Ist Liquid Ecstasy ein Problem in der KTS?

Carolin Buchheim

Mitte Oktober wurde ein Mann in der KTS verprügelt. Er sei ein Dealer gewesen, der vor Ort Liquid Ecstasy verkauft habe, rechtfertigten KTSler danach ihr vorgehen. (fudder berichtete). fudder hat in einem E-Mail-Interview mit der KTS nachgefragt: Ist Liquid Ecstasy ein Problem in der KTS? Und: Wie wollen die Verantwortlichen in Zukunft mit dem Thema umgehen?





Ist Liquid Ecstasy ein Thema in der KTS?

Der Missbrauch von Liquid Ecstasy als K.O.-Tropfen wird von den Medien immer wieder aufgegriffen. Dabei wird GHB/GBL durch den Namen "Liquid Ecstasy" oft fälschlicherweise mit Ecstasy in Verbindung gebracht, wir bevorzugen daher den Begriff „Liquid“. Die Thematik „Drogen“ ist mittlerweile auch in der KTS zum Anstoß kontroverser Diskussionen geworden. Die staatliche Verfolgung, die damit einhergehende Schaffung großer Drogenkartelle, das dadurch entstehende Milieu und die besonders unkontrollierte Ausbeutung derjenigen, die unter unwürdigen Bedingungen Drogen produzieren, transportieren und verkaufen, aber auch das Recht auf persönliche Selbstbestimmung im Umgang mit Drogen bieten viel Platz für differenzierte politische Analysen.

Das Verprügeln des mutmaßlichen Dealers Mitte Oktober wurde nicht nur in den fudder-Kommentaren als "Selbstjustiz" kritisiert. Wie werdet ihr in Zukunft mit mutmaßlichen Dealern in der KTS umgehen? Und wie mit der Polizei?

Zuerst einmal möchten wir das mutmaßliche Verprügeln des Dealers richtigstellen. Der Dealer wurde gewaltlos des Hauses verwiesen und kam später, wie von ihm angekündigt, mit Freunden zurück, um, wie er sagte, den Leuten aufs Maul zu hauen. In dieser Situation gab es die beschriebene Auseinandersetzung. Wie geschehen, werden wir auch zukünftig Dealer des Hauses verweisen und ein Hausverbot gegen sie aussprechen. Probleme versuchen wir auch weiterhin selbst zu lösen. Gewalt soll dabei vermieden werden und ist für uns das letzte Mittel. Dass die Polizei nach wie vor bei uns unerwünscht ist, steht außer Frage.

Wie habt ihr bisher auf das Problem „Liquid“ in der KTS reagiert?

Das Problem ist in der KTS relativ neu. Erstmal haben wir uns in das Thema eingearbeitet und es hat viele Diskussionen gegeben. Liquid ist tatsächlich eine ungewöhnliche Droge. Da sie beispielsweise in Form von Graffitientfernern relativ einfach und billig in großen Mengen zu kaufen ist, bietet es sich wie bei vielleicht keiner anderen Droge an, sie zu verteilen oder sie heimlich jemandem ins Getränk zu tun. Letztendlich ist da natürlich jede(r) Einzelne gefragt.

Deshalb haben wir angefangen, zum Beispiel bei Partys Informationsmaterial auszulegen. Außerdem haben wir den Schutz der Veranstaltungen verbessert und sprechen verstärkt Personen an, die den Eindruck erwecken, unter Drogeneinfluss zu stehen. Bei großen Partys und Konzerten sorgen wir dafür, dass im Haus SanitäterInnen mit guten Kenntnissen in erster Hilfe gerade auch für solche Fälle anwesend sind. Weitere Ideen sind noch in der Planungsphase.

Wie wird insgesamt in der KTS mit dem Thema "Drogen auf Partys" umgegangen?

