Interview mit Ralph Ruthe: "Es ist mir wichtig, dass ich die Leute zum Lachen bringe"

Christopher Bünte

Im November war Ralph Ruthe zu Gast in Freiburg. Der Cartoon-Star las im Jos Fritz Café aus seinem neuen Buch 'Gefällt mir'. Christopher hat sich danach mit dem Künstler unterhalten.



Wenn ich mit deinen Cartoons auf die Welt schaue, dann sehe ich: Wir Menschen sind dumm. Wir lügen. Und ständig passiert überall diese ganze Scheiße. Mal ehrlich: Sind wir noch zu retten?

Ralph Ruthe: Nein, auf gar keinen Fall. Ich bin der festen Überzeugung (lächelt), dass wir uns vollständig gegen die Wand fahren. Unaufhaltsam. Aber das ist gar nicht so schlimm.

Warum nicht?

Ich sage immer, dass ich ein realistischer Optimist bin. Ich sehe die Dinge extrem positiv. Das liegt in meiner Natur. Ich stehe morgens auf und habe das Glück, dass ich in den meisten Fällen gute Laune habe. Es gibt für mich wirklich keinen Grund, keine gute Laune zu haben. Ich bin gesund. Ich darf den Beruf ausüben, der mein Traum ist – oder besser: die Berufung, so muss man das ja inzwischen sagen. Ich werde nicht verfolgt. Ich bin frei. Es ist eine Traumsituation.

Und wenn du von dir einmal absiehst?

Ich habe schon früh gesehen, dass etwas Kannibalistisches an dem ist, wie wir Menschen uns benehmen. Und das ist sehr vernichtend. Kapitalismus. Die Art und Weise, wie wir mit der Welt umgehen, in der wir leben. Das funktioniert jetzt eine Zeit lang - und dann ist es wahrscheinlich irgendwann vorbei. Wer sagt denn, dass wir die Krone der Schöpfung sind und dass wir für immer auf diesem Planeten existieren werden? Nein, wir haben keine Chance. Aber wir machen das mit einem Lächeln. Und das allerbeste draus.

Inwieweit hat diese Sicht Einfluss auf Deine Arbeit?

Es ist mir wichtig, dass ich die Leute zum Lachen bringe. Dass sie hinterher sagen: "Das war schön! Das hat Spaß gemacht!" Ich möchte nicht, dass ihnen das Lachen im Hals stecken bleibt. Es ist nicht mein Anspruch, auf Teufel komm raus zu provozieren. Das interessiert mich nicht, weil es immer irgendwann verpufft. Provokation funktioniert nur so lange, bis sie eine Generation überlebt hat.

Was bedeutet Lachen für Dich?

Ich bin mit sehr viel Humor auf die Welt gekommen. In meiner Familie war das sehr präsent. Mein Großvater hat bis ins hohe Alter eine kleine Kapelle gehabt, in der er lustige Geschichten erzählt und Musik gespielt hat. Das steckt auch ein bisschen in meinem Programm drin. Auch mein Vater ist sehr witzig. Mit Humor kann man unglaublich viele Situationen retten, die sehr ernst sind, ohne sich davon abzuwenden. Durch das, was einer sagt, lächeln plötzlich alle. Das Gespräch geht ganz normal weiter, aber die Stimmung ist anders. Ich habe Menschen kennen gelernt, die lebten unter dem Existenzminimum und waren krank. Aber sie haben ihren Humor noch gehabt. Die hatten weiterhin ihre Würde. Es ist toll, wenn man Leute sieht, denen es echt dreckig geht, die aber trotzdem noch lachen können. Wir brauchen lachen, um zu leben.

Sind wir also doch noch zu retten?

Ich weiß gar nicht, wovor wir eigentlich gerettet werden müssen. Ich würde diese Vokabel nicht benutzen. Das hat etwas Religiöses. So denke ich nicht.



Du bist ja sehr umtriebig und arbeitest mit vielen verschiedenen Medien. Wie sieht der Ralph Ruthe-Kosmos im Moment aus?

