Interview mit Techno-Produzent Oliver Koletzki: "Im Studio bin ich ein kleiner Diktator"

Bernhard Amelung

Oliver Koletzki, 39, ist einer der bekanntesten Techno-Produzenten Deutschlands. Sein neues Album "I Am OK" stellt er zusammen mit seiner Ehefrau, der Sängerin Fran, beim "Sea You"-Festival am Freiburger Tunisee vor. fudder-Autor Bernhard Amelung hat mit Koletzki gesprochen:



Oliver Koletzki, Sie touren jedes Jahr durch Asien, Südamerika und Australien. Was war der exotischste Ort, an dem Sie gespielt haben?

Koletzki: Das war im Dschungel Thailands. Der Veranstalter holte mich vom Hotel mit einem Geländewagen ab. Er raste auf kaum erschlossenen Straßen in den Urwald und brachte mich zu einer Blockhütte. Dort feierten etwa 200 Gäste. Während ich auflegte, krochen Spinnen und Skorpione über den Lehmboden und ließen sich auf dem Mischpult nieder. Das war sehr bizarr.

Sie sind immer in Bewegung. Wie lebt ein Mensch, der praktisch im Flugzeug zu Hause ist?

Gott sei Dank tue ich das nicht. Das würde ich nicht aushalten. Ich bin ein häuslicher Typ. Ich freue mich immer, wenn ich nach einer Tour zuhause in Berlin ankomme und mit meiner Frau und unserem Hund spazieren gehen kann.

Sie haben nun mit "I Am OK" Ihr fünftes Album veröffentlicht. Was für ein Gefühl reflektieren Sie darauf?

Das Album verstehe ich als vorsichtige Zwischenbilanz, als eine Art Selbstporträt. Ich kann ehrlich sagen, dass es mir gut geht. Durchschnittlich spiele ich vier Gigs pro Woche. Unter der Woche arbeite ich täglich neun Stunden im Studio. Ich bin noch nie an den Punkt gekommen, an dem mir alles zu viel wurde und die Lust auf die Musik weg war. Ich hoffe, dass das so bleibt. Toi, toi, toi. (Klopft auf die Tischplatte).

Im Vergleich zu den Vorgängeralben klingt Ihre Musik nun rauer und elektronischer. Warum dieser Stilwechsel?

Für jüngere Hörer klingt der aktuelle Koletzki sicher neu und ungewohnt. Die letzten Alben "Großstadtmärchen I" und "II" bestanden ja aus Songs mit starkem Pop-Einschlag. Als Discjockey lebe ich jedoch auch für den Club, für den Moment, wenn es auf der Tanzfläche so richtig abgeht. Diese Stimmung wollte ich mit "I Am OK" einfangen.

Mittlerweile erscheint Ihre Musik bei Deutschlands größter Plattenfirma Universal. Wie fühlt es sich als Elektronikmusiker an, bei einem Majorlabel unter Vertrag zu stehen?

Als Universal vor ein paar Jahren auf mich zukam, war ich sehr aufgeregt. Ich hatte gerade erst meine Nische im Techno-Zirkus gefunden und sollte auf einmal ein viel breiteres Publikum bekommen. Dinge wie Airplay im Radio, Chartplatzierungen und Verkaufszahlen spielten plötzlich eine Rolle. Universal hat nämlich genaue Vorstellungen, was mit einem Album oder einer Single passieren soll. Auf meine künstlerische Arbeit hat das aber keinen Einfluss. Im Studio sage ich, wo’s lang geht.

Seit Ihrem Debüt "Der Mückenschwarm" sind fast zehn Jahre vergangen. Wie hat sich in dieser Zeit Ihr Arbeitsprozess im Studio verändert?

Zu Beginn habe ich viel mit Synthesizern, Sequenzern und emulierten Sounds gearbeitet. So ist auch "Der Mückenschwarm" entstanden. Heute arbeite ich mit unterschiedlichen Studiomusikern zusammen. Die Bässe auf "I Am OK" hat ein Musiker auf einem echten Bass eingespielt. Auch für die Trompetenmelodien und Gitarrenklänge habe ich mir Berufsmusiker ins Studio geholt. Das verleiht der Musik einen lebendigeren und wärmeren Charakter.

Das klingt nach Techno-Jamsession.

Ist es aber nicht. Wir sitzen nicht rum und jammen wie eine Jazz-Combo. Ich habe eine klare Vorstellung davon, was die Musiker einspielen und wie sie es einspielen sollen. Ich gebe auch deutliche Anweisungen, was sie zu tun haben. Im Studio bin ich manchmal ein kleiner Diktator.

Sie führen außerdem das Plattenlabel "Stil vor Talent". Was ist dabei die größte Herausforderung?

"Stil vor Talent" beschäftigt mittlerweile drei Festangestellte. Ich trage also die Verantwortung dafür, dass deren Lohntüten am Monatsende immer voll sind. Deshalb muss bei uns eine Musik stattfinden, die sich sowohl gut verkauft und trotzdem noch dort gespielt wird, wo ich herkomme: im Club und auf Elektro-Festivals. Das ist ein Balanceakt, der Kraft kostet.

Wie entspannen Sie?

Ich spiele leidenschaftlich Tischtennis und Schach. Außerdem koche ich gerne mit meiner Frau. Jetzt im Frühjahr freue ich mich, wenn die Tage wieder länger werden und die Festivalsaison beginnt. Ich liebe es, unter freiem Himmel aufzulegen. Das beflügelt mich.

Mehr dazu:

Was: Sea You Festival
Wann: Samstag, 19. und Sonntag, 20. Juli 2014, jeweils ab 12 Uhr. Aftershow-Party im Klangraum am Sonntag, 20. Juli 2014, ab 22 Uhr
Wo: Tunisee
  [Foto: Andrej Dallmann]