Welt-Vegan-Tag

Ist vegan leben gesund? Eine Veganerin und eine Fleischesserin diskutieren

Gina Kutkat

Am Donnerstag wird der Welt-Vegan-Tag gefeiert. Vegane Ernährung ist hip – aber ist sie auch gesund? Die angehende Freiburger Referendarin Céline Travagli ernährt sich seit vier Monaten pflanzlich und ist überzeugte Tierethikerin. Denise Zdzieblik sieht den Veganismus aus ernährungswissenschaftlicher Perspektive kritisch. Gina Kutkat hat mit den beiden gesprochen.

Was haben Sie heute zum Frühstück gegessen?

Travagli: Bei mir gab’s Haferflocken aufgekocht mit Hafermilch. Dazu Leinsamen, Kerne, frisches Obst – heute waren es Feigen und Khaki.
Zdzieblik: Bei mir auch, aber mit Chiasamen. Ich nehme zum Frühstück auch gerne Hafermilch oder Kokosmilch. Das Obst wechselt nach Bedarf, dazu trinke ich Tee oder Kaffee.

Wie nährstoffreich ist so ein Müsli?

Zdzieblik: Das ist ein ausgewogenes Frühstück. Haferflocken sind eine gute pflanzliche Zinkquelle. Ein Nährstoff, der bei der veganen Ernährung kritisch gesehen wird. Chiasamen liefern nicht nur Proteine, sondern auch ein vollständiges Aminosäurespektrum. Man wird mit Aminosäuren versorgt, die man nicht selbst produzieren kann.
Denise Zdzieblik, 27, ist wissenschaftliche Mitarbeiterin für den Bereich Ernährung am Institut für Sport und Sportwissenschaft in Freiburg.

Céline Travagli, 27, hat Philosophie und Spanisch an der Universität Freiburg studiert und sich für ihr Staatsexamen im Fach Philosophie unter anderem mit dem Thema Tierethik befasst. Sie lebt vegan.

Frau Travagli, wie lange ernähren Sie sich schon pflanzlich?

Travagli: Ich habe drei Jahre vegetarisch gelebt, bevor ich vor vier Monaten vegan wurde. Vegetarisch war für mich kein großer Schritt, weil ich nie ein großer Fleischesser war. Der Schritt zum Veganen war schon größer, aber für mich unumgänglich. Für mein Staatsexamen habe ich mich unter anderem intensiv mit dem Thema Tierethik beschäftigt und wollte nicht länger tierische Produkte essen.

Gab es einen bestimmten Auslöser?

Travagli: Mir ist klar geworden, dass ich auch den Tod der Tiere auf mich nehme, wenn ich Milch, Butter oder Käse konsumiere. Kühe geben nicht einfach so Milch. Sie werden geschwängert, gebären einmal im Jahr ein Kalb, das ihnen wenige Stunden nach der Geburt weggenommen wird. Die Kuh hat wahnsinnige Verlusterscheinungen. Das männliche Kalb wird verkauft, gemästet und kommt zum Schlachter, das weibliche wird als Milchkuh herangezüchtet.

"Wer vegan lebt, muss sich schon sehr mit der Thematik auseinandersetzen." Denise Zdzieblik

Frau Zdzieblik, Sie leben nicht vegan?

Zdzieblik: Ich schließe keine Lebensmittelgruppe aus, esse aber wenig Fleisch. Überwiegend pflanzlich, aber im Gegensatz zu Vegetariern und Veganern gönne ich mir ein Stück Fleisch oder Fisch. Ich esse auch Milchprodukte, achte bei den tierischen Produkten aber drauf, wo sie herkommen.

Gibt es ernährungswissenschaftliche Aspekte, die gegen den Veganismus sprechen?

Zdzieblik: Man kann nicht genau sagen, ob vegan gut oder schlecht ist. Wer vegan lebt, muss sich schon sehr mit der Thematik auseinandersetzen. Eine vegane Kost kann eine gesunde Alternative sein, wenn man weiß, auf welche kritischen Nährstoffe man achten muss. B12 und Vitamin D sind entscheidend. Mir wäre das Risiko zu groß, in einen Mangel reinzurutschen. Außerdem spielt bei mir auch der Genuss eine Rolle, ein gutes Stück Fleisch darf es dann schon mal sein.

