Interview mit Sinnestäuschung Events: "Freiburg fehlt ein Kulturprogramm für junge Menschen"

Bernhard Amelung

Seit nunmehr vier Jahren feiert Sinnestäuschung Events in Freiburg eine große Techno-Party nach der anderen. Zum Jubiläum holt das Freiburger Label am Freitag Stephan Bodzin, Super Flu und Viktoria Rebeka ins Alte Stinnes Areal. Wir haben mit den Sinnestäuschungs-Machern Aron Lederer und Deniz Binay über ihr Label, die GEMA und das Freiburger Nachtleben gesprochen. Und verlosen zwei Fanpakete mit jeweils zwei Gästelisteplätzen und einem T-Shirt!

 

fudder: Vier Jahre Arbeit im Veranstaltungsbereich sind eine lange Zeit. Wie geht es euch?

Aron: Gut. Auf jeden Fall gut. Am Anfang hatten wir nur wenig Ahnung, waren aber sehr ambitioniert. In diesen vier Jahren haben wir sehr viel dazugelernt, die hohen Ansprüche sind geblieben.

Deniz: Ich finde es cool, was wir im Kollektiv geschafft haben. Noch nie haben wir so lange etwas betrieben wie Sinnestäuschung. Heute ist es schön zu sehen, dass unsere Idee kein Strohfeuer war, sondern dass wir uns weiterentwickelt haben.

Aron: Wir haben noch einmal einen Schritt nach vorne getan, haben Einblicke in die Strukturen der Nachtwelt erhalten, sind geschickter im Umgang mit Agenturen geworden.

Deniz: Letztens hat mich aber etwas sehr nachdenklich gestimmt. Jemand hat auf unsere Facebook-Seite geschrieben: "Ihr seid voll Kommerz geworden." Da habe ich mich schon gefragt, ob wir uns verändert haben.

Und? habt ihr euch verändert?

Aron: Wir sind keine Anfänger mehr.

Deniz: Wir richten inzwischen große Techno-Veranstaltungen aus, die von bis zu tausend Gästen besucht werden. Auf geschäftlicher Ebene sind wir größer, professioneller geworden. An unserer Leidenschaft und Begeisterung für die Musik hat sich jedoch nichts geändert.

Was war euer schönster Sinnestäuschung-Moment?

Deniz: Mein Highlight war die Veranstaltung mit Marek Hemmann im Januar dieses Jahres. Dieser Abend hat sämtliche Rekorde gesprengt. Zuspruch, Stimmung, alles perfekt. Wir mussten an diesem Abend die Kapazität des Stinnes Areals erweitern, da die Leute noch nach ein Uhr morgens von allen Seiten heranströmten. Als Marek Hemmann sein Live-Set gespielt hat, gab es kein Halten mehr. Die Leute haben geschrien, gepfiffen, das war abgefahren schön.

Aron: Der Papstbesuch war auch großartig. Wir hatten das Ausmaß des Besuches in dieser Form nicht vorhergesehen, mussten auf Grund der hohen Sicherheitsstufe den Zugang verlegen, und so weiter. Hat aber alles sehr gut geklappt. Höhepunkt des Abends war der Auftritt unseres eigenen Papstes. Auf einmal ging die Musik aus, keiner wusste, was ging, dann zog Chris Milla als Papst verkleidet mit Anhang ein, und alle sind abgedreht (Video).

Deniz: Stimmt. Das war auch ein unglaublicher Abend. Da haben wir auch bei der Deko aufgefahren ohne Ende. Aber das kann man nicht immer machen, das Besondere darf nicht alltäglich werden.

Und was ging gar nicht auf?

Aron: Das Open-Mind-Festival. Ich habe dieses Event noch immer nicht ganz verdaut.

Was war da los?

Deniz: Wir haben für diese Veranstaltung im Juni jede Menge Geld in die Hand genommen und auf ein innovatives Line-up gesetzt. Als Headliner hatten wir Marc Houle, der da gerade sein neues Album herausgebracht hatte, sowie Alex Bau und Animal Trainer. Alles supergute Acts, die noch nie in Freiburg waren. Zudem kam noch Dapayk ...

