Ja? Nein? Vielleicht? Wie treffe ich Entscheidungen?

Bianca Fritz

Pro- und Contralisten schreiben, würfeln, den Freundeskreis befragen - es gibt hunderte Methoden, sich zu entscheiden. Aber eine gute Entscheidung zu treffen, ist nicht ganz so einfach. Der entscheidende Klick für die nächste Fünfminutenlektüre (mit Audiointerview ein bisschen mehr) ist aber kinderleicht:



Eigentlich wollte der Entscheidungscoach das Interview in einem Café in der Stadt geben. Zwei Tage später hat er es sich anders überlegt: Ein ruhiges chinesisches Restaurant außerhalb soll es sein. Solche Alltagsentscheidungen treffen wir zuhauf – und nehmen sie nicht einmal bewusst wahr. Weckwiederholung drücken? Haare zusammenbinden? Links oder rechts fahren? Man könnte meinen, wir seien geübte Entscheider. Doch kaum geht es um mehr als den Schulweg, tun wir uns plötzlich schwer.




Kuscheln oder Party?

Welches Studium, welcher Ausbildungsplatz, welcher Partner, welcher Wohnort? Gerade junge Menschen haben wichtige Entscheidungen zu treffen, die vielleicht ihr ganzes Leben, sicher aber die nächsten Jahre beeinflussen werden. Auch die 21-jährige Freiburgerin Linda Zimmermann ist in dieser Situation. Vor kurzer Zeit hat sie eine Ausbildung begonnen und wünscht sich jetzt mehr Selbstständigkeit. Der Auszug bei den Eltern soll helfen. Nur wer ihr neuer Mitbewohner sein soll, bereitet Linda Kopfzerbrechen. Da ist auf der einen Seite ihr Freund. "Es wäre wunderschön, jeden Abend neben ihm einzuschlafen", sagt sie.

Andererseits fürchte sie sich vor zu viel Nähe und neuer Abhängigkeit. Mit der besten Freundin zusammenzuziehen klingt auch verlockend: "Zwei Chaosnudeln unter einem Dach und Party nonstop", schwärmt Linda. Die Argumente schwirren wild durch ihren Kopf. "Ich kann mich einfach nicht entscheiden!"

Dr. Kuno Jungkind (Foto), Facharzt für Psychosomatik und Psychotherapie und Entscheidungscoach aus Freiburg, kennt solche Fälle. Zu ihm kommen Menschen, deren Situation festgefahren scheint. Das sind Rechtsanwälte, Klinikchefs und Manager, die sich mit gewichtigen geschäftlichen Fragen herumschlagen, aber auch Studenten und Schüler, die an einer privaten oder beruflichen Entscheidung knabbern. Wie viel das Coaching kostet, handelt der Arzt mit jedem einzeln aus – ein Schüler zahlt weniger als ein Manager.

Im Coaching analysiert Jungkind zunächst mit den Entscheidern, um welche Art von Entscheidung es sich dreht, welche Entscheiderpersönlichkeit sie sind, welche Faktoren für die Entscheidung eine Rolle spielen, wo es Konflikte gibt und an welcher Stelle des Entscheidungsprozesses sie stehen.

"Schwierige Entscheidungen laufen nach einem Muster ab – darin sind sie anderen seelisch-geistigen Prozessen wie Verlieben, Trauern, Denken nicht unähnlich", sagt Jungkind. Fast jedem Entscheider hilft es, einen anderen Blick auf das Thema zu gewinnen: "Es gibt vier Möglichkeiten, wie wir der Welt gegenübertreten", erklärt Jungkind, "mit Kopf, Herz, Bauch und allen Sinnen."



Handykauf mit allen Sinnen

Was das für eine Entscheidung bedeutet, zeigt ein konkretes Beispiel erläutern: "Kaufe ich das neue Handy, oder kaufe ich es nicht?" Im Kopf wiegen wir das Preis-Leistungs-Verhältnis ab und studieren die Konditionen des gekoppelten Vertrags. Das Herz, das Gefühl, will dieses Handy haben oder nicht – warum, das können wir uns oft selbst nicht erklären. Der Bauch, die Intuition, arbeitet mit unseren Erfahrungen und Ahnungen. Der Bauch könnte in diesem Fall also sagen: "Ich kaufe das Handy in ein paar Monaten." Denn die Erfahrung lehrt uns, dass bei einem neuen Modell oft Kinderkrankheiten ausgebessert werden müssen und das Gerät mit der Zeit billiger wird. Wenn alle Sinne zum Zuge kommen, wiegen wir das Handy in der Hand, lassen die Farbe auf uns wirken, hören uns die Klingeltöne an und schnuppern kurz daran – danach entscheiden wir, manchmal ganz spontan, ob das Handy gekauft wird.