Im Allgemeinen wird in der KTS niemandem vorgeschrieben, was er oder sie mit seinem beziehungsweise ihrem Körper anstellen darf. Das persönliche Recht auf Rausch wird von uns anerkannt. An Grenzen stößt dieses Recht jedoch, wenn der Konsum zu einer Belastung für andere Menschen in und um die KTS herum wird. Nicht hinnehmbar ist für uns, wenn die Räumlichkeiten der KTS ausgenutzt werden, um Drogen zu verkaufen oder mittels Drogen andere in ihrer Entscheidungsfähigkeit zu beeinträchtigen.

Ein Rauswurf solcher Menschen dient nicht nur dem Schutz der Gäste und des Hauses, sondern verteidigt auch einen der wichtigsten politischen Grundpfeiler der KTS: den Anspruch auf Selbstbestimmung.

Hat sich die Partykultur in der KTS verändert? Wenn ja, warum?

Die Partykultur in der KTS hat sich in der Tat verändert. Das Publikum ist insgesamt breiter geworden. Es kommen viel mehr junge Leute in die KTS, leider auch Menschen, die unter Drogeneinfluss stehen und sich aggressiv verhalten. Gründe für die veränderte Partykultur könnten zum Beispiel das ehemalige und vielleicht auch zukünftige Alkoholverbot in der Innenstadt, das Rauchverbot in Kneipen und Clubs, die Sperrstunde, die Club-übergreifende Hausverbotskampagne und die Schlagstockbullen vor der Discotür sein. Die Leute können bei uns ein Gefühl der Freiheit genießen, das in anderen Locations auf der Strecke geblieben ist, die Preise spielen aber sicherlich auch eine Rolle.

Generell freuen wir uns über ein breiteres Publikum, empfinden es aber als problematisch, wenn die KTS als bloße „Afterhour-Location“ oder Ausweichort für mittlerweile geschlossene und für ihren Drogenkonsum bekannte Partylocations wie den Liquid-Club genutzt wird. Die Diskussionen über das veränderte Partypublikum waren und sind umfangreich. Viele von uns betrachten die Entwicklungen der letzten Zeit mit Sorge.

Welche Folgen hat diese Veränderung gehabt?

Wir haben bemerkt, dass gesellschaftlich noch immer weit verbreitete Diskriminierungen wie Sexismus oder Homophobie verstärkt auch bei uns vorkommen. Mag es woanders vielleicht keine Folgen haben, Frauen zu begrapschen, kann und wird so was bei uns zu einem Rauswurf führen. Auch Machosprüche werden bei uns nicht toleriert, ebenso Sprüche wie: „Bist du schwul, oder was?“.

Entscheidend ist, dass unsere Gäste wissen, dass sie jederzeit zu den Leuten an der Theke, Kasse oder Türe gehen können, wenn sie sich belästigt fühlen. Dort wird ihnen direkt geholfen oder jemand organisiert, der helfen kann. Da nicht jedeR weiß, wofür die KTS steht, ist es umso notwendiger, das Selbstverständnis der KTS besser zu vermitteln. Natürlich ziehen wir auch praktische Konsequenzen in der Organisation der im Haus stattfindenden Partys.

So gab es bei der Soliparty der Autonomen Antifa Ende Oktober beispielsweise einen veganen Burgerstand statt eines Cocktailstandes, um das Aggressionspotenzial nicht durch harten Alkohol zu erhöhen. Leute, die Stress gemacht haben, wurden nicht in die KTS gelassen und irgendwann wurde die Tür geschlossen, um die Veranstaltung nicht zur Afterhour-Party für andere Clubs zu machen.

Da die Möglichkeit Partys zu organisieren und Subkultur zu leben jedem und jeder offen steht, obliegt die Gestaltung des Abend aber nach wie vor den jeweiligen VeranstalterInnen beziehungsweise BesucherInnen. Wir bieten nur die Rahmenbedingungen.

Welche Rolle spielt die Art der Musik, die läuft? Gibt es einen Zusammenhang zum Rest des Freiburger Nachtlebens?

