Ist mein Kind gesund?

Manuela Müller

Wer schwanger ist, hat die Möglichkeit, das Kind schon im Mutterleib auf Erkrankungen oder Fehlbildungen untersuchen zu lassen. Man spricht dann von Pränataldiagnostik. In Freiburg gibt es einen Qualitätszirkel für Pränataldiagnostik, dem niedergelassene Gynäkologen, Humangenetiker, Hebammen und Vertreterinnen psycho-sozialer Beratungsstellen angehören. Auch Gudrun Hopfengärtner, Ärztin und Beraterin bei Pro Familia, gehört diesem Qualitätszirkel an. Manuela Winkler sprach mit ihr über Pränataldiagnostik.



Was ist Pränataldiagnostik?

Hopfengärtner: Pränataldiagnostik bezeichnet verschiedenste vorgeburtliche Untersuchungen, die im Grunde schon mit den Ultraschalluntersuchungen während der Schwangerschaft beginnen, und beispielsweise mit der Chorionzottenbiopsie in sehr invasive Untersuchungen münden können. Dabei ist die wichtigste Frage: Ist mein Kind gesund? Eine Entwicklungsstörung kann schon bei der ersten Ultraschalluntersuchung festgestellt werden.

Es gibt invasive und nicht-invasive Pränataldiagnostik. Was ist der Unterschied?

Hopfengärtner: Zur nicht-invasiven Pränataldiagnostik gehören der Ultraschall, die Messung der Nackendichte, der Triple-Test, Untersuchungen, die sich aus Blutwerten gewinnen lassen. Invasiv ist dagegen etwas Eindringendes, zum Beispiel die Chorionzottenbiopsie oder die Amniozentese. Da wird die Gebärmutter mit einer Nadel punktiert und Gewebe der Mutter oder der Plazenta entnommen. Das heißt, da wird die Grenze zwischen Embrio und Außenwelt überschritten.

Warum lässt eine Frau invasive Untersuchungen machen, obwohl sie keiner Risikogruppe angehört?

Hopfengärtner: Die pränatalen Untersuchungen sind Angebote, die es heute gibt. Da kann man also nicht mehr zurück. Sowohl der gesellschaftliche als auch der individuelle Druck, ein gesundes Kind zur Welt zu bringen und eine Sicherheit zu haben, sind heute enorm hoch. Wobei ein positives Ergebnis der Pränataldiagnostik keine Garantie ist, ein gesundes Kind zu bekommen. Denn ein Großteil der Behinderungen kommen erst während der Geburt oder danach zustande. Hier herrscht also ein großer Irrglaube über die Sicherheit, die vorgeburtliche Untersuchungen geben, der den Frauen oft nicht bewusst ist.

Die Pränataldiagnostik ist umstritten. Welche Argumente haben Befürworter und Gegner dieser Untersuchungen?

Hopfengärtner: Dafür spricht, dass die Pränataldiagnostik ein medizinischer Fortschritt ist, der angeboten wird, um schwerwiegende Erkrankungen zu eruieren. Ein Teil der Diagnostik lässt auch therapeutische Möglichkeiten zur Risikominimierung zu, so gibt es beispielsweise Möglichkeiten einen angeborenen Herzfehler schon während der Schwangerschaft zu operieren. Oft gibt es allerdings keine therapeutische Möglichkeit, so dass das Paar vor dem Dilemma steht: Was machen wir jetzt? Da steht dann die Entscheidung für oder gegen das Kind an, mit eventuellem späten Schwangerschaftsabbruch. Da kommen dann die Gegner der Pränataldiagnostik auf den Plan, die die ethische Fragen aufbringen: Habe ich das Recht zu entscheiden, was ist lebenswert, was ist nicht lebenswert? Da gibt es natürlich auch den Schutz des ungeborenen Lebens.

Welche Probleme haben Frauen, die zum Thema Pränataldiagnostik zu Ihnen in die Beratung kommen?

Hopfengärtner: Vor kurzem hatte ich einen dramatischen Beratungsfall. Da kam eine 41-jährige Frau zu mir mit der Frage: Kann ich auch “Nein” sagen zur invasiven Pränataldiagnostik. Die hat sich sehnlichst dieses Kind gewünscht und wollte auf keinen Fall diese invasiven Untersuchungen, weil sie das Kind so nehmen wollte, wie es kommt. So eine Entscheidung muss man akzeptieren. Aber die Frau hat sich von ihrem Arzt durch eine Überweisung stark in Richtung Pränataldiagnostik gedrängt gefühlt.

Viele sehr informierte Frauen kommen im Vorfeld in die Beratung mit der Frage, ob sie diese Untersuchungen machen sollen oder nicht. Die wollen sich neben der Arztmeinung noch eine weitere einholen oder sich über die unterschiedlichen Methoden informieren. Doch viele Frauen kommen auch ohne jegliches Vorwissen und gehen davon aus, dass die Pränataldiagnostik eine Garantie liefert.

Ziel der Beratung ist es auf jeden Fall, eine Lösung zu finden, zu der die Frau oder das Paar stehen kann. Da kann man nicht in die eine oder in die andere Richtung beraten. Das ist immer ganz individuell.

Was zieht das Ergebnis, dass das Ungeborene behindert ist, für die Schwangere nach sich?

Hopfengärtner: Wenn so ein Befund kommt, ist die Frage, wie man nun weiter vorgeht. Viele Frauen verfallen dann in Panik und wollen die Schwangerschaft möglichst schnell abbrechen und denken, dass sie nun das Recht dazu haben. Dabei wird häufig die psychische Belastung der Frau nicht beachtet. Schließlich können Frühgeburten heute durch die medizinische Versorgung besser überleben. Der späte Schwangerschaftsabbruch kann also dazu führen, dass bei einer frühzeitig eingeleiteten Geburt das Kind überlebt. Außerdem hat man ja in den späten Monaten der Schwangerschaft schon eine Beziehung zum Ungeborenen entwickelt.

Da setzt unsere Aufgabe der psycho-sozialen Beratung an, dass wir die Tragweite, die Möglichkeiten und die seelische Belastung ansprechen.

Worum handelt es sich beim Qualitätszirkel, dem Sie als Vertreterin der Pro Familia angehören?

Hopfengärtner: Der Qualitätszirkel ist aus einem Modellprojekt heraus entstanden, das in verschiedenen Städten mit wissenschaftlicher Begleitung und Dokumentation gestartet wurde. Die psychosoziale Beratung rund um das Thema Pränataldiagnostik sollte ins Zentrum gerückt werden. Die Qualität der Beratung und die Kooperation der verschiedenen Berufsgruppen sollten verbessert werden. Durch den Qualitätszirkel entstand hier in Freiburg eine Kooperation zwischen niedergelassenen Ärzten, Humangenetikern, Hebammen und Vertreterinnen aus den Beratungsstellen. Wichtig ist, dass die Frauen erfahren, dass es die Beratungsmöglichkeiten gibt.