Travagli: Ich habe früher Fisch und Fleisch gegessen und auch gerne Käse. Trotzdem gibt es bei mir nie den Punkt, an dem ich ein Stück Käse sehe und schwach werde. Es ist einfach so verankert und aus tierethischer Sicht so tief drin, dass ich meine Prinzipien für keinen Genuss der Welt über Bord werfen würde.

"Für mich hatte Nahrung noch nie mit einem Trend zu tun." Céline Travagli

Haben Sie denn Mangelerscheinungen?

Travagli: Ich fühle mich total gut und fit. Allerdings kann man B12 pflanzlich nicht in dem Maße aufnehmen, in dem man es braucht. Deshalb nehme ich es als Nahrungsergänzungsmittel. Ich habe vor vier Monaten ein Blutbild beim Arzt machen lassen, nächste Woche habe ich wieder einen Termin um zu schauen, ob alles in Ordnung ist.

Ist es Trend, vegan zu leben?

Travagli: Es ist bestimmt ein Trend, gerade in Großstädten wie Hamburg oder Berlin, wo die sogenannten Vegan-Hipster leben. Für mich hatte Nahrung aber noch nie mit einem Trend zu tun. Was mich glücklich macht ist, dass meine Familie so positiv auf meine Umstellung reagiert. Meine Mutter hat nur noch pflanzliche Milch im Kühlschrank. Man merkt immer öfter, dass das Thema die Leute beschäftigt. Ich kann mir vorstellen, dass, zumindest was die Massenproduktion von Fleisch angeht, in vier bis fünf Jahren ein Umdenken stattfindet.

Zdzieblik: Die bewusste Beschäftigung mit Ernährungskonzepten – sei es Veganismus oder Paleo – nimmt zu. Ethische und ökologische Aspekte werden immer wichtiger und ich stimme Ihnen zu, dass der Fleischkonsum zu hoch ist. Ich würde aber gerne von dem Gedanken weggehen, dass man immer in ein Extrem gehen muss. Gut getaktet kann man das mit einem bewussteren Konsum von Fleisch auch weltweit so organisieren, dass Tiere tiergerecht gehalten werden. Dass Tiere sterben, sollte jedem bewusst sein, der Fleisch ist.

"Ich würde auch das Frühstücksei nicht vom Tisch verbannen – da bin ich dafür, dass man drauf schaut, wo das Ei herkommt." Denise Zdzieblik

Die Deutschen sind im Durchschnitt zu dick und essen zu viel rotes Fleisch und Wurst. Wäre allen geholfen, wenn sie auf Fleisch verzichten würden?

Zdzieblik: Alles, was Richtung Umstellung auf eine gesündere Ernährung stattfindet, wäre bei diesen Personen hilfreich. Sicherlich auch die vegane Kost unter der Berücksichtigung kritischer Nährstoffe, denn diese ist mit viel Aufnahme von Obst und Gemüse gesünder als eine Ernährung, die hauptsächlich aus Fleisch und Wurst besteht – das ist nicht ausgewogen. Man sollte allerdings nicht zu den veganen Ersatzprodukten greifen, die sehe ich kritisch. Gerade industriell gefertigte Produkte enthalten meistens Konservierungsstoffe und sind nicht besser als das tierische Original.

Wie sieht bei Ihnen ein ausgewogener Tag aus?

Zdzieblik: Ein selbstgemachtes Müsli zum Frühstück ist gut. Ich rate von Fertigmüslis ab, das sind Zuckerbomben. Mittags Quinoa mit einer Gemüsebeilage, Fisch oder Fleisch dazu und eine Erdnuss- oder Kokosnusssauce. Zwischendurch ist Obst gut. Abends dann Brot mit Aufschnitt. Beim Brot sollte man darauf achten, dass man zu Vollkornbrot greift. Ich würde auch das Frühstücksei nicht vom Tisch verbannen – da bin ich dafür, dass man drauf schaut, wo das Ei herkommt. Das Ei ist ein Lebensmittel, das ziemlich viel abdeckt, weil es sozusagen der Startschuss für ein neues Leben ist.
Travagli: Bei mir sieht es ähnlich aus. Ich würde Fleisch oder Fisch durch Hülsenfrüchte, Tofu oder Seitan ersetzen. Abends nehme ich statt Käse und Butter dann Avocado oder einen selbstgemachten Aufstrich. Man kann sich aus sämtlichen Nüssen und Kernen sämtliche Pasten mischen.