"Eine schnell getroffene Entscheidung muss nicht schlechter sein als eine, die nach langer Grübelei fällt – insofern wir die Konsequenzen tragen können", sagt Jungkind. Und diese Konsequenzen sind natürlich bei Entscheidungen rund um den Berufsweg, den Wohnort oder die Liebe weitreichender als beim Handykauf. Im Idealfall betrachtet man eine so komplexe Entscheidung aus allen vier Perspektiven.

Erst wenn das Bild, das sich aus den vier Kanälen ergibt, stimmig ist, kann man eine gut durchdachte Entscheidung treffen. Wenn ein Kanal schweigt, kann der Entscheider versuchen, ihn mit bestimmten Methoden zu öffnen. Der Kopf wird zum Beispiel mit der Entscheidungsmatrix angesprochen. Dabei werden rationale Entscheidungskriterien aufgeschrieben und benotet. Emotionen kann man mit der Losmethode entdecken: Man schreibt beide Möglichkeiten auf Lose, zieht eines und achtet auf seine Reaktion. Ihre Intuition erreichen viele Menschen, wenn sie sich ihren gewünschten Alltag in zehn Jahren bildlich vorstellen. Die Wahrnehmung hat Jungkind beispielsweise bei einer Kundin angesprochen, als er sie bat, zwei Steine herauszusuchen, welche die Berufe darstellen, zwischen denen sie sich entscheiden sollte.



Das Herz will nicht auf den Kopf hören

Was aber, wenn sich Herz und Kopf, Bauch und Sinne widersprechen? Worauf sollten wir hören? Der Entscheidungscoach möchte darauf keine allgemeine Antwort geben. Jeder Mensch sei anders, jede Entscheidungssituation individuell. Wenn sich die Tendenzen zu sehr widersprechen, dann sei aber noch nicht der richtige Zeitpunkt gekommen, sich aktiv zu entscheiden. Jungkind: "Vielleicht fehlen Informationen, oder man muss die Entwicklung der Dinge eine Weile beobachten, bis das Bild klarer wird." Gleichzeitig bestehe natürlich die Gefahr, dass wir Entscheidungen so lange hinauszögern, bis uns der Entscheidungsspielraum genommen wird. Entscheidungen zu treffen bedeutet schließlich auch, sein Leben selbst in die Hand zu nehmen.

Linda allerdings war noch nicht so weit, rationale und emotionale Argumente zu trennen. Sie wollte ihre Entscheidung reifen lassen. Außerdem hielt sie es für sinnvoll, die Meinung derer einzuholen, die von der Entscheidung betroffen waren. Doch das machte alles schwieriger: "Ich kann nicht verstehen, dass du lieber mit ihr zusammenziehst", klagte ihr Freund. "Ist das nicht cool? Wir beide in einer eigenen Wohnung", jubilierte die beste Freundin. Warum nur verhielten sich alle, als habe Linda schon entschieden?

Die Meinung anderer einzuholen kann laut Jungkind neue Schwierigkeiten aufwerfen. Einerseits bringen Freunde und Verwandte andere Perspektiven in den Entscheidungsprozess ein. "Aber man muss sich kennen: Wenn man sich leicht beeinflussen lässt, holt man die Meinung anderer besser erst ein, wenn man sich schon recht sicher ist, was man möchte."

Linda reagiert mit Rückzug. Spricht mit niemandem mehr über das Thema. Dann leistet ihr das Schicksal Entscheidungshilfe. Ihre Freundin Tati entscheidet sich, ins Ausland zu gehen. Und ihr Freund erhält einen Studienplatz in einer anderen Stadt. Vor wenigen Tagen hat Linda den Mietvertrag für eine Einzimmerwohnung unterschrieben. "Ich freue mich auf meine eigene Wohnung – irgendwann teile ich mein Zuhause auch gerne wieder."

Mehr dazu:



Bücher:
  • Kuno Jungkind: Gut entscheiden - mit Herz und Verstand, Herder-Verlag, 159 Seiten, 8,90 Euro
  • Gitte Härter: Ja, nein, vielleicht? Mit CD-ROM. Entscheidungen leichter treffen, BW-Verlag, 16 Euro
  • Matthias Nöllke: Entscheidungen treffen. Schnell, sicher, richtig. Haufe, 126 Seiten, 6,90 Euro
Web:
  • Methoden zur Entscheidungsfindung insbesondere rund um den Beruf

Audiointerview

Ein Interview mit Entscheidungscoach Jungkind gibt es hier noch zum Anhören als mp3-Datei (8:19 Minuten):