Interview: Warum viele junge Roma und Sinti ihre Identität verstecken

Gina Kutkat

Zum ersten Mal findet am Wochenende die Bundesjugendkonferenz der Roma und Sinti in Freiburg statt. Warum auch junge Roma noch Traumata aufarbeiten müssen hat Gina Kutkat bei Tomas Wald, Leiter des Roma Büros Freiburg, nachgefragt.

Das Thema der Bundesjugendkonferenz ist "Heimat". Das ist ja für Roma und Sinti ein schwieriger Begriff. Warum haben Sie ihn gewählt?

Heimat heißt ja auch, dass man sich sicher und nicht fremd fühlt. Wir möchten den Jugendlichen beibringen, ihr Ding durchzuziehen, auch wenn sie beispielsweise wegen ihrer dunkleren Hautfarbe diskriminiert werden. Freiburg würde ich jetzt keine feindliche Umgebung nennen, aber die Stimmung bei unserem Sommercamp in Usedom war zum Beispiel eher feindlich. Wenn man einen Zustand erreicht, in dem man sich in einer entfremdeten Umgebung sicher fühlt und sich etwas aufbauen kann – das ist dann Heimat.

Wie gehen junge Roma und Sinti mit ihrer Identität um?

Viele zeigen nach außen hin nicht, dass sie Roma sind. Sie verleugnen ihre Identität. Ich habe das selber jahrelang gemacht und erzählt, ich sei Sizilianer. Somit umschifft man die Konfrontation mit der Umgebung. Wenn ich gesagt hätte, dass ich aus einer Zigeunerfamilie komme, hätten viele zunächst nach ihrem Geldbeutel geguckt. Das sind so Reflexe, mit denen man als Roma und Sinti zu tun hat.

"In Freiburg haben wir etwa 3500 Sinti und Roma."

Ist das Traumata der Verfolgung aus der Nazi-Zeit auch in den Köpfen der jungen Leute noch präsent?

Es wird durch die Eltern und Großeltern weitergetragen und wirkt bis heute nach. Das geschieht unterbewusst und lange ist den meisten gar nicht klar, warum sie beispielsweise in bestimmten Situationen schnell explodieren. Die Geschichte wurde ja auch bis heute nicht richtig aufgearbeitet, erst in den 80er Jahren ist anerkannt worden, dass die Verfolgung durch die Nazis nicht aufgrund von Asozialität sondern aufgrund von Rasse geschah.

Wie sieht die Lebensrealität der jungen Roma und Sinti aus?

Das ist sehr unterschiedlich. Es gibt viele, die vollständig integriert sind, weil ihre Familien seit 600 Jahren hier leben. Wir haben sehr viele Gastarbeiter aus Jugoslawien, die in den 60er Jahren hergekommen sind. Deren Kinder sind normal Deutsch, wenn man das so sagen kann. Und dann gibt es die Armuts- und Bürgerkriegsflüchtlinge, von denen ist aber nur ein Teil Roma. In Freiburg haben wir etwa 3500 Sinti und Roma, darunter sind 900 Bürgerkriegsflüchtlinge. Es wird aber nur über den letzten Teil gesprochen, der integrierte Teil wird selten erwähnt.

"Die Jugendlichen Sinti und Roma können in Zukunft Vermittler sein."

Mit der Konferenz möchten Sie für Jugendlichen eine Sichtbarkeit schaffen?

Wir machen die Bundesjugendkonferenz zum ersten Mal teilweise öffentlich. Die meisten Roma sind dreisprachig, kennen verschiedene Kulturen und haben die Fähigkeit, zu vermitteln. Diese Fähigkeiten stellt für die zukünftige Gesellschaft, die in einem größeren Teil migrantisch sein wird, einen Reichtum dar – weil sie darin Vermittler sein können. Dass die Roma und Sinti eine Kultur sind, die viele verschiedene Kulturen miteinander verbindet, wollen wir mit unserem Stadtfest am Montag zeigen. Es ist ein Versuch, ob es klapp, weiß ich nicht.
Tomas Wald, 70, ist der Leiter des Roma Büros in Freiburg.

Bundesjugendkonferenz

Von 30. September bis 3. Oktober findet in Freiburg das bundesweit größte Zusammenkommen junger Sinti und Roma statt. Neben dem Programm für die Teilnehmer und Teilnehmerinnen sind bei vielen Veranstaltungen auch andere Interessierte willkommen. Am Sonntag (01.10.) gibt es im Bürgerhaus Zähringen (Lameystr. 2) um 19 Uhr eine Gesprächsrunde zum Workshop "Zukunftsperspektiven von Romnja und Sintizze" (Anmeldung bis 30.9. an presse@amarodrom.de).

Auch ohne Anmeldung können dort um 19 Uhr der Film "Was für eine Schule wollen/brauchen wir?" mit anschließender Diskussion und um 21 Uhr die Theater-Performance "Ausschnitt aus dem Poesiealbum" besucht werden. Am Montag (02.10.) findet ab 17 Uhr an der Seebühne (Gerhart-Hauptmann-Str. 1) ein interkulturelles Stadtfeststatt. Ab 21.30 Uhr wird im Hof des Roma Büros (Ensisheimer Str. 20) gegrillt.