IQ-Test: Im Sieb der Hochbegabung

Anne-Julie Maurer

Es ist kein Lottoschein, den Anne-Julie hier ausfüllt, sondern ein IQ-Test. Das hat sie gestern gemacht, weil sie wissen will, ob sie als "hochbegabt" gilt. Denn die Uni Freiburg befreit hochbegabte Studierende für zwei (ursprünglich drei) Semester von Studiengebühren. Ein Selbstversuch: Wie schwer ist er, dieser IQ-Test? Und was wird darin gefragt?



Wo beginnt Hochbegabung?

„Seitdem die Uni Freiburg Hochbegabte von den Studiengebühren befreit, ist das Interesse an den IQ-Tests stark gestiegen“, sagt die Testleiterin Angelika Katzner beim Test in Lahr. In diesen Tagen führt der Verein „Mensa in Deutschland e.V.“ in 40 Städten in ganz Deutschland Tests durch, die meisten sind ausgebucht.

Angelika Katzner ist, ebenso wie ihr Mann, Mitglied des Vereins. Rund zwei Drittel der Mitglieder sind Männer; woran das liegt, kann sie nicht sagen. „Vielleicht definieren sich die Männer einfach mehr durch ihre Intelligenz." Dieser Trend zeigt sich auch an diesem Testtag: unter den zehn Teilnehmern sind nur zwei Frauen.

Der Test

Der IQ-Test, den Mensa als Aufnahmekriterium stellt, besteht aus neun Aufgabenblöcken mit je zwölf Aufgaben. Für jeden Block hat man unterschiedlich viel Zeit – zwischen drei und zwölf Minuten. In dieser Zeit müssen die Aufgaben bewältigt werden, was nicht immer ganz einfach ist. Je nachdem, wie sehr einem ein Thema liegt oder nicht, kann man ganz schön ins Schleudern geraten.

Sprache

Ein Schwerpunkt des Tests liegt im sprachlichen Bereich. In der ersten Aufgabe müssen Sätze vervollständigt werden, in denen je ein Wort fehlt. Fünf Antwortmöglichkeiten stehen zur Wahl. Mit zunehmender Aufgabenzahl werden die Wörter, die man einsetzen kann, schwammiger, so dass ich oft zwischen zwei Möglichkeiten schwanke.



Dann muss man Gemeinsamkeiten zwischen zwei der fünf vorgegebenen Wörtern suchen, die auch wirklich nur zwei Wörter teilen. In einer Gruppe, die „Nase, Brille, Auge, Bügel, Ohr, Linse“ heißt, ist also „Brille“ und „Linse“ richtig – es sind beides sehverstärkende Mittel. Nase und Auge sind zwar beides Sinnesorgane, Ohr aber auch, und daher wäre diese Antwort falsch.

Zum Glück war diese Aufgabe aber nur ein Beispiel, die es am Anfang jedes Kapitels zum besseren Verständnis gibt. Am Ende nutze ich dieselbe Strategie wie in der vorletzten Aufgabe – ich suche die Wörter heraus, die nicht passen, und kreuze dann die an, die noch bleiben. In einer anderen Aufgabe sucht man Beziehungen zwischen Wörtern nach dem Schema: "A verhält sich zu B wie C zu D."  A, B und C sind gegeben, D muss man aus einer Reihe von Wörtern wählen.

Zahlenreihen

Auch mathematische Fähigkeiten und logisches Denken stehen auf dem Prüfbogen. Zahlenreihen vervollständigen klingt leicht, die ersten vier Reihen habe ich schnell gelöst. Entweder wird immer eine Zahl übersprungen, oder man rechnet +2, +3, +4, +5 und dann eben +6 = Lösungszahl. Danach jedoch wird’s schwierig und ich kann beim besten Willen keine logische Abfolge mehr erkennen. Ich rate.

Das „praktische Rechnen“ testet Fähigkeiten, die etwa der 5. Klasse Mathematikunterricht entsprechen. Dreisatz, Prozentrechnung, einfache Multiplikationen. Zum Beispiel: Eine Fläche ist 20 m mal 50 m groß. Es wurden aber versehentlich 21 m mal 50 m in einem Plan angegeben. Wie viel Prozent Fläche wurden zu viel angerechnet?



Figuren

Der dritte Teil des Tests beschäftigt sich mit räumlichem Denken. Nicht gerade meine Stärke. Im ersten Aufgabenblock geht es um Würfel. Man sieht drei Seiten eines Würfels mit verschiedenen Mustern und bekommt sechs Möglichkeiten, wie der Würfel nach Drehen und/oder Kippen aussehen kann. Dabei können natürlich neue Seiten zum Vorschein kommen oder es kann auch keine der Möglichkeiten richtig sein.

