Interview mit Tim Bendzko: "Der Erfolg ist absurd"

Lina Wiemer & David Cibis

Heute Abend spielt Tim Bendzko im ausverkauften Jazzhaus. Der Shootingstar aus Berlin steht für Gefühl und Ehrlichkeit und hat sich in kurzer Zeit eine große Fangemeinde erspielt. Wie viel dahinter steckt, wollte fudder-Autorin Lina wissen und traf Tim Bendzko kurz vor dem Konzert für ein Interview.



fudder: Erinnert du dich an die Zeit vor ungefähr drei Jahren?

Tim Bendzko: Da hab ich als Auktionator gearbeitet. Das war gerade die Hochzeit für Auktionen. Da bin auch einfach von einer Stadt in die nächste gefahren, ungefähr so wie jetzt, und hab Autos versteigert - mit Hammer und wie man sich das so klischeemäßig vorstellt.

Wie lang hast du das gemacht?

Ungefähr zwei Jahre habe ich auktioniert, Vollzeit, zwölf Stunden am Tag. Da konnte ich nichts mehr nebenher machen. Deswegen hab' ich das dann auch wieder aufgegeben und gesagt: Jetzt komm. Entweder du hörst jetzt damit auf oder wahrscheinlich nie.

Und wie hast du dann den Sprung zur Musik geschafft?

Ich hatte eine Stimmbandentzündung, habe mich nicht richtig auskuriert und weiter Auktionen gemacht. Und das ging dann stimmlich gar nicht mehr. Bei den ersten drei Autos dachte ich, dass ich sterbe. Wenn ich das weiter gemacht hätte, hätte ich mich auch gleich erschießen können. Und dann dachte ich: Jetzt musst du dich entscheiden - weil klar war, dass ich mir jeden Tag die Stimme kaputt machte. Ich kündigte, und wie der Zufall es wollte, hatte ich ein paar Monate später einen Plattenvertrag unterschrieben.

Du hast 2009 einen Talentwettbewerb gewonnen. Wie kam es dazu?

Damals auktionierte ich noch und war in Hamburg. Da hab ich das gelesen mit dem „Söhne gesucht“-Wettbewerb. Und den Vergleich mit Xavier Naidoo hab ich ja nicht erst seit zwei Wochen, sondern schon immer. Mir war klar: Das Ding muss gewonnen werden. Das darf einfach kein anderer gewinnen. Das war eigentlich totaler Schwachsinn, das zu machen, weil dann alle sagen: Deswegen hat der den Plattenvertrag bekommen. Das hat aber mit dem Wettbewerb nix zu tun. Als Gewinn konnte ich mit den Söhnen Mannheims live spielen, auf der Berliner Waldbühne.

Du wirst ja gerade sehr gehypt. Wie bewusst ist dir das? Und wie nimmst du das wahr?

Unterschiedlich. Mal denk ich, es passiert gar nichts und mal bin ich total überwältigt. Wir haben in den letzten Wochen fünf oder sechs Schallplatten in den unterschiedlichsten Ländern bekommen. Gold, Platin und was es alles noch so gibt. Das ist absurd. Ich bin zwar schon gut darauf vorbereitet, aber ich glaube, wir verkraften das alles nur so gut, weil wir uns damit wenig beschäftigen. Wie touren ja grad und sind gut beschäftigt. Aber zu den Konzerten kommen ja so viele Menschen. Damit müssen wir klarkommen. Alles außenrum blenden wir aus.

Wie erklärst du dir deinen Erfolg?

Ich habe keine Ahnung und will es auch gar nicht wissen. Ich glaube, an dem Tag, an dem ich weiß, warum das funktioniert, hört es auf. Man sieht das ja auch nicht kommen. Als das mit „Nur kurz die Welt retten“ losging, hat sich das zwar angebahnt, aber so richtig realisiert haben wir das nicht. Wir freuen uns alle tierisch drüber, aber keiner weiß, warum das so ist. Und ich hatte so Glück, dass es gleich mit dem ersten Versuch geklappt hat - und dann auch noch in diesem Ausmaß.

