Interview mit Volker Beck: "Antisemitismus ist ein Gift in unserer Gesellschaft"

Gina Kutkat

Am kommenden Dienstag hält der Grünen-Abgeordnete Volker Beck an der Uni Freiburg einen Vortrag zum Thema "Rechtspopulismus und Antisemitismus." Gina Kutkat hat ihn gefragt, warum es wichtig ist, über Antisemitismus zu sprechen.

Herr Beck, warum ist es wichtig, über Antisemitismus zu sprechen?

Antisemitismus ist ein Gift in unserer Gesellschaft und es kommt aus verschiedenen gesellschaftlichen Ecken.

Wo kommt denn Antisemitismus heute vor?

Es gibt den klassischen Antisemitismus von Rechts, wie wir ihn zum Beispiel beim AfD-Abgeordneten Wolfgang Gedeon antreffen. Es gibt ihn auch in der Mitte der Gesellschaft, in linken, muslimischen oder migrantischen Gruppen.Wenn man Antisemitismus bekämpfen will, muss man sich die jeweiligen Äußerungskontexte anschauen. Nur so kann man über Aufklärung, Vorurteilsbekämpfung und Intervention versuchen, dieses Problem anzugehen.

In der Mitte der Gesellschaft kann man einen sekundären Antisemitismus beobachten, der schuldbezogen ist. Wenn man beispielsweise an Björn Höcke und seine Äußerung ’Denkmal der Schande’ denkt. Das erinnert an die "weg mit dem Schulkult"-Parole der NPD. Dort unterstellt man den Juden, dass sie sich mit dem Erinnern an den Holocaust politische oder finanzielle Vorteile schaffen wollen.

Gehören die Begriffe Antisemitismus und Rechtspopulismus zusammen?

Die Begriffe sind Partner, sie sind nicht identisch. Der rechtspopulistische und rechtsextreme Antisemitismusdiskurs unterscheidet sich von anderen Phänomenen. Im klassischen rechtsextremen Diskurs haben wir viele Anlehnungen an Ideologeme, die wir aus der Zeit des Nationalsozialismus kennen. Bei Rechtspopulisten spielen Verschwörungstheorien eine größere Rolle.

Am Montag wurde ein Bericht veröffentlicht, nachdem sich viele Menschen jüdischen Glaubens aufgrund alltäglicher antisemitischer Erfahrungen zunehmend um ihre Sicherheit sorgen. Wie bewerten Sie das?

Man muss das sehr ernst nehmen. Ich glaube, dass durch die massenhaften Äußerungen von Hass und Vorurteilen im Internet für Zielgruppen – und da gehören nicht nur Juden dazu, auch andere Gruppen – ein neuer Alltag geprägt wird. Diese Gruppen sind dauernd mit abwertenden Kommentaren konfrontiert. Das, zusammengenommen mit Äußerungen aus der Offline-Welt, prägt das Unsicherheitsgefühl.

Was kann man dagegen unternehmen?

Man muss das mit zwei Strategien bekämpfen: Einerseits, in dem man präventiv technische Sicherungsmaßnahmen ergreift. Außerdem muss deutlich gemacht werden, dass antisemitische Straftaten im Internet erkannt und verfolgt werden. Beim Erkennen hakt es manchmal bei Polizei und Justiz. Wir brauchen eine institutionelle Antwort auf die antisemitische Hetze.

Seit dem letzten Antisemitismusbericht 2011 ist von Seiten der Politik fast nichts bis gar nichts erfolgt. Es fühlt sich in der Bundesregierung niemand zuständig. Alle paar Jahre einen umfassenden Bericht über den Status Quo zu veröffentlichen, bringt allein nichts. Antisemitismus muss im Alltag bekämpft werden und dafür braucht es eine Sensibilisierung: Antisemitische Diskurse müssen als solche erkannt werden, um gegen sie vorzugehen.

Wie kann man als Bürger gegen Antisemitismus im Alltag vorgehen?

Immer widersprechen. Das gilt übrigens bei allen gruppenbezogenen Menschenfeindlichkeiten. Dort, wo man ihnen begegnet, muss man ihnen entgegentreten. Manchmal, in dem man Leute darauf aufmerksam macht, was sie für eine Wortwahl haben.

Man sollte auch nicht jeden gleich zum Antisemiten erklären, sondern auf eine Ausdrucksweise ohne Othering hinweisen (Anmerkung d. Red.: Othering beschreibt den Prozess, sich selbst und sein soziales Image hervorzuheben, indem man Menschen mit anderen Merkmalen als andersartig, fremd klassifiziert) . Bei Leuten, die bestimmte Dinge argumentativ vertreten, muss man mit Argumenten dagegen angehen. Und bei Israel geht es um Fairness: Antizionismus ist der Brandbeschleuniger des Antisemitismus.
Zur Person
Volker Beck, 56, ist religionspolitischer und migrationspolitischer Sprecher der Bundestagsfraktion Bündnis 90/Die Grünen und Vorsitzender der deutsch-israelischen Parlamentariergruppe.

  • Was: Vortrag Rechtspopulismus und Antisemitismus von Volker Beck
  • Wann: Dienstag, 2. Mai, 18.30 Uhr
  • Wo: Uni Freiburg, KGI, HS 1098
  • Eintritt: frei