Aron: ... und wir dachten, das geht ab. Aber aus Veranstaltersicht war der Juni ein schwieriger Monat. Davor war das Tagtraum Festival, danach waren Großveranstaltungen..

Deniz: Wir haben viel Geld rausgeblasen für nix.

Wie ist es um die wirtschaftliche Seite von Sinnestäuschung Events bestellt: Könnt ihr von den Veranstaltungen leben?

Deniz: Das wäre zu schön, um wahr zu sein. Das große Geld lässt sich damit ganz bestimmt nicht verdienen.

Aron: Aber das denken sehr viele, die sich mit der Planung und Organisation von Veranstaltungen nicht auskennen. Ein wichtiger Kostenfaktor ist zum Beispiel das Personal. Wir arbeiten pro Abend durchschnittlich mit sechs Türstehern.

Und dazu kommen die teils exorbitant hohen DJ-Gagen.

Deniz: Na ja, das muss man differenziert betrachten. Es gibt Künstler, die sind definitiv ihr Geld wert, zum Beispiel Henrik Schwarz. Der wäre eine Herzensangelegenheit für mich. Henrik Schwarz spielt jedoch höchstens vier, fünf Gigs pro Monat, und sowieso nur ganz wenige in Deutschland. Da er aber zig Anfragen bekommt, kann er sich die Veranstaltungen aussuchen. Und wenn dann Clubs wie das Robert Johnson mit dabei sind, warum sollte er dann in Freiburg spielen?

Aron: Wir möchten auch kein Gagendumping betreiben und die Künstler unter Wert verkaufen. Da verstehen wir nicht, wie manche regionalen Veranstalter ihre Headliner für fünf Euro Eintritt vermarkten.

Vielleicht wird sich daran etwas ab Januar 2013 ändern. Bisher sieht es ja so aus, als ob die GEMA ihr neues Tarifsystem einführen wird. Ist das ein Thema für euch?

Deniz: Ich denke, es wird kein Weg daran vorbeiführen, sich damit intensiv auseinander zu setzen. Wir haben verschiedene Modelle durchgerechnet und werden unter dem neuen Tarifsystem eine sechsstellige Summe an die GEMA abführen müssen. Wir müssten ja die zehn Prozent, die auf jeden Eintritt abgeführt werden müssen, für die theoretischen Besucher zahlen, auch wenn wir schlechte Abende mit nur wenigen Gästen haben. Das können wir nicht stemmen. Das kann kein Club stemmen. Das Stinnes Areal müsste schließen ...

Aron: ... kann aber nicht schließen, da inzwischen zwanzig Menschen direkt von dessen Betrieb leben und rund 120 Menschen indirekt. Die wären alle davon betroffen. Das geht nicht nur die Techno-Clubs an, sondern alle.

Deniz: In der Schweiz funktioniert das doch auch wunderbar. Dass ein einzelner Verein in Deutschland eine solche Macht erlangen kann, ist spooky.

Und wie werdet ihr mit dem neuen Tarifmodell umgehen?

Aron: Wir lassen's auf uns zukommen.

Keinen Masterplan?

Deniz: Freier Eintritt, dafür hoher DJ-Euro auf das erste Getränk, keine Ahnung. Wir lassen's auf uns zukommen.

Jetzt der obligatorische Blick auf die Freiburger Veranstaltungslandschaft im Jahr 2012. Wie fällt euer Fazit aus?

Aron: Vorletztes Jahr fanden wir noch bescheuert, dass nicht so viel ging. Jetzt ist die kritische Marke fast erreicht. Was Veranstaltungen mit Headlinern betrifft, sind manche Wochenenden fast überfüllt.

Deniz: Ich finde es gut, dass sich in Freiburg viel regt. Davor dachten halt einige Veranstalter, Karotte und Monika Kruse gehen immer. Das funktioniert jetzt nicht mehr. Es bewahrheitet sich halt doch, dass man innovativ sein muss, um bestehen zu können.

