Interview zum Freiburger CSD: "Wir wollen uns lautstark gegen Rückschritte wehren"

Carolin Buchheim

Es soll ein dreitägiges Fest für Gleichstellung und Akzeptanz werden: Zum dritten Mal veranstaltet der CSD-Verein in diesem Jahr einen Christopher-Street-Day in Freiburg – mit Infoveranstaltungen, Partys und einer bunten Politparade durch die Stadt, Schaumkanone inklusive. Worum es den Veranstalterinnen und Veranstaltern geht:



Die Opfer des Terroranschlags auf den „Pulse“-Club in Orlando waren Schwule, Lesben und Transgender. Ist es jetzt besonders wichtig, auch in Freiburg beim Christopher-Street-Day auf die Straße zu gehen?
Esther Hauth:
Das schlimme Ereignis am vergagenene Wochenende zeigt, wie bedeutend es ist, Sichtbarkeit für queere Lebensweisen zu schaffen. Dass 49 Menschen durch einen homophoben Angriff den Tod gefunden haben, ist eine Tragödie.  Die Dimension ist sicher eine andere, aber auch hier in Freiburg gibt es immer wieder Gewalt gegen queere Menschen.


Wie unsicher fühlen sich Schwule, Lesben und Transgender in Freiburg?


Das ist eine sehr individuelle Angst. Nach Vorfällen, wie zum Beispiel im April 2015, als ein schwules Paar im Bermudadreieck angegriffen wurde, ist man sicher viel aufmerksamer und vorsichtiger. Ich kann nur für mich sprechen, aber die Hemmschwelle, in Freiburg die Zuneigung für den Partner oder die Partnerin offen  zu zeigen – egal ob auf der Straße oder im Nachtleben – ist sicherlich hoch. Menschen fürchten auch immer noch Repressionen durch die Teilnahme beim CSD. Wer in Freiburg lebt, geht deswegen möglicherweise lieber zur CSD-Parade nach Stuttgart, wo es nicht so wahrscheinlich ist, dass Nachbarn oder Arbeitgeber am Straßenrand stehen.

Das Motto des CSD lautet „Mein Herz schlägt gegen Rechts“. Welche politischen Forderungen machen Sie?

Unser politischer Forderungskatalog ist seit unserem Start vor drei Jahren immer länger geworden – denn geändert hat sich seitdem noch nichts. Im Gegenteil haben wir den Eindruck, dass sich das Vorgehen gegen queere Lebensweisen besonders in den vergangene zwei Jahren deutlich verschärft hat. AfD und Pegida demonstrieren regelmäßig in Stuttgart gegen die Gleichstellung der Ehe und zeitgemäße Aufklärungsarbeit an Schulen.

Uns bleibt nichts anderes übrig, als uns lautstark gegen Rückschritte zu wehren, die Gleichstellung und Akzeptanz queerer Lebensweisen betreffen. Auch innerhalb der Szene gibt es rechte Tendenzen; zum Beispiel als Reaktion auf die Homofeindlichkeit des Islams. Das finde ich sehr gefährlich, denn alle gesellschaftlichen Verhältnisse müssen differenziert betrachtet werden. In einem Vortrag  wird es gesondert um das Thema gehen.

Die Finanzierung des CSD war im vergangenen Jahr ein Problem. Wie sieht es jetzt aus?

Das ist immer eine knappe Sache. Uns ist es wichtig, dass der CSD eine No-Budget-Produktion bleibt, ohne Großsponsoren. Die 12000 bis 15000 Euro, die wir brauchen, finanzieren wir über Partys und Spenden – mit einem hohen finanziellen Risiko für die Mitglieder des Vereins.

CSD

Der Christopher Street Day (CSD) ist ein Fest-, Gedenk- und Demonstrationstag von Lesben, Schwulen, Bisexuellen, Transgendern, Queers und Intersexuellen (LGBTQI). Gefeiert und demonstriert wird für Akzeptanz und gegen Diskriminierung und Ausgrenzung. Der CSD bezieht sich auf die Aufstände rund um die Bar „Stonewall Inn“ im Juni 1969 in der Christopher Street in New York, bei der sich Homosexuelle der Festnahme durch die Polizei widersetzten – ein Wendepunkt im Kampf von LGBTQI für Gleichbehandlung.

In Freiburg gibt es nach einer längeren Pause seit 2014 wieder einen jährlichen CSD mit Parade. Unter dem Motto „Mein Herz schlägt gegen Rechts“ findet der Freiburger CSD vom 8. bis zum 10. Juli statt. Die Parade durch die Innenstadt  startet am Samstag, 9. Juli um 15 Uhr am Konzerthaus und endet mit einem bunten Fest mit Konzerten auf dem Stühlinger Kirchplatz. Dort tritt unter anderem Sookee auf. Außerdem gibt es ein Vortrags- und Partyprogramm. 

Was: CSD Freiburg 2016
Wann: Freitag, 8. bis Sonntag, 10. Juli 2016; Parade am Samstag, 9. Juli 2016, Start um 15 Uhr am Konzerthaus
Mehr Infos: http://csd-freiburg.de/

Zur Person

Esther Hauth, 27, ist 2. Vorsitzende des CSD Verein Freiburg und studiert Soziologie an der Albert-Ludwigs-Universität.

Mehr dazu:

  [Bild 1: Rita Eggstein; Bild 2: Michael Bamberger]