anspruchsvoller Kunst beschwert. Zwischen seinen Schallplatten ausserhalb der unzähligen Serien wie ´"Non Stop Dancing", "Beachparty", "Classics Up To Date", "Sing Mit" und "Hammond A Go Go" verstecken sich ungeahnte Perlen des Songwritings und der Arrangierkunst. Sein 40-köpfiges, absolut hochkarätiges Orchester ist sicherlich eines der besten weltweit und beherbergt natürlich hervorragende Solisten.

Hitparaden-Pop, Volksmusik, Abba, Psychodelic, Glam, Rock, Schlager, Walzer, Rock'n'Roll, Klassik, Hip Hop, Funk, Jazz - kein Genre und kein Künstler ist sicher vor James Lasts unermüdlicher Arrangierlust. Rund 170 LPs hat Last gefüllt - mit allem, was nicht niet- und nagelfest ist. Dafür hat er immerhin mehr als 200 Goldene Schallplatten und sage und schreibe 17 Platin-Auszeichnungen neben seinen anderen unzähligen Preisen stehen und hängen. Last sitzt wie betoniert auf dem goldenen Thron des Easylistening und ist einer der erfolgreichste Bandleader der Welt - viel belächelt aber zugleich hochverehrt.

Seine Kollaborationen reichen von Rene Kollo und Milva über Richard Clayderman, Tom Jones und Elvis Presley bis zu RZA vom Wu Tang Clan, Puff Daddy, Jan Delay und Fettes Brot. Wer kann das schon von sich behaupten?

Der am 17. April 1929 in Bremen geborene Hans Last ist seit 1945 Berufsmusiker, anfangs als Jazz- und Swing-Musiker. Er ist Pianist und Kontrabassist in den amerikanischen Clubs in Bremen und dem Tanzorchester des Bremer Rundfunks. Sein"Hans Last Orchester" spielte live im Radio und begleitete die grossen Gesangsstars der Zeit wie Peter Alexander, Freddy Quinn, Bibi Jones aber auch internationale Stars wie Catarine Valente und Branda Lee auf Tour oder bei Schallplattenaufnahmen, die er teilweise auch arrangiert. Trotz seiner bereits früh hoch geschätzten Arrangeurskunst dauerte es bis in die frühen 60er Jahre bis es erste Schallplatten unter seinem Namen gab. Als Hans Last und die Rosenkavaliere wurden einige wenig erfolgreiche Scheiben eingespielt.

Der Durchbruch kam 1965 mit dem ersten Teil der "Non Stop Dancing"- Serie bei der auch zum ersten Mal, auf Geheiß seiner Plattenfirma Polydor, der Künstlername James Last in der legendären Schattenwurfschrift verwendet wird. Zum ersten Mal mit seinem "James Last Orchester" und in seiner typischen Besetzung bestehend aus vier Trompeten, drei Posaunen, zwei Saxophonen oder Flöten, Piano oder Orgel, zwei Gitarren, Bass, Schlagzeug, Percussion, Streicher und Chor. Bereits 1977 beginnt er, elektronische Elemente einfliessen zu lassen - erst per Mini-Moog, dann mit ausgewachsenem Synthie.

Obwohl sich der Name James Last seither als Marke durchgesetzt hat, bleibt sein Spitzname mit dem er sich selber, Freunde und Fans betiteln: Hansi. Der Rest ist Geschichte, sein seichter, sogenannter "Happy Sound" ging um die Welt und sein Orchester tourte hinterher. In kurzen Abständen veröffentlichte das "James Last Orchester" Schallplatten; die absolute Hochzeit seines Sounds dauerte sage und schreibe länger als zwanzig Jahre.



Kurz vor seinem 86. Geburtstag nun stand James "Hansi" Last auf der Bühne der Rothaus Arena, als Abschiedstournee angekündigt, ob dem wirklich so ist werden die nächsten 85 Jahre zeigen. Die unwirtliche Messehalle lässt nun wirklich kaum ein Quentchen positive Atmosphäre aufkommen - ist aber mit erstaunlich gemischtem Publikum recht gut gefüllt.

Vor der Bühne hängt ein weisses Banner mit dem aktuellen Logo in Rosa: Peacezeichen, Herz und Note mit dem Schattenwurfschriftzug - James Last. Als Intro und zum Einzug des Orchesters ertönt eine "Fettes Brot"-Hymne an James Last, der betritt im schicken Glitzerjackett vor leicht reduziertem Orchester und Sängern die Bühne. Er schnippt und schnippt und schwingt den Arm wie wir es lieben, der schneeweisse Schnauzer und die schneeweisse zum Zopf gebundene volle Haarepracht gepaart mit seinem meist wie versteinert wirkenden, zerfurchten Gesicht mit Adlerblick sehen gut aus. Doch bei näherem Hinsehen versinkt der doch um einiges zu schlanke Hansi etwas zu tief im Jackett, sind die Bewegungen nicht mehr so fliessend, schneidig und swingend wie sie es in den letzen 60 Jahren waren - dennoch lässig auf Hüfthöhe.

Seine schwere Krankheit im vergangenen Jahr und sein doch recht beträchtliches Alter sieht man ihm an und seine Moderation wird noch unverständlicher als sie schon immer war. James Last, nie der joviale Entertainer mit der Hypothek der Bremer Herkunft, durch die er zu leicht nuschelnder Aussprache neigt, führt zu nicht immer leicht verständlichen Moderationen, seine Stimme stockt hier und da. Er freute sich auf Tour zu sein, mit dieser tollen Band, seinen Freunden. "Was kann schöner sein"? fragt er. Man sieht es ihm wirklich an, er sagt die Wahrheit, er liebt die Band, die Musik und das Publikum. Aber die Hälfte der 23 Konzerte umfassenden Tour ist rum und die Anstrengung steht ihm neben der Konzentration ins Gesicht geschrieben.

Doch Hansi hält sich wacker, führt sein Orchester durch die endlosen Weiten der Musiklandschaft, durch die Jahrzehnte seines unermüdlichen Schaffens - für viele Herrschaften älteren Baujahres aus der SWR-4-Hörerschaft mag hier der erste Kontakt mit aktueller Popmusik zustande kommen, denn die Schmerzfreiheit die ihn berühmt und die Polydor reich gemacht hat, zieht sich auch durch das aktuelle Programm. Wildere Mashups als James Last macht keiner, soviel ist sicher.

Seine grosse Rocky-Thema Variation, in einem Filmsound-Medley mit "Now We Are Free" und "Pirates Of The Carribean" sind noch vergleichsweise harmlos. Leider reichen meine spärlichen Kenntnisse aktueller Pophits nicht so weit wie Hansis, aber ich erkenne Kathy Perry und One Direction irgendwo zwischen Bachs Präludium und "Geschichten aus dem Wienerwald", Avicii und Christina Aguilera zwischen der Polka "Wien bleibt Wien", dem Countryfolk-Klassiker "Orange Blossom Special" und einer wunderschönen Hommage an Joe Cocker mit "You Are So Beautiful".

Teils verwurstet und in abenteuerlichen Medleys, teils als ausgespielte Stücke aber stets in James Lasts charakteristischem "Happy Sound", ein Genre- und Generationen-übergreifendes Phänomen zwischen Kaufhausfahrstuhl, himmlischen Chören, Polonaise und dem ganz grossen Arrangement.

Die vier ausgezeichneten Trompeter brillieren in Dizzy Gillespies Swing-Klassiker "A Night In Tunisia", sie spielen wie simamesische Zwillinge reissen aus, solieren und kehren zurück in den swingenden Körper der Band. Weitere Highlights sind seine eigenen Kompositionen wie die legendäre Panflötennummer "Der einsame Hirte" - Ihr kennt das sicher aus Quentin Tarantinos "Kill Bill" - das unverwüstliche "Biscaya" das noch heute bei einschlägigen Radiosendern zu Recht in heavy Rotation läuft und die Blaupause des frühen James-Last-Sounds "Morgens um Sieben st die Welt noch in Ordnung" aus dem gleichnamigen Film. Eine alptraumhaftee Achterbahnfahrt aus filigranen Schönheiten, schwülstigen Melodien, verkleisternen Streicherorgien, traumhaften Soli und grossen Orchester-Momenten.

