Interview: Warum es so wichtig ist, über Depressionen zu sprechen

Gina Kutkat

Beim Thema Depressionen herrscht große Unwissenheit, sagt Mathias Berger, Vorsitzender des Freiburger Bündnisses gegen Depression. Im Interview erklärt er, warum es so wichtig ist, über die Erkrankung zu sprechen.

Warum erkranken junge Menschen an Depressionen?

Depression ist immer ein Zusammenspiel von der Persönlichkeit und der momentanen Lebenssituation einschließliche besonderer belastender Ereignisse. Wenn man eine genetische Belastung hat und/oder die Kindheit schwierig war, ist man empfindlicher, an einer Depression zu erkranken. Wir sagen dazu ’vulnerabler’.

Depressionen assoziiert man mit älteren Menschen.

Bisher galt, dass Depressionen ihren Haupterkrankungsgipfel um das 40. Lebensjahr herum haben, deswegen wurde das Augenmerk nicht ganz so stark auf junge Menschen gelegt. Aber mittlerweile weiß man, dass immer mehr Menschen zwischen 15 und 25 Jahren genauso an Depressionen erkranken.

Gibt es Menschen, die mehr gefährdet sind, an einer Depression zu erkranken als andere?

Auf jeden Fall. Bei psychischen Krankheiten spielt es eine Rolle, ob man vulnerabel ist, auf Stresssituationen mit einer psychischen Erkrankung zu reagieren. Dies ist bestimmt durch Genetik und frühkindliche Belastung – und da gibt es bei den Menschen eben riesige Unterschiede: Es gibt Menschen, die die furchtbarsten Dinge erleben, aber niemals depressiv werden. Und solche, die haben eine so hohe Vulnerabilität, dass selbst eine schwere Grippe dazu führen kann, dass eine Depression ausbricht. Dieser Zusammenhang ist ein extrem wichtiger Aspekt des Verstehens depressiver Erkrankungen.

Warum reden so wenig junge Menschen über ihre Depression?

Weil sie angst haben, von den anderen stigmatisiert zu werden, oder als Schwächling oder Versager dazustehen. Weil sie Sorge haben, dass andere nicht wissen, dass man diesbezüglich empfindlich ist. Wofür man nicht schuldig ist. Das zu ändern ist auch der Hauptsinn unserer Kampagne #deinwegraus.

Was sind denn typische Anzeichen für eine Depression?

Man spricht von Depressionen, wenn ein emotionales Tief mindestens 14 Tage anhält. Kürzere Verstimmungen gehören zum Leben dazu. Ein Leben ohne jede Belastung, Stress, Sorgen und Ängste muss erst noch erfunden werden. Fast alle Menschen mit Depressionen haben Schlafstörungen, vor allem Durchschlafstörungen. Weitere Zeichen sind Antriebsstörungen, Sich-nicht-konzentrieren-können, Ängstlichkeit, Niedergeschlagenheit, Rückzug, ein beeinträchtigtes Selbstwertgefühl, und vor allem: Schwarzsehen!

Sind Frauen und Männer unterschiedlich depressiv?

Ja. Männer sehen die Depression als persönliches Versagen – oder können den Zustand gar nicht einordnen. Sie haben, im Vergleich zu Frauen, ein viel schlechteres Hilfesuchverhalten. Deswegen sind auch Männer mehr gefährdet, Suizid zu begehen. Und zwar häufig, ohne dass sie vorher signalisiert haben, wie schlecht es ihnen geht.

Warum gibt es so viele Vorurteile zum Thema Depressionen?

Weil man in Deutschland als psychologischer Analphabet ins Erwachsenenleben geschickt wird. Wenn man Abitur macht, hat man 1500 Stunden Sportunterricht, lernt aber nicht, wie man sich psychisch stabil hält, wie psychische Erkrankungen entstehen und wie man sie behandeln kann. Deswegen herrscht eine große Unwissenheit. So kommt es eben, dass man die Nase über Depressive rümpft und sie verurteilt.

Wenn mir an einem Freund oder einer Freundin etwas auffällt, wie spreche ich es an?

Fragen, was los ist, ob denjenigen irgendetwas besonders belastet, ob er sich schlechter fühlt als normalerweise – und ob er zur Zeit nicht gut schlafen kann. Man kann versuchen, den anderen dazu zu bringen, sich zu öffnen. Für den Betroffenen ist es in der Regel extrem erleichternd, wenn er darüber reden kann.