Bei der eben erwähnten Party wurden beispielsweise unterschiedliche Musikrichtungen angeboten, auch mit dem Kalkül, dass der Drogenkonsum bei einer reinen Elektroparty wahrscheinlich höher gewesen wäre. Dass bestimmte Drogen zu bestimmten Subkulturen gehören können, ist gemeinhin bekannt.

Aber auch wenn auffällt, dass auf Partys mit elektronischer Musik der Konsum von chemischen Substanzen besonders verbreitet ist, wäre es falsch, die Problematik darauf abzuschieben und solche Partys nicht mehr zu veranstalten. Es mangelt an Aufklärung und Bereitschaft, in kritischen Situationen einzugreifen. Hieran muss gearbeitet werden.

Wenn Menschen im Zusammenhang einer Party zusammenbrechen oder vergewaltigt werden, dann ist das auch dadurch mitverschuldet, dass es zu wenig Aufklärung über Drogen und zu wenig direktes Eingreifen bei Sexismus gibt. Weite Teile des Freiburger Nachtlebens zeigen kein Interesse an präventiven Maßnahmen und auch die Polizei weigert sich, die Namen der ihr bekannten Clubs zu nennen. fudder-LeserInnen erinnern sich vielleicht noch an das „Schreibt in den Kommentaren bitte keine Namen!“-Theater nach der Razzia im Liquid Club. Ein angemessener, öffentlicher Diskurs fehlt, das ist entscheidender als die Musikrichtung, die läuft.



Wie soll es mit den Partys in der KTS insgesamt weitergehen?

Wir werden unsere präventiven Maßnahmen durchsetzen, verbessern und mit neuen experimentieren. Was immer dazugehört, ist die Reflektion über den Umgang mit der neuen Situation. Festgehalten wird auf jeden Fall an dem Konzept, dass Leute ihre Partys in der KTS selbst organisieren. Da die KTS als selbstverwalteter Freiraum davon lebt, dass sich Menschen engagieren und Verantwortung übernehmen, werden wir uns auch weiterhin dafür einsetzen, dass Gäste sensibilisiert werden und selbst auf inakzeptables Verhalten achten.

Ein weiteres Thema, das uns beschäftigt, ist das gestiegene Interesse an den Partys. Für die vielen BesucherInnen sind unsere Räume eigentlich zu klein. Schon oft konnten wir niemanden mehr reinlassen, weil es einfach zu voll war. Wir wissen, dass es viele Menschen gibt, die sich mehr Freiräume wie die KTS wünschen, Versuche diese zu erkämpfen scheitern aber immer wieder an der Politik der Stadt. Aktuelles Beispiel ist wohl das M1-Gelände in der Vauban. Der große Andrang bei uns und auch das rege Interesse an M1 zeigen, dass selbstverwaltete, unkommerzielle Projekte von den Menschen in Freiburg gewollt werden.

Welches Verhalten ratet ihr Mädchen und Frauen, die Konzerte und Partys in der KTS besuchen?

Unsere Verhaltenstipps gelten nicht nur für die KTS, sondern allgemein für Clubs und Kneipen. Das gilt natürlich auch für Männer, die genauso Opfer sein können.

Auf Getränke zu achten und keine Getränke von jemandem anzunehmen, dem du nicht vertraust, sollte selbstverständlich sein. Der letzten Rest im Glas oder in der Flasche sollte auf Partys grundsätzlich nicht getrunken werden, denn Liquid löst sich nicht, sondern setzt sich unten ab. Wenn ihr euch unwohl fühlt, redet sofort mit jemandem über euren Zustand, sprecht FreundInnen, Leute von der Kasse oder der Theke an. Leute, die Liquid freiwillig konsumieren, sollten darüber nachdenken, was sie tun:GHB/GBL-Safer Use-Guide. Überdosierung aus Unwissenheit oder die Kombination mit anderen Drogen und vor allem Alkohol kann tödlich sein. Nötigt eure FreundInnen nicht, Drogen zu nehmen und lasst euch nicht dazu nötigen! Schafft mehr Freiräume!

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[Bilder: KTS, dpa]