Interview: Visual Kei als Lebenseinstellung

Emma Bannwarth

Heute ist bei fudder großer Visual Kei Tag! Das sind Maike (17) und Claire (16). Wir haben uns mit ihnen sowie mit Sarah und Julia (alle aus Freiburg) darüber unterhalten, was ihnen Visual Kei bedeutet, warum sie knuddelsüchtig sind und was sie von Emos halten.



Was bedeutet für euch Visual-Kei?

Sarah (20, auf zweitem Foto links): Für mich macht Visual-Kei (VK) aus, dass keine Grenzen gesetzt sind, optisch und in der Musik auch nicht. Es ist sehr bunt und gemischt. Ich habe auch schon Bands gehört, die Jazz-Elemente in ihre Songs eingebaut haben oder auch Hip-Hop. Man kann sich einfach so anziehen, wie man will. Es ist nicht so begrenzt.

Geht ihr auch auf VK-Conventions?

Claire: Ja. Und natürlich ziehe ich mich auch so an und höre die entsprechende Musik. Sarah: Die höre ich auch, aber ich gehe nicht auf Conventions. Jedoch meide ich die Leute nicht, ich habe auch einige Freunde, die auf Treffen gehen.

Warum meidest du denn diese Treffen?

Sarah: Weil ich dort nicht so viele Leute kenne. Ich will da nicht schief angeschaut werden, weil ich mich jetzt zum Beispiel nicht vollständig in einem bestimmten Stil kleide.



Wie seid ihr auf Visual-Kei gestoßen?

Julia (18, auf zweitem Foto rechts): Durch Freunde.
Maike: Durch Animexx.

Hast du diese Website einfach gegoogelt?

Maike: Nein, durch Mangas habe ich mich bei Animexx angemeldet.
Claire: Stand das dann in den Mangas drin? (lacht)
Maike: Nein, aber durch die Mangas bin ich irgendwie darauf gestoßen.

Gibt es etwas an Visual Kei, das ihr nicht mögt?

Sarah: Die Szene wird immer kommerzieller. Es gibt inzwischen Dresscodes und Abgrenzungen. Dadurch werden viele zu arroganten Szene-Leuten und das mag ich nicht.

Wurdet ihr schonmal wegen eurer Kledung schief angeschaut?

Claire: Ja, natürlich, das erlebe ich heute noch. Auch wenn ich in Zivil rumlaufe.

Und was machst du dann?

Claire: Weiterlaufen, winken, grinsen.
Maike: Ja, winken! Aber wenn die Leute aggressiv sind, dann bin ich es auch.
Julia: Nein, immer lächeln und winken.

Welche Lebenseinstellung bedeutet für euch Visual Kei?

Maike: Freude haben und viel Unsinn machen.
Sarah: Gut drauf sein. Es ist nicht so eine klischeehafte Szene wie zum Beispiel die Emos, die immer traurig sind. Man kann Visual Kei nicht in eine bestimmte "Einstellungsschublade" reinpacken. Von der Kleidung und dem Aussehen her vielleicht schon, aber nicht von der Einstellung.
Claire: Wobei, du musst die Musik hören, dich so kleiden, Manga lesen, auf Treffen gehen, Japanfan sein. Also ist es eigentlich schon eine Einstellung.
Maike: Und du musst ein wenig bekloppt sein. (lacht)



Die Hippies in den 60er und 70er Jahren hatten ja auch eine bestimmte Geisteshaltung: freie Liebe, freier Drogenkonsum und so weiter. Gibt es sowas in der Art auch bei Visual Kei?

Sarah: Eher nicht. Visual-Kei-Leute sind zu unterschiedlich, als dass man von einer einheitlichen Geisteshaltung sprechen könnte.

Wie findet ihr Emos?

Claire: Die Stylerichtung finde ich eigentlich cool, aber die Emos in Freiburg sind unsympathisch. Nicht alle, aber viele. Sie beleidigen mich immer wegen meinen Cosplays [Verkleidung als eine Anime- oder Mangafigur, Anm. d. Red.], nach dem Motto: "Wie kann man nur so rumlaufen". Und sie haben mich auch schonmal Emo genannt. Dann sind sie nicht mehr weggegangen und haben uns die ganze Zeit provoziert. Ich hasse sowas.

Julia: Ich werde von den Emos immer Tokio Hotel-Fan genannt.

Was unterscheidet euch von Emos?

Claire: Wir sind bunt, ritzen uns nicht, sind happy und nicht unsympathisch und mögen Japan!
Julia: Wir sind offen für alles und jeden. Wir hassen niemanden. Mit Ausnahmen.



Warum schließen sich manchmal einige aus der Visual-Kei Szene den Free Hugs Aktionen an?

Julia: Weil es toll ist, andere Leute glücklich zu machen.
Claire: Wir sind knuddelsüchtig!

Gibt es bei euch Ärger mit den Lehrern oder Eltern wegen eurem Kleidungsstil?

Claire: Mit den Eltern manchmal. Weil sie meinen, das sieht aus wie Punk und für die Außenstehenden sieht das dann auch aus wie Punk. Aber ich werde ja eher Emo genannt als Punk.
Sarah: Bei meinen Eltern ist das kein Problem, weil mein Vater früher selbst Hippie war, lange Haare hatte und von seinen Eltern dafür gehasst wurde. Deswegen ist es meinen Eltern egal, wie ich herumlaufe. Außer, ich würde mir das Gesicht tätowieren. Meine Lehrer haben immer darüber geschmunzelt.

Mehr dazu: