Ist es leichter zu studieren, wenn die Eltern Akademiker sind?

Sandra Chamiot-Poncet & Sonja Kättner-Neumann

Hat ein junger Mensch, der aus einem Akademikerelternhaus kommt, es an der Uni leichter als ein Arbeiterkind, das als Erstes in seiner Familie studiert? Der Bildungssoziologe Marcel Helbig beschäftigt sich am Wissenschaftszentrum Berlin für Sozialforschung (WZB) mit sozialen Ungleichheiten im Bildungsbereich. Sonja Kättner hat mit ihm, der selbst Arbeiterkind ist, über die Ungleichbehandlung von Arbeiter- und Akademikerkindern gesprochen.



Studien zeigen immer wieder, dass viel weniger Arbeiterkinder ein Studium beginnen als Kinder mit akademischem Hintergrund. Worauf lässt sich das Ihrer Meinung nach zurück führen?

Marcel Helbig: Die meisten Studien berücksichtigten nur diejenigen, die ohnehin studienberechtigt sind. Dass viele Arbeiterkinder überhaupt keine Studienzugangsberechtigung erlangen, fällt dabei unter den Tisch. Wir sehen zwar auch, dass von den Studienberechtigten Arbeiterkinder seltener ein Studium aufnehmen, aber diese Ungleichheiten sind bei weitem nicht so groß wie im Schulsystem.

Die Weichen für ein Studium werden also oft schon während der Schulzeit gestellt. Was müsste sich in unserem Bildungssystem ändern, damit mehr Arbeiterkinder Abitur machen können?


Da weiß ich gar nicht, wo ich anfangen soll! Fangen wir erst mal ganz hinten an: Das Hauptproblem ist eigentlich, dass wir das Gefühl haben, wir hätten eine Permanentreform im Schulsystem, die vielleicht auch den Arbeiterkindern etwas bringen könnte.

Dieser Eindruck trügt aus meiner Sicht, denn das, was umgestaltet und als große Reform bezeichnet wird, ist in Wahrheit nicht viel. Vielleicht haben wir da auch das Problem mit dem Bildungsföderalismus. Die 16 Kultusminister müssen jede Reform, die sie machen, groß aufbauschen, um ihre Arbeit überhaupt zu legitimieren.

Die Frage ist ja eigentlich: Warum schaffen es Arbeiterkinder nicht durch das Schulsystem? Punkt eins sind erst mal die elterlichen Ressourcen, und da spreche ich am allerwenigsten von Geld, sondern vor allem von kulturellen Gütern, wie Bücher oder Vorlesen. Da ist man schon ab dem ersten Lebensjahr schlechter aufgestellt. Betrachtet man die Kita- und Kindergartenausstattung in Deutschland, haben wir da riesige Probleme. Durch eine gute Vorschulbildung könnten solche Herkunftsdefizite sehr stark ausgeglichen werden. Im Moment sind die Kompetenzen zwischen Arbeiterkindern und Akademikerkindern schon in der ersten Klasse sehr unterschiedlich.

Zweitens schicken wir unsere Kinder nur vormittags in die Bildungsinstitution Grundschule, anstatt sie noch vier Stunden länger in der Ganztagsbetreuung zu lassen. Solche Dinge, die jetzt durch Frau von der Leyen gekommen sind, wie 'Wir müssen jetzt die Vereine an die Schulen bringen', 'Wir müssen Musikunterricht finanzieren für Hartz IV-Kinder', gehören eigentlich in eine Ganztagsschule. Auch Hausaufgabenbetreuung kann in ein Ganztagsschulsystem integriert werden. Somit würden sich die Unterschiede zwischen Arbeiterkindern und Akademikerkindern ein Stückchen nivellieren lassen.

