Interview: Xifan Yang stellt ihr neues Buch in Freiburg vor

Thomas Steiner

Vor 9 Jahren war Xifan Yang fudder-Autorin. Sie erfand 2006 die fudder-Stilfrage. Inzwischen lebt und arbeitet sie als Journalistin in Schanghai. Jetzt stellt sie in Freiburg ihr neues Buch vor. Yang schreibt über das Schicksal ihres Großvaters unter Mao und über ihre Arbeit als Journalistin im heutigen China. Warum das Buch dort nicht erscheinen darf, erklärt sie im Interview:



Die 27-jährige Xifan Yang ist das, was Chinesen eine "Banane" nennen: außen gelb, innen weiß. Geboren wurde sie in einer mittelgroßen Industriestadt in der chinesischen Provinz Hunan. Ihre Eltern kamen mit Uni-Stipendien nach Deutschland und holten Yang im Alter von vier Jahren nach.


Sie wuchs in Freiburg auf, schrieb 2006 für fudder und besuchte in München die Deutsche Journalistenschule. Seit 2011 lebt und arbeitet sie in Schanghai. Dort schreibt Yang als freie Korrespondentin für deutsche Magazine wie den Stern, das SZ Magazin oder Neon Artikel über das heutige China.

In ihrem Buch "Als die Karpfen fliegen lernten" (Verlag Hanser Berlin, Berlin 2015, 336 Seiten, 19,90 Euro) berichtet sie von der Geschichte ihrer Familie, vor allem ihres Großvaters Peng Fangcong, der in den 60er Jahren während des "Großen Sprungs" und während der "Kulturrevolution" als Abweichler verurteilt wurde und 20 Jahre Zwangsarbeit leisten musste, und von ihrer Arbeit im staatskapitalistischen China der Gegenwart.

Yang stellt ihr Buch am Donnerstag, 15. April, ab 18.30 Uhr im Historischen Kaufhaus beim China Forum Freiburg vor. Mit ihr sprach BZ-Kollege Thomas Steiner.

Frau Yang, als Sie als Vierjährige nach Freiburg kamen, waren Sie da in Kindergarten und Schule die Exotin, die mit den Einheimischen nicht viel zu tun hatte?

Anfangs vielleicht. Andere chinesische Familien waren für meine Eltern der natürliche Anlaufpunkt: Man hält zusammen, man trifft sich am Wochenende im Seepark zum Grillen. Als wir zeitweise in Wittnau gewohnt haben, haben mich ein paar Jungs "Pingpong" oder "Fidschi" genannt, aber ich fand das harmlos. Nur "Hundefresser" war nicht so toll, aber diskriminiert habe ich mich nicht gefühlt. Später auf dem Gymnasium war das alles kein Thema mehr, da hatte ich nur deutsche Freunde.

Als Gymnasiastin haben Sie Freiburgs alternative Jugendkultur erkundet. Sind Sie froh, dass Sie diese Gelegenheit hatten?

Ja. Ich bin meiner Mutter dankbar, die auch wegen mir in Deutschland geblieben ist. Sie wollte mir eine Kindheit in China ersparen. Das habe ich damals gar nicht so wahrgenommen. Ich glaube, wie viele in unserer Familie wäre ich in so einem konformen Umfeld nicht glücklich geworden.

Ein halbes Jahr allerdings gingen Sie nochmal auf eine Grundschule in China. Es ist eine eindrückliche Stelle in Ihrem Buch, wenn Sie den Drill dort beschreiben. Ist das heute noch so?

Ja, auch wenn es immer mehr Leute gibt, die das ändern wollen. Eltern gründen Waldorfschulen, nicht weil sie Hippies oder Rudolf-Steiner-Fans sind, sondern weil sie ihren Kindern eine freiere Kindheit ermöglichen wollen. Es gibt auch Anstrengungen von staatlicher Seite, das System zu reformieren. In Peking wurden Modellschulen aufgebaut, wenn die funktionieren, will man das womöglich aufs ganze Land ausdehnen. Nicht zuletzt, weil man sich im Klaren darüber ist, dass es so nicht weitergehen kann, wenn China kreative Unternehmer oder Wissenschaftler hervorbringen möchte.

Ihre Mutter kam Mitte der 80er Jahre nach Freiburg. Sie konnte ihren Beruf als Chemikerin nicht ausüben, hat dann aber auch Angebote von Universitäten in China ausgeschlagen, weil ihr das mittlerweile kapitalistische Land fremd geworden war. Sieht sie das heute noch so?

Ja. Als sie Mitte der 90er das Angebot bekam, hatte sich China schon so sehr verändert, durch den Wettbewerbsdruck und die Gier, die aufkamen. Meine Mutter gehört der Generation Tiananmen an, die in den 80ern von westlichen Werten geträumt hatte. Dass die Proteste niedergeschlagen wurden, hat sie bewogen, China den Rücken zu kehren.

