Interview mit ZMF-Booker Dieter Bös

Gina Kutkat

Dieter Bös, Konzertveranstalter und Booker für das morgen beginnende ZMF, hat bereits vor einem Jahr damit angefangen, die ersten Gigs für das ZMF 2010 klarzumachen. Gina hat Bös in Konstanz besucht und mit ihm über seinen Job als ZMF-Programmplaner gesprochen.



Herr Bös, Sie sind seit gut fünf Jahren für das Programm des Zelt-Musik-Festivals verantwortlich. Welche Eigenschaft muss man mitbringen, wenn man solch ein Programm auf die Beine stellen möchte?     Neugier. Ein sehr breit gefächerter Musikgeschmack ist ebenfalls wichtig, obwohl es bei der Ausgestaltung nicht immer nur nach dem eigenen Geschmack geht. Außerdem ist eine Fülle von Kontakten sehr nützlich.  


Als Festival-Besucher sieht man nur das fertige Programm, meistens aber nicht die Arbeit, die dahinter steckt. Was für ein Gefühl ist es für Sie, wenn das ZMF-Programm endgültig steht?   Das Gefühl, dass alle Arbeit beendet ist, gibt es nicht. Die Bands müssen schließlich betreut werden, die Agenten wollen vielleicht kurz auf einen Besuch vorbeikommen und dann muss man ihnen ein Hotel empfehlen. Das sind jetzt alles technische Angelegenheiten, die nicht unbedingt von mir geklärt werden müssen. Ich bin der Ansprechpartner, der die Anliegen weiterleitet. Das ZMF-Programm ist ein Prozess, wie auch das Gesamtkunstwerk „Zelt Musik Festival“ eines ist. Fertig ist es nie. Es gibt ständig etwas zu tun und zu verbessern. Manchmal fallen Künstler aus und dann muss man improvisieren.

  Das heißt, den Augenblick des Zurücklehnens gibt es für den ZMF-Programmmacher gar nicht?   Dieser Moment sollte eigentlich bei der Programmvorstellung während der Pressekonferenz sein, wenn die ersten Hefte und Plakate gedruckt sind und die meisten Acts feststehen. Unsere Strategie ist ja oft so, dass wir den ersten Programmpunkt schon mal im Vorjahr veröffentlichen und alle weiteren Künstler auf der Pressekonferenz bekannt geben. Das haben wir dieses Jahr auch so gemacht.  



Sind Sie als ZMF-Booker die ganze Festival-Zeit vor Ort?     Ich kann leider nicht die ganze Zeit vor Ort sein, denn ich habe fünf gleichzeitig laufende Festivals: Neben dem ZMF noch das Sonnenrot Festival, das Meersburg Open Air, das Hohentwielfestival und das Stimmen-Festival. Natürlich bin ich aber immer wieder gern beim ZMF.

  Wann beginnen Sie mit der Arbeit fürs nächste ZMF?     Vergangene Woche habe ich die ersten Gespräche für nächstes Jahr geführt. Ich mache so etwas eigentlich eher ungern, das hängt vielleicht mit meinem künstlerischen Aberglauben zusammen. Mir wurde aber durch Zufall ein interessanter Act angeboten und deswegen habe ich da etwas in die Wege geleitet. Ich werde da noch keinen Vertrag machen, aber manche Künstler planen einfach sehr langfristig, was uns als Programmmacher natürlich zu Gute kommt.

 

Das ist aber eher eine Ausnahme, oder?     Ja. In der Regel beginnen wir Ende des Sommers mit der Planung für das nächste ZMF.

    Wie entsteht solch ein Programm?     Das ZMF ist mit seinem über 25-jährigen Bestehen eine Konstante und damit eine Institution weit über die Grenzen Südbadens hinaus. Da gibt es Agenten und Manager, die anrufen und sagen, dass ihre Band mal wieder auf dem ZMF spielen will. Das ist schon toll, wenn man mal auf diese Art und Weise angegangen wird.

  Welche Arbeitschritte gehören noch dazu?     Ich gehe viel auf Konzerte und Festivals. Teils auf unseren eigenen - ob es das Greenfield oder Southside Festival ist oder Rock am See. Dort spielen aber oft Bands, die man doch schon kennt und von deren Qualität man sich schon überzeugen konnte. Beim Southside Festival gibt es aber immer öfter Newcomer, denen ich dann das ZMF schmackhaft mache. Außerdem bekommt man natürlich viel Demo-Material und sonstige Hinweise aus der Welt der Musik von allen möglichen Leuten geschickt.

Gibt es Richtlinien, an die Sie sich als ZMF-Booker halten müssen?     Von der Thematik her sind wir völlig frei. Das M im ZMF ist eine leichte Einschränkung. Man könnte beispielsweise keinen reinen Pantomime-Abend machen, wobei sogar das irgendwie möglich wäre. Deswegen habe ich den Anspruch, dass viele Interessen und viele Geschmäcker befriedigt werden sollen, ohne zu beliebig zu sein.