Die ersten Würfel sind noch recht einfach, da sie große Muster auf den Seiten haben. Dann wird’s aber schwieriger – manchmal ist es nur ein kleines Viereck mit einem Punkt am Eck einer Würfelseite, das beim Drehen oder Kippen in eine entsprechend andere Ecke rutschen kann.

Das schwierigste Thema für mich war allerdings das letzte: Figuren vervollständigen. Dabei sieht man fünf Figuren, zum Beispiel einen Kreis, ein Viereck, ein Rechteck, ein Trapez und einen Kegel (die Figuren werden mit zunehmender Aufgabenzahl abstrakter).

Darunter gibt es zwischen drei und fünf Bilder, die diese Figuren zerschnitten zeigen – wie bei einem Puzzle. Im Kopf soll man diese Schnipsel nun zusammensetzen und entscheiden, welche Figur sich am Ende ergibt. Wem, so wie mir, räumliches Denken überhaupt nicht liegt, hat hier schlechte Karten. Nach zehn Minuten habe ich nur die Hälfte der Aufgaben gelöst, den Rest rate ich.



Gedächtnis

Um die ganze Sache noch etwas komplizierter zu machen, muss man sich nach den ersten zwei Aufgabenblöcken eine Reihe von Produkten und ihre Namen, Preise und Herkunftsländer merken. Dabei kommen Produkte der gleichen Kategorie immer aus dem selben Land, haben die selbe Endung beim Produktnamen und kosten auch gleich viel.

Lebensmittel zum Beispiel kommen aus Deutschland, die Namen haben immer die Endung –to und sie kosten 17,99 DM (ja, der Test ist schon etwas älter). Nachdem man sich in 7 Minuten oder auch etwas schneller alles eingeprägt hat, geht es mit zwei völlig anderen Aufgabenblöcken weiter, bevor das gemerkte Wissen abgerufen wird. Durchatmen lässt es sich anderswo besser.

Zeit

Insgesamt dauert der Test zirka 90 Minuten, von denen man aber kaum etwas mitbekommt, außer einem Seufzer und einem verzweifelten Lachen hier und da. Überhaupt fordern die Aufgaben sämtliche Konzentration; abschreiben wird da schwierig. Vor allem, weil man die Antworten auf einem Din A 4 Blatt einträgt, auf dem die Antwortkästchen wahnsinnig klein sind.

Da stehen die Chancen schlecht, zum Nachbar zu spicken und das richtige Feld zu treffen. Andererseits misst der Test auch sehr hohe IQs bis zu 145. Wer also nicht alles ausgefüllt hat, kann trotzdem noch einen IQ von über 130 erreichen. Ebenso zählt das Alter. Wer älter ist, darf sich mehr Fehler leisten.



Sinn?

Auf das Testergebnis muss ich jetzt zwischen zwei und vier Wochen warten. Selbst, wenn ich dann keinen IQ von über 130 habe, werde ich weiterstudieren. Die Frage bleibt, ob ein hoher IQ-Wert etwas über die Leistung eines Studenten aussagt. „Schließlich gibt es Fächer, wie zum Beispiel Musik, da muss man künstlerisch begabt sein. Aber ob man da besonders gut Deutsch oder Rechnen kann, macht doch keinen Unterschied“, sagt Angelika Katzner.

Das sehen auch die Teilnehmer des heutigen Tests so. Einer schlägt vor, Hochbegabten einen Tutor zur Seite zu stellen, um sie zu fördern, oder eine Fachschaft einzurichten.

Sicherlich ein sinnvoller Vorschlag. Man könnte auch Studiengangspezifische Tests entwickeln. Oder ein ausgedehntes Bewerbungsverfahren einrichten, bei dem Studienbewerber eine kurze Abhandlung über ein Thema ihres Studienfachs einreichen dürfen. Dadurch könnten Studenten, die sich besonders für ihr Studium einsetzen, gefördert werden.

Denn wer sagt, dass jemand, der einen hohen IQ hat, sein Studium nicht irgendwann abbricht? Wer sagt, dass jemand, der nicht hochbegabt ist, sein Studium nicht mit viel Arbeit und Einsatz genauso gut absolvieren kann? Dass die Uni durch die bestehende Regelung Hochbegabte anziehen und sich zur Elite-Uni machen will, kann man ihr nur schwer vorwerfen, sie vertritt eben ihre eigenen Interessen. Das fairste ist und bleibt aber wohl trotzdem: entweder zahlen alle, oder keiner.

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