Dir wird oft unterstellt, du hättest mit „Kurz die Welt retten“ ein Generationengefühl getroffen. Wie siehst du das?

Wenn das Lied vor zehn Jahren rausgekommen wäre, hätte man wahrscheinlich dasselbe gesagt. Man sagt ja, dass immer alles schneller wird, und das erzählt man seitdem ich denken kann. Seitdem ist total Krise, und alles geht bergab. Das ist die ganze Zeit so. Und wir reden uns ein, dass das jetzt gerade nur bei uns so ist. Vor ein paar Jahren gab es Facebook noch nicht. Das ging aber alles schon über MySpace. Durch Facebook ist diese Schnelligkeit nur präsenter.

Viele deiner Konzerte sind ausverkauft. Auch in der Schweiz ...

Und zu den Konzerten in Österreich kommen auch 3000 Leute. Und ich war noch nicht einmal dort und hab Promo gemacht. In der Schweiz waren wir schon öfter und hatten einen Auftritt bei 'ner riesigen Show, die dafür sorgte, dass die halbe Schweiz mich dann kannte und das Album jetzt kurz vor Gold seht.

Wie sind deine Eindrücke von der Tour bis jetzt?

Wir sind alle im Konzertmodus und freuen uns. Aber gleichzeitig hatten wir auch Angst, dass wir das alles nicht durchstehen mit 32 Konzerten insgesamt. Und jetzt haben wir Angst, dass alles gleich vorbei ist. Die Konzerte letztes Jahr waren anstrengend. Ich war auch komplett krank davor. Dieses Jahr ist aber alles entspannt.

 

Und wie sind die Reaktionen bei den Konzerten?

Es gibt Abende, die sind gut, wo es sich ganz langsam steigert und die Leute dann bei den Zugaben völlig ausrasten. Dann gibt es Abende, da kommst du auf die Bühne und die Leute rasten schon aus. Bis jetzt waren die Konzerte super, egal wie komisch der Laden war. Aber die besten Konzerte waren wirklich die in den größeren Hallen. Wir hatten vier Konzerte mit über 3000 Menschen. Das ist dann abgefahren, und ich war richtig fassungslos.

Hast du Angst, dass der Erfolg schnell wieder vorbei ist?

Die Gefahr gibt es immer. Wir versuchen, es zu genießen und erfreuen uns daran. Bei Teilnehmern von Castingshows ist das anders. Da hast du vielleicht 'ne Woche Erfolg, singst auf 'ner Firmenfeier und das war's dann.  

Hast du schon Ideen für ein neues Album?

Ja, ich weiß auch schon, wie es heißen soll. Jetzt schreibe ich grad nicht, wegen der Tour, aber März bis Mai schreibe ich das alles, und dann wird das Album Ende des Jahres aufgenommen. Das ist grob der Plan.

Du bist für den Echo als bester Künstler national nominiert. Welche Chancen rechnest du dir aus?

Ja, und Udo Lindenberg ist auch nominiert. Ich hab bestimmt 'ne Riesenchance (lacht). Also Udo Lindenberg wird natürlich gewinnen. Das ist völlig aussichtslos, dass ich da 'ne Chance hab. Aber ich freu mich, dass ich nominiert bin. Das heißt ja schon was.

Tim Bendzko - Wenn Worte meine Sprache wären (Official Video)



Quelle: YouTube


Mehr dazu:

Wer kein Ticket für den Jazzhaus-Gig bekommen hat: Tim Bendzko kommt im Sommer ins Zirkuszelt auf dem ZMF. Nur noch 149 Tage!

Was: Tim Bendzko
Wann: Samstag, 14. Juli 2012
Wo: ZMF Zirkuszelt
Tickets: 30,40 Euro (zuzüglich Gebühren) Tickets Tim Bendzko Freiburg
[Bilder: David Cibis]