Jagd auf Erpel Ulrich: Wie Tiereinsätze die Freiburger Feuerwehr auf Trab halten

Simone Höhl & Daniel Laufer

Tier in Not? Von wegen! Erpel Ulrich hat zwar einen lahmen Flügel, beschäftigt aber die Feuerwehr. Dreimal musste die schon ausrücken. Das Problem: Ulrich ist kein Einzelfall.


[via freiburg.tv]

Schwächelnde Tauben vor dem Münster, angeblich festgefrorene Schwäne, Fledermäuse im Flur: Als hätte Freiburgs Feuerwehr nicht ohnehin schon tierisch viel zu tun, steigt auch die Zahl der Tiereinsätze. Feuerwehrvizechef Philipp Golecki sieht zwei Hauptgründe: „Die Wildtiere drängen in die Städte, und die Städter können damit nicht umgehen.“ Ein Projekt der Universität stützt diese Beobachtung.

Ulrich ist so ein Beispiel. Wegen des Erpels ist die Feuerwehr schon so oft ausgerückt, dass sie ihn taufte. Ulrich hält einen Flügel schief, weswegen besorgte Passanten an der Dreisam zwischen Marien- und Luisensteg die Wehr riefen. „Aber dem Erpel geht’s so gut, dass er sich dreimal erfolgreich einer Rettung entzog“, sagt Golecki. Bürger melden auch, dass Schwäne festgefroren sind, was Schwäne in aller Regel nicht tun.

Ein Anrufer vom Moosweiher wollte mal sichergehen und warf Steinchen – der Schwan rührte sich nicht. Als das Feuerwehrboot auf ihn zukam, stand er auf. „Der hat sich lieber bewerfen lassen, als Energie zu verschwenden“, erklärt Golecki. Er appelliert, zweimal hinzusehen, ob ein Tier echt in Not ist, weiß aber, dass das manchmal schwer zu erkennen ist.

Wildtiere drängen in die Städte

Originäre Aufgabe der Feuerwehr ist es, Menschen und Tiere aus lebensbedrohlicher Lage zu retten. Die Katze auf dem Baum ist kein Fall für sie, denn die kommt runter, wenn sie Hunger hat: „Wir haben noch kein Katzenskelett auf einem Baum gefunden.“ Ein echter Notfall war die Katze, die neulich auf einer Baustelle in einen Spalt fiel und allein nicht mehr rausgekommen wäre.
233 Tiereinsätze fuhr die Feuerwehr 2015 – 100 mehr als zehn Jahre zuvor. Ein Teil ist unnötig, dazu kommen inzwischen 50 Fehlalarme.

Der Anstieg hat verschiedene Gründe. „Zum einen drängen die Wildtiere in die Städte.“ Die Wehr hat für die Uni eine lange Liste erstellt, mit was sie es 2015 alles zu tun hatte: von Amsel und Blindschleiche über Dachs, Haselmaus und Kautz bis zum Wildschwein. Wo mehr Tiere sind, gibt es auch mehr Kadaver von Straßen zu räumen. Und zum anderen merkt die Wehr verstärkt: „In der Stadt fehlt der natürliche, vernünftige Umgang mit Tieren.“

Wehren auf dem Land fahren vielleicht zwei Tiereinsätze im Jahr, und wohl kaum wegen dieses Klassikers: „Die schwächelnde Taube auf dem Münsterplatz.“ Von 110 Tieren, die je zwei Feuerwehrleute letztes Jahr zum Tierarzt fuhren, waren etwa 40 Tauben. „Und die zwei Mann fehlen mir auf dem Löschzug“, sagt der Vizechef der Feuerwehr.

Die belasten steigende Einsatzzahlen. Philipp Golecki hat Verständnis für Menschen, die sich hilflos fühlen, rät aber: gesunden Menschenverstand walten lassen, schauen, ob ein Tier blutet oder apathisch ist. Bei Fledermäusen im Haus ein Fenster öffnen, Licht aus und Tür zu, damit sie von allein rausflattern. Und die sterbende Taube? „Nehmen Sie’s zur Kenntnis, das ist halt der Lauf der Natur.“

Forscher der Uni Freiburg wollen die Menschen im Land besser informieren. „Wir haben festgestellt, dass viele nicht wissen, wie sie reagieren sollen, wenn sie einem Wildtier im Siedlungsraum begegnen“, sagt Forstwissenschaftlerin Geva Peerenboom: „Inzwischen sind solche Begegnungen aber nicht die Ausnahme, sondern die Regel.“ Auf einer neuen Onlineplattform bündeln die Forscher Infos und Steckbriefe von Tieren wie Fuchs, Igel und Waschbär.

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[Text: Simone Höhl, Video: Daniel Laufer, Foto: Thomas Kunz]