Da ist meine Show, aber die ist noch nicht so populär. Wenn die Leute mich kennen, dann wegen meiner Cartoons oder wegen der Videos. Die Videos sind mir momentan am wichtigsten. Ich merke, dass ich mit diesem Medium am besten umgehen kann. Da kommt alles zusammen, woran ich Spaß habe und womit ich gut arbeiten kann. Ein Cartoon ist eine eingefrorene Situation. Auch dieses Medium macht mir sehr viel Spaß. Du musst in einem Bild alles transportieren: Die Vorgeschichte, den Kern… Vielleicht kannst du beim Betrachter sogar auslösen, was danach passieren wird. Das ist geil, erfordert vom Betrachter aber eine gewisse Mitarbeit. Auch im Video kann es zweite Ebenen geben, die man als Betrachter mitkriegen kann. Aber eigentlich sieht das jeder erstmal gleich. Das finde ich toll. Mit Ton, Musik, Bewegung, Timing, Licht, Effekten… kannst du etwas erschaffen, das von allen gleich gesehen und wahrgenommen wird. Wenn jemand meine Sachen nicht kennt, würde ich sagen, ich stehe in Deutschland noch recht alleine da, im Netz witzige, animierte Kurzvideos zu machen.

Worum geht es in Deinem neuen Buch Gefällt mir?

Ich stelle meine Bücher zwar unter ein Hauptthema, aber ich sammele vor allem die Cartoons des vergangenen Jahres. Dieses Mal lief das aber etwas anders. Zum einen hatte ich das Gefühl, dass die Zeit reif wäre, einen Cartoon-Band zu machen, in dem es um Facebook geht. Um soziale Netzwerke im weitesten Sinne. Weil es das noch nicht gab. Zum anderen arbeite ich viel damit. Deswegen fand ich, dass ich damit auch etwas erzählen kann. Also habe ich mir Cartoons zu dem Thema ausgedacht, aber nicht ausschließlich. Und ich habe zum ersten Mal redaktionelle Seiten verfasst. In dem Buch gibt es gefakede Statusmeldungen von meinen Figuren. Und es gibt Statusmeldungen von meinem privaten Profil.

Die Statusmeldungen gab es wirklich so?

Ja. Die sind alle echt.

Bestellst Du wirklich immer zwei Döner?

Ja. (lacht) Jedenfalls bis vor vier, fünf Jahren war das so. "Du bestellst doch immer zwei?" Den Kommentar hat mein bester Freund gepostet, der Ulf. Wenn wir morgens um vier Uhr vom Feiern gekommen sind, die Nacht unterwegs waren und vielleicht auch was getrunken hatten, dann musste man etwas essen. Ein Döner war mir immer ein bisschen zu wenig.

Kommen wir zu Deinen Videos. Wie geht es Dir und Pete?

Mit Pete bin ich sehr glücklich. Auf einmal hatte ich diese Idee mit dem Probanden im Labor. Und der sah auch ziemlich schnell so aus. Dr. Haubner hat etwas länger gedauert. Da gab es vier, fünf Zwischenentwürfe. Irre war, dass die Stimmen sofort da waren. Haubner hatte sofort dieses ganz Sanfte: "Schön. Schön, schön." Und Pete brüllte. Und dann habe ich einfach angefangen. Ich wollte noch gar nicht wissen, worum es geht.Viele Leute, die meine Sachen kennen, haben gemerkt: "Oh! Hier ist etwas anders. Damit habe ich nicht gerechnet." Pete war das erste Mal, dass ich kleine Geschichten erzählt habe. Deswegen war ich sehr glücklich. Dass man Leuten in so einem abgedrehten Kontext Emotionen nahebringen kann. 

Ruthe.de - PETE Ep. 001 "Der Geschmacksverstärker"



Quelle: YouTube
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Hast Du persönliche Erfahrung im Ausprobieren von Chemikalien?

Nein. Die Leute sagen oft: "Alter! Was muss man für Drogen nehmen, um auf solche Ideen zu kommen?" Ich habe nichts gegen eine gute Flasche Irgendwas. Aber eines ist mal klar: Mir ist beim Saufen noch kein Gag eingefallen, der hinterher den Weg in ein Buch geschafft hätte. Das hat nichts miteinander zu tun. Um professionellen Humor zu erschaffen, muss ich nüchtern sein, sonst wird das nichts.

Wie entstehen Deine Videos?

Die Videos mache ich zusammen mit Falk Hühne, einem Animator. Ich denke mir jedes Video komplett aus. Jede Zeichnung ist von mir. Jedes Geräusch, jedes Wort, die ganze Musik… alles von mir. Aber: Falk ist der Mann, der all diese Zeichnungen nimmt und bewegt. Ohne ihn wäre ich nichts. Auch wenn es rechnerisch wahrscheinlich nur dreißig Prozent sind, was da an Leistung erbracht wird, die sind enorm wichtig. Er macht das so gut, weil er mich versteht.

