Interview: Rick Kavanian, der Kosmopilot

Christoph Ries

Rick Kavanian, Ex-Sketchpartner von Bully Herbig, kommt am Donnerstag mit seinem neuen Soloprogramm nach Freiburg. Im großen fudder-Interview verrät er, woher er den Rohstoff seiner Figuren nimmt und was man als Kapitän eines mongolischen Kriegsschiffes alles drauf haben sollte. (mit Audio-Ausschnitt)



Rick, was ist ein Kosmopilot?

Das ist jemand, der seinen Kosmos verändert. Bislang habe ich nur Kino und Fernsehen gemacht. Jetzt betrete ich die Kabarettbühne und habe einen Sack voll Figuren dabei. Da bin ich quasi ein Pilot, der Leithammel, der alles zusammenhält.

Fühlst dich selbst kosmopilotisch?

Wenn das ein Synonym ist für jemanden, der anderen Kulturen offen gegenübersteht? Klar, dann bin ich sehr kosmopilotisch. Mit meiner Herkunft (Rick ist armenisch-stämmiger Münchner, Anm. d. Red.) bin ich so etwas wie ein Bastard Deluxe.

Deine Figuren sind aber oft das Gegenteil. Der Schwaben-Klaus (aus „Bullyparade“, Anm.) ist ein einfacher, hemdsärmeliger Trampel.

Stimmt. Ich glaube, so ein Teil steckt in jedem von uns, egal, wie offen wir sind. Beim Schwaben-Klaus kommt dieser Charakterzug extrem raus. Der ist halt ein bisschen vorsichtiger. So auf die Art: „Oh hoppla, da isch ja eine Bakterie.“

Ist es das, warum die Leute lachen: Die Spannung zwischen dem Kosmopiloten Kavanian und dem trampeligen Klaus?

Mag sein. So tiefschürfend und wissenschaftlich habe ich das noch nie betrachtet. Es ist ja immer schwierig, seinen eigenen Humor zu analysieren.

Versuchen wir es trotzdem. Worüber lachst du?

Über die alten BBC-Radioshows mit Peter Sellers in den 50ern und die Stand-Up-Nummern von Robin Williams, als er noch als Straßenkünstler unterwegs war. Da sitzt du nur mit offenem Mund davor und denkst: Mann, ist das genial! Ich mag das Abstruse und Absurde, den Humor von Monthy Pyhton, Helge Schneider.



Wie kommt man auf einen mongolischen General, der Hochzeitsschiffe in die USA vermietet?

(lacht) Da muss ich ausholen: Irgendwann rief mich ein Kollege an und erzählte mir, dass es eine österreichische Marine gibt. Wir haben uns totgelacht und angefangen zu googeln. Irgendwie sind wir über „Marine“ plötzlich auf „Mongolei“ gestoßen. Die Mongolen haben tatsächlich ein Kriegsschiff, was ihnen die Sowjets damals geschenkt haben. Der Kapitän von dem Schiff wurde nur Kapitän, weil er der einzige von acht Marinesoldaten war, der schwimmen konnte. Kein Witz!

Deine Figuren leben wirklich?

Soll ich mir alles aus dem Hut zaubern? Das könnte ich gar nicht. Alle Dimitris und Pavels haben lebende Exempel. Ich treffe sie überall, im Flugzeug, in der Familie, beim Brotholen, beim Staubsaugen. Es sind normale Alltagsbegegnungen.

…die auf der Bühne ausarten in eine Art Figuren-Schlacht. Hast du noch den Überblick?

Es ist nicht so, dass beim Saugenstaub plötzlich der Dimitri Stoupakis (aus „Schuh des Manitu“, Anm.) aus mir herausbricht. Der ist eher was fürs Einkaufen. Nein, im Ernst, privat halte ich mich mit meinen Figuren zurück. Wenn man normal mit mir spricht, hört man den Rick immer raus. Auf der Bühne sind sie natürlich sofort da.

Was stört mehr auf dem Weg zum Solo-Comedian: der Vorname Richard oder die Tatsache, jahrelang nur als Sketchpartner von Bully Herbig aufgetreten zu sein?

Ach, Richard. Als ich mit 13 angefangen habe, Basketball zu spielen, war es noch viel uncooler, Richard zu heißen. In der NBA liefen Typen rum, die hießen Kareem, Jack, Magic und Michael. Und ich? Richard!