Aron: Es gibt halt nur vier Wochenenden pro Monat, und da muss jeder Veranstalter sehen, wo er unterkommt, mit welchen Künstlern er zusammenarbeiten kann, ob ein Termin frei ist.

Und was fehlt Freiburg im Jahr 2012?

Aron: Man sollte einmal den Blick nach Basel richten und dann wieder zurück nach Freiburg. Dann weiß man, dass das kulturelle Angebot in dieser Stadt teilweise für die Füchse ist.

Deniz: Freiburg fehlt ein Kulturprogramm, das auf die Bedürfnisse junger Menschen zugeschnitten ist. Dazu gehört beispielsweise eine Open-Air-Location, in der Konzerte, kleinere Club-Events, aber auch Kleinkunst stattfinden können. In jeder anderen Stadt finden im Sommer Open-Air-Konzerte, Festivals, Partys oder Theateraufführungen unter freiem Himmel statt, nur in Freiburg nicht. Wenn man in Freiburg im Sommer etwas machen möchte, fühlt sich jeder sofort bedroht. Freiburg im Sommer ist tot.

Aron: Eine schöne Grünfläche, überhaupt eine Fläche, auf der man etwas machen kann, das wäre schön. Und mehr Toleranz!

Habt ihr für eure Arbeit denn schon einmal eine Rückmeldung von Seiten der Stadt Freiburg bekommen?

Deniz: Ich weiß gar nicht, ob wir für die existieren. Wir nehmen die Stimmung in der Stadt einfach so wahr, dass die Stadt Freiburg gegen Neues ist und kein Angebot schaffen möchte. Irgendein Anwohner ist immer stärker. In Dortmund gibt es DJ-Picknicks im Park, im Ruhrgebiet gibt es die Pollerwiesen-Open-Air-Veranstaltungen, in Mannheim und Ludwigshafen gibt es den Loft Beach.

Aron: Das Kulturamt der Stadt Freiburg sollte meiner Ansicht nach auf die Bedürfnisse der jungen Menschen eingehen und solche Angebote ermöglichen.

Und was wollt ihr für 2013 in die Hand nehmen?

Aron: Da gibt es einiges, das wir anpacken werden. Die Marke Sinnestäuschung soll in Zukunft auch auf Festivals wie SonneMondSterne oder der Nature One präsent werden. Dass wir mit SinnestäuschungFM ein Webradio betreiben, soll den Leuten noch stärker bewusst werden.

Deniz: Und den Traum vom eigenen Label verfolgen wir auch noch. Es wäre schön, wenn wir irgendwann einmal mit Veranstaltungen, Webradio, Label und Agentur ein vollständiges Portfolio anbieten können.

Wer steckt hinter Sinnestäuschung?

Die Macher von Sinnestäuschung heißen Aron Lederer und Deniz Binay. Aron Lederer, 23, arbeitet als Kaufmann; Deniz Binay, 22, schließt derzeit seine Ausbildung im Groß-/Einzelhandel ab.

Verlosung

fudder verlost ein Fanpaket aus zweimal zwei Gästelisteplätzen mit einem T-Shirt für "4 Jahre Sinnestäuschung" mit Stephan Bodzin und Super Flu im Stinnes Areal. Wer gewinnen möchte, schickt eine E-Mail mit seinem Namen und dem Betreff "Sinnestäuschung" und seiner Anschrift an gewinnen@fudder.de. Einsendeschluss ist Freitag, 19. Oktober 2012, 12 Uhr. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen. Die Gewinner werden am selben Tag per E-Mail benachrichtigt.

Mehr dazu:



Was:
4 Jahre Sinnestäuschung-Party w/ Stephan Bodzin, Super Flu, Viktoria Rebeka und den Sinnestäuschung-Residents
Wann: Freitag, 19. Oktober 2012, 22 Uhr
Wo: Altes Stinnes Areal, Hans-Bunte-Straße 16c