Falk hat schon vor mir Videos gemacht. Seine Sachen sind ganz anders als meine. Da gibt es eine Figur, die heißt Der Ulk-Bär. Ein kleiner Teddybär, der auf Sächsisch Witze erzählt. Ganz seltsamer Humor, oft platt und simpel. Gar nicht groß aufgemacht, um eine komplexe Geschichte zu erzählen, sondern einfach nur Quatsch. Ich habe das gesehen und gedacht: Der Mann hat Gefühl für Timing. Die Kamera bleibt lange genug drauf und genau in diesem Moment dreht der Bär den Kopf. Und ich lache mich tot, weil es irrsinnig witzig war. Das musst du erstmal können! Falk musste ich ganz viel nicht erklären.

Wie lange arbeitet ihr an einer Folge?

Wir schaffen ungefähr zwanzig Sekunden am Tag. Es gibt aber Folgen, die so komplex und aufwendig sind, dass wir nur zehn Sekunden am Tag schaffen. Im letzten Jahr habe ich im Dezember sieben, acht Trickfilme für TV total gemacht. Das musste schnell gehen, weil der Deal so spät zustande kam. Da haben wir teilweise ein Video pro Tag geschafft. Zum Schluss jedenfalls. Und die Videos wurden immer länger. Einmal haben wir sogar einen Einminüter an einem Tag geschafft. Das hatte viel damit zu tun, dass es immer dieselben Figuren waren, Weihnachtsmann und Rentier. Dann kannst du so etwas schaffen. Aber etwas wie die letzte Pete-Folge, in der gleichzeitig vier Zombies, Dr. Haubner und Pete im Bild sind… Alle bewegen sich, alle sagen was… Das schafft man nicht an einem Tag.

Wann kommt die nächste Folge von Pete?

Ich muss gerade ein bisschen Pause machen. Ich möchte Pete nicht mit einem 30-Sekunden-Gag abspeisen. Ich habe dieses Jahr eine HNO-WG-Folge gemacht, die geht sieben Minuten. Die Pete-Folge geht sechs Minuten... Das sind Projekte, an denen sitze ich jeweils zwischen fünf und acht Wochen. Jeden Tag. Ich stehe morgens auf, und dann habe ich eine eMail von Falk: "Mir fehlt das. Ich brauche diese Pose. Wie kommen wir zu dieser Szene rüber? Du musst mir da noch eine Skizze machen! Bei dem Soundfile passt was nicht!" So habe ich dann Sechzehn-, Siebzehn-Stunden-Tage. Auf Dauer macht sich das fertig. Parallel dazu habe ich die Gefällt mir-Tour vorbereitet.

Dieter Nuhr, H. P. Baxxter und Oliver Kalkofe sprechen bei Pete Gastrollen. Sieht so aus, als ob Du gut vernetzt wärst…

Ja, ich bin ein Netzwerker. Ich kenne viele Leute, deren Arbeit ich mag. Ich kenne aber auch viele Leute, weil ich gerne mit Menschen rede und ganz gut Leute miteinander verbinden kann.

Und beruflich?

Aus dem Komikbereich habe ich relativ früh Leute kennen gelernt. Einfach, weil ich sie kennen lernen wollte. Es ist essentiell wichtig für mich, mich mit anderen Künstlern auszutauschen. Ich habe 2001 ein Angebot bekommen, eine Serie für ProSieben zu entwickeln. Darüber habe ich bestimmte Comedians kennen gelernt, von denen ich mir gewünscht hätte, dass sie mitspielen. Ich bin dann vorgestellt worden, und wir haben uns gemocht. Mir war klar, dass ich mir mit denen was zu erzählen haben würde. Denn ich bin eben Humorist. Da war eine gemeinsame Grundlage.



Wann kommt Dein erster Kinofilm?

Filmpläne habe ich seit dreißig Jahren. (lacht) Aber es ist nicht so, dass ich im Moment mit einer Produktionsfirma zusammensitze und wir an einem Konzept tüffteln. Ich glaube, dass es an mir liegt. Es ist so: Seltsamerweise, obwohl ich so aktiv bin, diesen YouTube-Kanal habe, -zigtausend Menschen ihn abonniert haben und Millionen die Videos gucken, hat es proportional dazu nicht zugenommen, dass ich Film- oder Fernsehangebote bekomme. Das war immer gleich. Seit zehn Jahren bekomme ich Angebote, aber mir rennt keiner die Bude ein.

Wie oft bekommst du denn ein Angebot?