Ein letzter, wichtiger Punkt: Die frühe Trennung nach der vierten Klasse. Durch viele Studien haben wir gesehen, dass wir hier eine Fehlzuweisung der Schüler haben, und die hängt oft mit ihrer Herkunft zusammen. Wir verschenken damit riesige Potenziale bei den Arbeiterkindern. Das sind erst mal die drei wichtigsten Punkte, man könnte das noch ewig ausführen.

Wenn die Kinder das Abitur dann geschafft haben, was sind Ihrer Meinung nach die größten Probleme, die sich Arbeiterkindern auf ihrem Weg ins Studium in den Weg stellen?

Sie haben einfach weniger Wissen darüber: Was bedeutet ein Studium? Kann ich überhaupt ein Studium schaffen? Wie finanziere ich das Studium? Welche Kosten sind damit verbunden? Denn in ihrem Umfeld sind statistisch gesehen viel weniger Personen, die selber ein Studium absolviert haben. So ist erst mal eine kulturelle Distanz da. Diese lässt die Erfolgswahrscheinlichkeit der Arbeiterkinder erst mal niedriger erscheinen und die Kosten sowohl objektiv als auch subjektiv höher. Objektiv, da man ohnehin aus dem Elternhaus nicht so viel Geld hat, das bereit gestellt werden kann. Zudem werden die Kosten subjektiv auch noch höher eingeschätzt, als sie eigentlich sind.

Besteht also ein Informationsbedarf über Finanzierungsmöglichkeiten wie BAföG oder Stipendien?

Genau. Man kriegt zum Beispiel BAföG erst, wenn man das Studium angefangen hat. Das Arbeiterkind kann also in dem Moment, in dem es das Studium aufnehmen will, noch gar nicht abschätzen ob es überhaupt eine Studienförderung erhält.

Untersuchungen zu Stipendien zeigen, dass diese zu einem so hohen Anteil an Kinder aus der Mittelschicht und der oberen Mittelschicht vergeben werden, weil die Arbeiterkinder teilweise gar nicht von dieser Möglichkeit der Studienfinanzierung wissen. Sie bewerben sich oft auch gar nicht um solche Förderungen, weil sie glauben, dass sie das Stipendium ohnehin nicht bekommen. Zum Beispiel bei Parteistiftungen wird soziales Engagement gefordert, was bei Arbeiterkindern oft weniger vorhanden ist, vielleicht auch dadurch, dass sie neben dem Studium öfter arbeiten gehen müssen und dadurch gar nicht die Zeit dafür haben.

Glauben Sie, dass die Studiengebühren in diesem Kontext eine abschreckende Rolle hatten?

Bis vor ein paar Monaten hätte ich gesagt, ja. Aber kürzlich haben wir eine Studie dazu durchgeführt, in der wir zu dem Ergebnis gekommen sind, dass Studiengebühren per se keinen negativen Einfluss auf den Studieneintritt hatten. Wir haben das auch nochmal separat für Nicht-Akademikerkinder und auch speziell für Kinder aus Arbeitermilieus ausgewertet, da hat es auch keinen negativen Einfluss.

Man muss mal überlegen, was heißt denn eigentlich 500 Euro pro Semester? 500 Euro Studiengebühren, das heißt 80 Euro im Monat. Und das ist dann vielleicht wieder auch nicht ganz so viel. Das Problem ist erst mal, genug Geld zu haben, um eine Wohnung und dergleichen finanzieren zu können.

Neben den finanziellen Problemen hört man auch immer wieder, dass es Arbeiterkindern zum Teil an Selbstvertrauen mangelt, den Uni-Alltag meistern zu können. Sehen Sie das auch so, oder ist das Ihrer Meinung nach ein Klischee?

Mir ist jetzt direkt dazu keine Studie bekannt. Was man aber weiß, ist, dass die Arbeiterkinder ihre Erfolgswahrscheinlichkeit für das Studium einfach geringer einschätzen und dass ein geringeres Selbstvertrauen da ist. Obwohl, vielleicht sollte man es nicht 'geringeres Selbstvertrauen' nennen. Es ist einfach diese soziale Distanz zum Studium da, weil man einfach keine Ahnung hat, was auf einen zukommt.