Kommt man aus einer normalen Depression alleine wieder raus?

Aus leichteren Depressionen kann man das selbstverständlich versuchen. Wenn die Depression einen jedoch geradezu lähmt, sollte man auf jeden Fall Hilfe suchen. Es gibt keinen anderen Zustand, der so mit Leiden verbunden ist, wie eine schwere Depression. Deswegen sollte man nicht darauf warten, dass das irgendwann von selber aufhört.

Hat man Depressionen für immer?

Es sind sogenannte selbstlimitierende Erkrankungen, die nach einer gewissen Zeit wieder verschwinden, wenn sich nicht während der Depression noch besonders belastende Dinge ereignet haben. Wenn man durch die Depression den Studienplatz verloren hat oder eine Beziehung zerbrochen ist. Wenn die Betroffenen dann auch genügend auf sich aufpassen und sich eventuell medikamentös oder durch Psychotherapie schützen, können sie nach Abklingen der Depression wieder ein völlig normales Leben führen. Etwa 50 Prozent aller Menschen, die Depressionen haben, erkranken einmal und nie wieder.

Zur Zeit polarisiert die Netflix-Serie "13 reasons why", in der es um den Suizid der Highschool-Schülerin Hannah Baker geht. In der Serie wird der Suizid und die Methode sehr detailliert dargestellt. Können solche Szenen für Menschen, die depressiv sind, gefährlich sein?

Das ist auf jeden Fall hochgefährlich. Es gibt den sogenannten Werther-Effekt, nach dem Goethe-Roman benannt, in dem sich der junge Werther erschießt. Danach gab es eine Nachahmungswelle an Suiziden – und man musste das Buch aus dem Handel nehmen. Es gibt noch weitere Beispiele für Nachahmungen. Wenn man selber in einem Zustand ist, in dem man wenig Lebensmut hat, kann ein Suizid eine Erlösung bedeuten. Somit ist die Ausstrahlung solcher Serien fast schon semi-kriminell.
Mathias Berger (69) ist Vorsitzender des Freiburger Bündnisses gegen Depression und ehemaliger Ärztlicher Direktor der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie des Universitätsklinikums Freiburg.

Bündnis gegen Depression e.V.: Im Jahr 2010 gegründet, ist es das Ziel, in der regionalen Bevölkerung über Depression und ihre Behandlung aufzuklären, Stigmatisierung abzubauen sowie eine erhöhte Inanspruchnahme medizinischer und psychotherapeutischer Behandlung bei Betroffenen anzuregen.

Wo gibt’s Hilfe bei Depressionen?

Der erste Schritt aus der Depression heraus kann es sein, sich fachkundige Hilfe zu suchen.

Haus- oder Facharzt
Wer sich seit mehreren Wochen schlecht fühlt, niedergeschlagen ist und Schlaf- und Konzentrationsprobleme hat, sollte sich als erstes an seinen Hausarzt oder seine Hausärztin wenden. Sie können auf Depressionen untersuchen und körperliche Ursachen ausschließen. Ein Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie ist Spezialist und kennt die unterschiedlichen Behandlungsmöglichkeiten.

Psychotherapeuten

Wer schon einmal eine psychische Erkrankung hatte, kann auch direkt zu einem Psychotherapeuten gehen. Es gibt ärztliche und psychologische Psychotherapeuten. Diese übernehmen den Antrag auf Übernahme der Therapie bei der Krankenkasse. Wer zu einem Psychologen geht, benötigt einen Konsiliarbericht vom Hausarzt, um eine medizinische Ursache auszuschließen. Leider gibt’s lange Wartezeiten auf Therapieplätze. Bei gesetzlich Versicherten kann Medcall (Tel. 0711/7875-3966), die Telefonberatung der Kassenärztlichen Vereinigung, die Suche beschleunigen.

Selbsthilfegruppen
In Südbaden gibt es viele Selbsthilfegruppen für Menschen mit Depressionen. In Freiburg gibt es sogar eine Gruppe speziell für junge Leute und eine für junge Leute mit Psychiatrie-Erfahrung. Kontakt gibt’s über das Selbsthilfebüro (selbsthilfegruppen-freiburg.de), in Lörrach über das Landratsamt, in Offenburg über die Selbsthilfekontaktstelle (selbsthilfe-ortenau.de).


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