Im Gegensatz zu Ihrer Mutter sind Sie selbst nach China zurückgegangen, nach Schanghai. Was hat Sie dahin gezogen?

Ich bin in Freiburg aufgewachsen und habe in München studiert, das sind schöne Orte zum Leben. Aber jeden Sommer war ich wieder in China, und die Dynamik und die Aufbruchstimmung haben mich umgehauen, das Energiegeladene. Wenn man als Journalistin Geschichten finden möchte, gibt es momentan keinen besseren Ort.

Das klingt, als sähen Sie das positiv, was Ihre Mutter negativ gesehen hat.

Ich lebe aber auch in einer unglaublich privilegierten Situation. Weil ich den deutschen Pass habe, werde ich nicht mit denselben Maßstäben wie andere Chinesen gemessen. Ich muss mich den Konventionen nicht anpassen und kann immer sagen: Ich bin in Deutschland aufgewachsen, ich mache das anders. Für meine Mutter wäre es eine ganz andere Situation gewesen. Wenn sie zurückgegangen wäre, hätte sie sich wieder in das System einfügen müssen. Das muss ich nicht.

Einfügen wollte sich schon Ihr Großvater in der Mao-Zeit nicht. Sie beschreiben sein Leben und Leiden ausführlich. Wie viel wussten Sie denn davon, bevor Sie mit der Arbeit an Ihrem Buch begonnen haben?

Ich wusste ganz wenig über seine Vergangenheit, nur dass er mal zwanzig Jahre unter schwierigen Umständen gelebt hat, auf dem Land. Aber warum, das wusste ich nicht. Diese Jahre waren wie ein dunkles Loch, über das er nicht gesprochen hat, das aber viel mit ihm gemacht hat.

Hat er Ihnen denn Auskunft gegeben?

Anfangs hat er vor allem hasserfüllt über Mao gesprochen. Etwas Konkretes über seine Geschichte habe ich eher über meine anderen Verwandten erfahren. Und aus seinen Parteiakten, die ich aufgespürt habe. Ohne sie hätte ich viele Details nicht rekonstruieren können, an die mein Großvater sich nicht erinnern kann – oder nicht will. Es war immer wieder ein Kampf mit ihm, über diese Zeit zu sprechen. Wenn ihm eine Frage nicht gepasst hat, ist er zum Rauchen aus dem Zimmer gegangen oder hat gesagt: "Jetzt ist Schluss für heute".

Liegt für seine ganze Generation ein Tabu auf der Mao-Zeit?

In den meisten chinesischen Familien wird wenig über die Vergangenheit gesprochen. Anfang der 80er Jahre hat die Kommunistische Partei einfach beschlossen, 70 Prozent dessen, was Mao getan hat, seien gut gewesen, 30 Prozent nicht so gut. Die Kulturrevolution wurde als Phase des Chaos zu den Akten gelegt. Eine öffentliche Aufarbeitung gab es nicht. Mit den Ereignissen auf dem Tiananmen-Platz ist es noch viel schlimmer, darüber darf gar nicht geredet werden.

Auch Journalisten dürfen es nicht? Wie scharf ist die Zensur?

Es wird immer schlimmer in der letzten Zeit. Wenn ich eine chinesische Journalistin wäre und den Anspruch hätte über Missstände zu schreiben, wäre kein sinnvolles Arbeiten möglich. Staats- und Parteichef Xi Jinping geht mit aller Härte gegen freie Meinungsäußerung vor.

Wie sehen die Einschränkungen für ausländische Korrespondenten wie Sie aus?

Ich weiß, dass die Staatssicherheit genau weiß, was ich mache. Ich arbeite in Schanghai in einem Büro mit anderen ausländischen Journalisten. Die chinesischen Mitarbeiter, die für uns Recherchearbeiten erledigen, werden immer wieder zu Verhören einbestellt. Da wird genau nachgefragt, welche Themen wir gerade bearbeiten. Die Behörden wissen auch, dass ich gerade ein Buch geschrieben habe, das lassen sie immer wieder durchblicken. Sie wissen auch immer genau, wohin wir fahren oder fliegen. Wenn man in Regionen fährt, die als heikel gelten, wird man oft von der Polizei verfolgt, sie versucht, einen mit allen möglichen Mitteln an Interviews zu hindern.

Heißt das alles auch, dass Sie Ihr Buch in China nicht werden veröffentlichen können?

Es ginge nur unter ganz großen Kompromissen, die ich nicht eingehen möchte. Man müsste das ganze Tiananmen-Kapitel streichen und im letzten Drittel vieles, was ich über meine Arbeit dort geschrieben habe. Dann hätte das Buch aber keinen Sinn mehr für mich.

Mehr dazu:

  • Was: Lesung "Als die Karpfen fliegen lernten" mit Xifan Yang
  • Wann: Donnerstag, 16. April, 18:30 Uhr
  • Wo: Historisches Kaufhaus, Münsterplatz, Freiburg
  • Eintritt: 4 bis 8 Euro
    [Foto: David Høgsholt]