Wie schätzen Sie das familiäre Umfeld ein? Sie haben ja schon angesprochen, dass oft ein gewisses Wissen nicht vorhanden ist und die Eltern ihre Kinder in der Hinsicht nicht so viel unterstützen können. Spielt das auch während des Studiums eine Rolle, zum Beispiel bei Referaten oder Hausarbeiten?

Ich denke, dass das auch in Akademikerfamilien eher selbstständig abläuft. Der studierte Arzt könnte seiner Tochter ja nur helfen, wenn sie selber jetzt Medizin studiert. Wenn sie aber Politikwissenschaft studiert, dann kann er ihr auch nicht wirklich helfen. Wir wissen zwar auch, dass ein gewisser Prozentsatz an Kindern das gleiche Studienfach wählt wie die Eltern, aber das ist ein eher geringer Anteil. Von daher dürfte das sowohl bei Akademikerkindern als auch bei Arbeiterkindern kein großer Faktor mehr sein.

Oft können Eltern, die selbst nicht studiert haben, nicht viel mit den Erzählungen ihrer Kinder anfangen, was zu Problemen und Missverständnissen führen kann. Wie begründet sich das?

Als Arbeiterkind ist man Bildungsaufsteiger. Das heißt, man bewegt sich eigentlich aus seinem Milieu heraus, aus dem man einen gewissen Habitus mitbekommen hat. Und dann kommt man auf einmal in dieses neue Umfeld, wodurch es zu einer Veränderung des Habitus der Arbeiterkinder selbst kommt. Das entfernt sie natürlich von ihrem Ausgangsumfeld.

Auf der anderen Seite gehört man aber noch lange nicht zur akademischen Schicht, weil einen von den Akademikern einfach ein gewisser Werdegang von 18 Jahren unterscheidet. Man hängt da irgendwo zwischen den Stühlen: Man gehört nicht mehr zum Ausgangspunkt, aber man gehört eben auch noch nicht zu der Welt, in die man hineingeht. Zudem denke ich, dass die wenigsten Eltern von Arbeiterkindern überhaupt verstehen, was ihre Kinder eigentlich wirklich tun. Das liegt einerseits am Vokabular, aber auch an den Tätigkeiten an sich.

Die Tätigkeiten sind ja auch von den jeweiligen Studiengängen abhängig. Lässt sich in der Fächerwahl von Arbeiterkindern eine gewisse Tendenz erkennen?

Wenn man schon in Jugendzeiten stärker mit ökonomischen Schwierigkeiten konfrontiert wird - und das ist in Arbeiterfamilien zum Beispiel Arbeitslosigkeit -, dann werden materialistische Wertvorstellungen wichtiger. Deshalb will man etwas Sicheres, man guckt stärker auf das Einkommen.

Wenn ich hingegen in einem Umfeld groß werde, wo es überhaupt keine ökonomischen Schwierigkeiten gibt, dann werden Werte wie Selbstentfaltung und dergleichen immer wichtiger. Daher ist auch zu erwarten, dass Akademikerkinder eher Studienfächer wählen, die auf Selbstentfaltung, Gedankenaustausch und Selbstverwirklichung ausgelegt sind und Arbeiterkinder eher etwas Handfestes wie Ingenieurberufe wählen.

Wie schätzen Sie in diesem Kontext die Auswirkungen von Initiativen wie Arbeiterkind.de ein?

Es ist oft ein Tropfen auf dem heißen Stein, obwohl man sich die Programme genauer angucken muss. Aber das ist genau das, was im deutschen Bildungssektor fehlt: Es gibt überhaupt keine systematische Evaluation, was das eigentlich bringt. Also mit anderen Worten: Man kann nicht beurteilen, ob es was bringt, aber man könnte dies untersuchen und die Initiativen viel gezielter einsetzen. Bei Hartz IV hatte man das Geld dafür, aber für die Kinder ist es irgendwie nicht da…

Vergleicht man die Studien vergangener Jahre, lässt sich ein ansteigender Anteil von Arbeiterkindern an Universitäten erkennen. Denken Sie, dass sich dieser Trend auf lange Sicht bestätigen wird?