  Lassen Sie sich von anderen Leuten beraten?     Natürlich. Ich bin ja nicht der einzige, der selbstherrlich das Programm erstellt. Es wird von vielen Leuten gefiltert, besprochen, hin- und hergewälzt.  So haben wir die Gruppe We Have Band als Support von Maximo Park bekommen, weil ein Mitarbeiter aus dem ZMF-Büro in Freiburg diesen Tipp gegeben hat. Zwar kannte ich We Have Band durch ihre Agentur und fand sie auch spannend, aber ich bin einfach nicht auf sie gekommen. Wenn dann der Manager von Maximo Park am Ende noch glücklich ist und sagt „Yeah, das passt gut“, dann ist das eine tolle Sache.

  Gab es in den vergangenen Jahren Änderungen, was die Programmplanung angeht? Zum Beispiel nach dem Vorwurf, zu wenig neue Bands ins Programm zu holen? Ja, klar. Die Kritik habe ich ernstgenommen und in diesem Jahr auch umgesetzt. Gut, es gibt immer noch die Vorreiter wie Dieter Thomas Kuhn, Pur oder die Simple Minds, aber mit den erwähnten Maximo Park, We Have Band, The Sounds, Gogol Bordello und Get Well Soon haben wir eine Fülle von neuen Bands im Programm. Werft uns ruhig Sachen vor, ich bin sehr empfänglich für Kritik. Wenn ich etwas nachvollziehen kann, versuche ich, es besser zu machen.  

 

Wie ist es für einen Programmmacher, wenn eine Band ihren Gig im letzten Moment absagt? Gab es das schon mal?

Absagen gibt es immer. Der Worst Case ist natürlich, wenn der Headliner des Festivals absagt – wie letztes Jahr Oasis bei Rock am See – und dann 20 000 Leute vor der Bühne stehen. Denen dann den Ausfall zu vermitteln, ist furchtbar. Beim ZMF mit 21 Programmtagen mit jeweils ein oder zwei Acts fällt eine Absage nicht ganz so schwer ins Gewicht. Zum Glück gab es aber in meiner Zeit noch keine Absage. [Das stimmt so nicht ganz: vergangenes Jahr sagte Cyndi Lauper ihren ZMF-Gig zwei Wochen vorher ab, Anm. d. Red.]  

Wie wichtig ist Ihnen der Hype-Faktor einer Band?

Ich gehe nicht so sehr danach, ob eine Band mal groß rauskommt oder nicht, sondern vertraue eher meinem eigenen Geschmack, auch wenn das selbstsüchtig klingt. So war es zum Beispiel bei Asaf Avidan, den ich im März vergangenen Jahres in London gesehen habe. Ich war sofort von ihm überzeugt und habe ihn im Sommer aufs ZMF geholt. Als Programmmacher freuen einen solche Momente wie das Avidan-Konzert besonders. Man will seine Freude ja teilen.  

 



Wie schwierig ist es, Wunschtraum und Machbarkeit zu vereinbaren?

Mein Wunsch-ZMF sieht so aus wie das ZMF-Programm in diesem Jahr. Natürlich gibt es immer Bands auf meiner Liste, aber die verrate ich natürlich nicht, weil ich die ja noch bringen will. Aber wir haben dieses Jahr schon ein paar Musiker dabei, die ich total klasse finde.

   

Zum Beispiel?

So etwas sage ich natürlich eher ungern, weil ich den anderen Bands nicht Unrecht tun will. Trotzdem: La Brass Banda. Das wird abgehen, da hebt das Zelt zum ersten Mal ab. Aus Erfahrung vom Stimmen-Festival ist auch James Morrison ein weiteres Highlight. Der hat eine so tolle, soulige Stimme, die passt gar nicht zu seinem jungenhaften Aussehen. Zuletzt dann noch Gogol Bordello. Jetzt hab ich drei Highlights aus dem Zirkuszelt genannt, aber im Spiegelzelt spielen auch tolle Bands – wie zum Beispiel Get Well Soon.

Welche Musik hören Sie privat?

Meine Festivals spiegeln meinen persönlichen Musikgeschmack wider. Nicht ohne Grund mache ich keine Dance-Raves oder Ähnliches.  

Können Sie sich noch an Ihr erstes Konzert erinnern?

Das waren The Hollies in Mannheim im Rosengarten. Kurz danach hab' ich Deep Purple als 14-Jähriger in Heidelberg in der Aula der Alten Universität gesehen.



Biografisches

Dieter Bös (56) wird in Heidelberg geboren. Schon als Gymnasiast veranstaltet er Konzerte. Später übernimmt er das Management eines amerikanischen Gitarristen, wird Tourneeleiter, unter anderem für Hannes Wader und Status Quo. Für ein Literaturstudium geht er nach Konstanz und lernt dort seinen späteren Agenturpartner Armin Nissel kennen. Er bricht das Studium ab und gründet 1978 zusammen mit Armin Nissel und Clemens Zipse das Konzertbüro Konstanz (KoKo) – heute KoKo & DTK Entertainment GmbH. Dieter Bös ist als Programmleiter unter anderem verantwortlich für das ZMF, Stimmen-Festival, Sonnenrot, Southside, Rock Am See, Greenfield und das Hohentwielfestival.

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