Ich bekomme im Jahr ein, zwei Angebote. Ich habe da viel mit Leuten aus dem Comedy-Bereich zu tun. Aber das sind keine Trickfilmer! Die sehen: "Aha, der macht Humor! Der bringt Leute zum Lachen. Mit dem müssten wir mal eine Comedy-Serie machen." Aber das sind Leute, die von Animation keine Ahnung haben. Die sehen meine Videos und denken oft: "Ach so, der arbeitet schon mit einem Studio zusammen." Weil das so professionell aussieht. Und so gut funktioniert. Alles, was ich erzählen und transportieren möchte, geht in diesen Videos.

Scheitert ein Kinofilm oft an den Produktionskosten?

Ja, jedes Mal. Ich hatte gerade wieder mit einer Produktionsfirma zu tun, die im Bereich Comedy riesengroß ist. Profis. Wenn die dann Trickfilm hören oder sehen, denken Sie: "Das ist total lustig. Das ist gut gezeichnet. Aber kann das nicht mehr aussehen wie Findet Nemo?" Die haben keine Ahnung. Dass diese Form dem Inhalt nicht dient, sehen sie nicht. Das muss man denen erstmal beibringen. Die kommen nicht von der Animation, sondern vom Humor. Dabei geht beides gleichzeitig! Das wird dann eher so wie die Sachen von Seth McFarlane [Anmerkung der Redaktion: Schöpfer der US-Serien Family Guy und American Dad] oder Matt Groening [Anmerkung der Redaktion: Schöpfer der US-Serien The Simpsons und Futurama].

Aber diese Kultur gibt es in Deutschland nicht. Animation ist in Deutschland immer Familien- und Kinderunterhaltung. In den USA ist ein Pixar-Film natürlich auch Familienunterhaltung, aber du merkst, dass diese Sachen trotzdem sehr erwachsen gemacht sind. Es gibt immer eine Ebene, auf der du als Erwachsener den Film gucken kannst und dich blendend unterhalten fühlst. Und die Kinder haben auch ihren Spaß. In Deutschland ist das immer ein bisschen platter. Ich hoffe, dass ich da einen neuen Schritt mitauslösen kann. Irgendwann halte ich es nicht mehr aus und muss einen Kinofilm machen.

Wie hat es Dir in Freiburg gefallen?

Es war wunderschön. Ich war gespannt, was hier passiert. Bei den anderen Auftritten habe ich im Vorfeld viel Feedback bekommen. Leute, die sagten: "Wir kommen. Wir haben Karten." Oder: "Wo gibt es Karten? Wo ist das?" Leute, die alles Mögliche wissen wollten. Bei Freiburg habe ich keine einzige Mail, keinen einzigen Kommentar von Leuten bekommen, die auf irgendeine Art und Weise signalisierten: "Wir möchten kommen." Oder: "Wir werden kommen." Dafür find ich’s total irre, dass knapp vierzig Leute da waren. Die passten ja auch toll rein in den Raum. Ich hätte mich sehr gefreut, wenn es knallvoll geworden wäre, aber ich bin auf gar keinen Fall enttäuscht. Freiburg war ein großer Spaß. Das Publikum war von der ersten Minute voll da.

Hast Du Lust, wieder nach Freiburg zu kommen?

Ja, klar. Es war ein unglaublich schöner Auftritt. Die Größe ist nicht so wichtig. (lacht) Ich habe mich wohlgefühlt, alle waren nett, die Stadt ist schön. Selbstverständlich, ich komme wieder.

Welches Projekt liegt als nächstes bei Dir auf dem Tisch?

Ich mache jetzt erstmal ein, zwei Weihnachtsvideos. Ich bin 2006 den ersten Schritt in Richtung Bühne gegangen und habe eine Weihnachtslesung gemacht. Man muss sich ein Thema setzen, dann ist es einfacher. Die Leute denken immer: "Wenn ich zeichnen könnte, würde ich auch Cartoons machen." Ich kann zeichnen. Und wenn ich dann da sitze und keine Idee habe, mache ich auch keinen Cartoon. Das Allerwichtigste ist, dass Du weißt, was du erzählen willst. Ich wusste, dass ich mich hinsetzen und vor Leuten reden kann… Aber worüber? Was ist mein Thema? Da hatte ich gerade angefangen, Weihnachtscartoons zu machen. Zu Weihnachten haben die Leute Bock, sich an so eine Baustelle zu setzen und sich das anzugucken. Seitdem mache ich jedes Jahr Weihnachtstrickfilme. Die Leute freuen sich jetzt schon darauf. Dazu gibt es einen Weihnachtssong.

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  [Bilder: Ralph Ruthe]