Diese Zuwächse sind ja alle im Promille-Bereich. Es kann sich auch um statistische Ausreißer handeln. Die Frage, die man sich erst mal stellen muss, ist: Warum sollten denn Arbeiterkinder heute stärker als vor zehn Jahren an die Universitäten gehen? Was hat das deutsche Bildungssystem für sie getan? Es hat eigentlich relativ wenig gemacht, um die sozialen Disparitäten zu bekämpfen.

Was wir jetzt sehen, kann auch damit zusammenhängen, dass Arbeiterkindern vielleicht mehr verdeutlicht wird, dass ein akademischer Abschluss ein sicherer Abschluss ist, der vor Arbeitslosigkeit schützt. Um sich wieder abzugrenzen, gehen Akademikerkinder zukünftig möglicherweise verstärkt an private Elite-Universitäten, an denen man 10.000 Euro pro Semester zahlen muss. Ungleichheiten zwischen Universitäten wie in den USA gibt es momentan aber noch nicht in Deutschland. Man kann also nicht sagen: 'Du kommst von der Humboldt-Universität, du kannst was' und 'Du kommst von der TU Dresden, du kannst nichts'.

 

Arbeiterkind.de

Wie organisiert man eigentlich ein Studium? Wie geht man mit der akademischen Freiheit um? Und was bedeutet eigentlich 'c.t.' im Vorlesungsverzeichnis? Junge Männer und Frauen, die als erste in ihrer Familie ein Studium beginnen, werden im Studienalltag oft mit Fragen konfrontiert, auf die niemand in der Familie eine Antwort hat.

Hier will die  Initiative Arbeiterkind.de einspringen und Hilfestellung geben. 4000 ehrenamtliche Mitarbeiter an 80 Studienorten in Deutschland engagieren sich bei Arbeiterkind.de für die Erststudierenden „Die meisten Fragen kommen am Anfang des Studiums“, sagt Jennifer Fritz von Arbeiterkind.de  in Freiburg. Die Mitglieder der Organisation treffen sich allmonatlich zu einem Stammtisch, sind  bei Informationsveranstaltungen in Schulen und auf Fachmessen vertreten, bieten Sprechstunden an und vermitteln Mentoren. Außerdem helfen sie bei der Suche nach Stipendien und Studienfinanzierung.

Arbeiterkinder, die ein Studium beginnen, werden  nur selten direkt diskriminiert. Trotzdem fühlen sich manche als Einzelkämpfer, entwickeln auf Grund von Problemen mit Dingen, die Kommilitonen mit Akademikereltern leichter fallen, Minderwertigkeitskomplexe oder fühlen besonders viel Druck, gute Leistungen zu erbringen. Denn wenn man einen ganz anderen Weg geht als die Eltern, macht das nicht nur stolz – sondern manchmal auch Angst.

„Man muss sich eigentlich ständig rechtfertigen. Meine Eltern haben weder verstanden, warum,  noch, was ich studiert habe“, sagt Jennifer Fritz.  „Man muss auch den Eltern die Angst nehmen, aber die sitzt oft tief.“  Arbeiterkind.de hilft den Studierenden im Uni-Alltag, Mitglieder geben praktische Tipps und fachlichen Rat. „Wir schreiben die Arbeit zwar nicht, aber wir gucken gerne mal drüber“, sagt Fritz.

Der nächste Arbeiterkind.de-Stammtisch in Freiburg findet am Montag, 5. März 2012 um 18.30 Uhr in der Gaststätte Mehlwaage statt.

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[Bild 1: © Tyler Olson - Fotolia.com; Bild 2: Privat]