Und immer schnippst der alte Meister mit versteinertem Gesicht und blitzenden Augen die Finger auf Hüfthöhe, während mehr und mehr Publikum von ihren Sitzplätzen in die vorderen Reihen strömen. Tanzend und klatschend bildet sich ein ordentlicher Pulk vor der Bühne und spätestens beim grossen Finale aus "Guten Abend, Gute Nacht", "Auf Wiedersehen" und "Glad You Came" steht ein blühender, strahlend lächelnder Hansi vor einer glücklichen Menge Fans und sagt, dass er hoffe, man würde sich bald wiedersehen. Aber Hansi wäre nicht James Last, würde er nicht noch zum allerletzten Abschied ein Medley aus Pitbulls "Timber" und dem "Gartenzwerg-Marsc"h der Jacob Sisters mit auf den Heimweg geben. Auf Wiedersehen sagt Hansi noch einmal, es habe Spass gemacht und er käme wieder. Hat sich was mit Abschiedstour!

Mehr als Zwei Stunden hat das Abenteuer gedauert, stets stellte sich die Frage: Muss das sein? Muss er das machen? Müssen die Steicher in ihren Pausen immer so lustig rumzappeln? Kann er sich nicht auf schöne althergebrachte Klassiker auf die wir alle warten beschränken? Aber die Antwort gibt sich wie von selbst - klar muss er das! James Last verwaltet sich nicht als Klassiker, er geht stets weiter. Das hat er schon immer gemacht und das wollte er immer machen. Als erunter ernsthaften Musikern noch höchst verpönt war spielte er Beatles, die Stones, vertonte Hair, Bill Haley, Hawkwind, Sly And The Family Stone und Abba. Sein Repertoire war immer so aktuell wie schizophren, im glücklich machenden "Happy Sound" kam alles unter einen Hut, in ein Medley, auf eine Platte. Er war der Soundtrack der Generation Flokati, der Frucht-Bowle Trinker, der Pepitahutträger, er schlich sich in fast alle Plattensammlungen des Nachkriegsdeutschlands. Er ist der Sound gewordene Gelsenkirchner Barock, ein Stil der eigentlich keiner ist und doch allgegenwärtig.

Ich will nicht wissen wie viele Teppiche zum Tanze beiseite gerollt wurden, wie viel Eierlikör getrunken und wie viele Mettigel zu seinem Sound vertilgt wurden. Schon immer meckerte die Möchtegern-Elite über den Hansi-Sound, schmähte ihn - bis heute. Aus kurzsichtiger Engstirnigkeit verkennt so mancher selbsternannte Musik- und Kulturkritiker die geniale Melange aus Poprevolte, psychedelischem Hippietum, funkigem Jazz und bundesrepublikanischem Biedertum.

James Last war der Musiker der mit seinem Spagat zwischen aktuellem Pop, Gegenkultur und bürgerlicher Spiessigkeit das kulturell bankrotte Post-Nazi-Deutschland musikalisch auf den Stand brachte. Draussen auf dem Moped die langhaarigen Halbstarken, drinnen im Partykeller die schunkelnde westdeutsche Wirtschaftswundergemütlichkeit - sie hörten die selben Titel.

Ich glaube er sitzt noch heute am Kamin in seiner Villa am 11. Loch des Golfclubs in Palm Springs/Florida und freut sich diebisch beim Gedanken, dass er in den 60er Jahren den musikalischen Erzfeind und Teufel in Form der Rolling Stones bis in den letzten mit Kunsteichenlaub geschmückten kleinbürgerlichen Partykeller gebracht hat und all die Lieschen Müllers mit all den Max Mustermanns zu seinem "Sympathy for the Devil" tanzten. Non Stop. Ein schöner Gedanke und Timber gegen den Gartenzwerg in einem Atemzug vor einer Halle voller Silberfüchse ist doch fast genauso schön.

Danke Hansi, bis bald!

Wer ein bisschen in James Lasts Werke hineinlauschen will dem seien, höchst subjektiv natürlich, diese Scheiben ans Herz gelegt:

  • German Allstars, Deutsches Jazzfestival 1953 (Hans Last am Kontrabass mit unter anderem Paul Kuhn, Max Greger, Günther Fuhlisch und Delle Hensch)
  • James Last, Beat in Sweet (Polydor 1965)
  • James Last, Voodoo Party (Telefunken 1972)
  • James Last, Well Kept Secret (Polydor 1975, Re-Release als James Last in Los Angeles, Bureau B 2008)
 

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Foto-Galerie: Daniel Fleig

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