Deswegen habe ich mir mit 13 die Sache mit dem Rick überlegt. Heute finde ich den Namen gar nicht mehr so übel. Meine Mutter nennt mich immer noch so. Und die Zeit als Sketchpartner von Bully war toll. Wir haben unglaublich viel voneinander und übereinander gelernt. Beides hat mich nie wirklich gestört.



Was ändert sich für dich ohne Bully?

Ich habe jetzt die Möglichkeit, alles, was in mir ist, rauszulassen. Mit der Konsequenz, dass ich auch selbst dafür verantwortlich bin. Das Schöne am Live-Auftritt ist doch, das man sofort ein Feedback bekommt. Entweder sind der Lacher oder gähnende Stille. Die Zeit mit Bully war toll. Aber egal, wie gut man mit jemandem zusammenarbeitet, Teamarbeit bedeutet immer auch Kompromisse zu machen. Man kann nicht immer alles durchsetzen, was man gerne zeigen möchte. Ideen bleiben auf der Strecke.

Wie hast du dich vor der Premiere von Kosmopilot gefühlt?

Dimitri würde sagen: „Ich hatte Fieberlampen“. Es war brutal! Dreimal hintereinander hatte ich einen entsetzlichen Alptraum: Kurz vor dem Auftritt betrete ich die Bühne und sehe die fröhlichen Gesichter der Leute. Als ich anfange, ist alles anders. Erst kommen noch ein paar bescheidene Lacher, dann nach drei Minuten: Riesen-Texthänger. Plötzlich steht ein Pulk von 400 Leuten geschlossen auf und geht. Im Rausgehen schauen sie mir noch mal über die Schulter und lächeln freundlich. Ein echter Horror. Vor meinem ersten Auftritt war ich deswegen zehn Stunden vorher im Theater.

Humor ist Mode. Was ist denn gerade in?

Keine Ahnung, darauf achte ich nicht. Ich versuche in den Sphären des Absurden mein Zuhause zu finden. Das ist nicht immer einfach, weil sich die Leute mit dem Absurden weniger identifizieren.

Mario Barth?

Mario ist die Corvette Z06 unter den deutschen Komikern – sehr schnell, sehr breit und recht tief gelegt. Und ich gebe es zu: hin und wieder fühle ich mich von so Schlitten angezogen. Die Sex-Nummer ist so eine Art menschliches Grundbedürfnis, das zieht immer. Hin und wieder taucht das auch in meinem Programm mir auf.

Wo steckst du deine Grenzen?

Grundsätzlich würde ich nie eine Person in Abwesenheit sinnlos abwatschen. Das finde ich schwach. Ich fühle als Freund der Minderheiten, ich bin so etwas wie deren Botschafter. Deswegen habe ich auch keine Probleme mit Witzen über Minderheiten. Vieles hängt von dem Charme ab, mit dem man eine Geschichte erzählt. Der Idealfall wäre, ich gehe auf die Bühne und lege so pointiert die Hand auf die Wunde, dass die Betroffenen sagen: „Mist, jetzt hat er uns an den Eiern.“ Genau das ist manchmal gar nicht so einfach.

Du warst in der Schule der Hit, oder?

Überhaupt nicht. Bis zur 10. Klasse war ich sehr angepasst, fast schon Kategorie Schleimer. In der Oberstufe hat es irgendwann Klick gemacht und ich wurde ein bisschen offener. Ich hab mich gegen das System aufgelehnt mit Sätzen wie: Hey, ich find dich blöd. Das waren Mini-Systemkritiken. Die Sache mit der Comedy kam ganz spät, als ich Anfang der Neunziger Bully kennen gelernt habe. Eigentlich wollte ich bis dahin Kinderarzt werden.

Wohin würde der Kosmopilot Kavanian gerne reisen?

Nach Mittel- und Südamerika. Ein guter Freund von mir ist gestandener Schauspieler in einer mexikanischen Telenovela, den würde ich gerne mal besuchen.

Was kommt nach „Kosmopilot“?

Dieses Jahr werde ich noch zusammen mit Til Schweiger vor der Kamera stehen. Eine Komödie, die im Mittelalter spielt.

Rick Kavanian - Live in Freiburg


Was: "Kosmopilot"-Tour

9. Freiburger Grenzenlos-Festival
Wann: Donnerstag,  24. Januar, 20.30 Uhr
Wo: SWR Studio Freiburg
Tickets: 14/12 Euro

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