"Auch glückliche Tiere landen am Ende im Schlachthof." Céline Travagli

Und wenn man Ihnen ein Stück Fleisch von einem glücklichen Tier anbietet?

Travagli: Man hat als Kind das Bild eines schönen idyllischen Bauernhofs im Kopf, auf dem die Hühner frei rum laufen. So ist es in der Realität nicht mehr. Auch glückliche Tiere landen am Ende beim Schlachthof – und vor dem Schlachter sind alle Tiere gleich. Er streichelt eine Kuh nicht noch zehn Minuten vor dem Bolzenschuss, weil sie von einem schönen Biohof kommt. Es läuft einfach soviel schief mit der Intensivtierhaltung. Wir könnten es uns in Deutschland doch leisten, die Tiere zumindest in so einem Rahmen zu halten, dass es einigermaßen artgerecht ist. Dass man dabei nicht drüber diskutieren muss, ob den Ferkeln bei lebendigem Leib der Hoden aufgeschnitten wird, ist selbstredend.

Zdzieblik: Ich bin sicherlich keine Vertreterin der Intensivtierhaltung und bin auch eher für den Weidenschuss. Ich versuche, die Fleischprodukte auf einem Level zu halten, von dem ich denke: Wenn alle so essen würden, hätten alle Tiere genug Weidefläche. Hinter vielen Themen, wie der nicht betäubten Ferkelkastration, stecken politische Entscheidungen. Egal, ob man sich für den Fleischkonsum entscheidet oder nicht, so kann es mit der Tierhaltung nicht weitergehen.

"Anstatt zu Missionieren versuche ich, ein Bewusstsein für die Thematik zu entwickeln." Denise Zdzieblik

Viele Menschen finden es schrecklich, was den Tieren angetan wird. Trotzdem fehlt der Wille, auf Tierprodukte zu verzichten. Woran liegt das?

Travagli: Ich glaube, es ist ein bisschen Unwissen, so böse es sich anhört. Wer sich wirklich intensiv mit der Thematik auseinandersetzt und Filme wie "Hope for all" oder "Earthlings" sieht, kann irgendwann nicht mehr anders leben. Man sieht Bilder, die man nicht mehr vergessen kann.

Zdzieblik: Die Filme habe ich auch gesehen. Ich finde es schwer einzuschätzen, wann jemand den Punkt erreicht hat und tierische Produkte verweigert.

Frau Travagli, halten Sie in Ihrem privaten Umfeld flammende Reden über Tierethik?

Travagli: Es ist schwierig. Ich will nicht jedes Mal diskutieren, wenn ich keine Milch in meinen Kaffee möchte. Wenn ein Kumpel ein Steak bestellt, weise ich ihn nicht darauf hin, wie sehr das Schwein gelitten hat. Wenn es möglich ist, umgehe ich die Thematik. Wenn aber Fragen kommen, beantworte ich sie auch und sage ganz klar meine Meinung.

Wie gehen Sie mit Ernährungsthemen um, Frau Zdzieblik?

Zdzieblik: Ich werde als Ernährungswissenschaftlerin schon viel gefragt, versuche aber die Antwort kurz und knackig zu halten. Das Thema Veganismus kommt auch im Freundeskreis auf und ich äußere mich auch dazu. Anstatt zu Missionieren versuche ich, ein Bewusstsein für die Thematik zu entwickeln.
Vegane Woche in allen Freiburger Mensen

In der Woche vom 5. bis 9. November gibt es in allen Freiburger Mensen täglich mindestens ein veganes Gericht. Auf dem Speiseplan stehen dann zum Beispiel "Apfel-Kürbiseintopf mit Zitronengras und Vollkornbrötchen", "Mangold-Linsencurry mit Zitronenmelisse, Naan Brot und Salat" oder "Karotten-Kokossuppe mit Tofuwienerle und Vollkornbrötchen".

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