Interview mit Paul Kalkbrenner: "Ich bin ein Schattensucher"

Thomas Steiner

Mit dem Film "Berlin Calling" wurde er zum Popstar der Technoszene. Und sein Titel "Sky and Sand" aus dem Soundtrack des Films wurde zu einer Dancefloor-Hymne. Am 16. Juli ist Paul Kalkbrenner live bei der Sea of Love am Freiburger Tunisee zu hören. Ein Interview über sein neues Album "Icke wieder", das heute erscheint - und warum Kalkbrenner die Sonne nicht so mag.



Paul Kalkbrenner, "Icke wieder" ist Ihr fünftes Album. Wenn Sie an ein neues Album herangehen, wo stellen Sie sich vor, dass die Leute die Musik hören: im Club, zu Hause, im Auto oder im Bus im MP3-Player?

Paul Kalkbrenner: Die Orte, an denen das stattfindet, sind mir eigentlich egal. Aber wichtig ist mir, dass es um eine ganze CD geht, nicht um einzelne Stücke.

Sie mögen es nicht, wenn sich die Leute einzelne Tracks rauspicken?

Kalkbrenner: Das gibt es natürlich, dass nicht jeder dieselben Songs liebt oder sie vielleicht in einer anderen Reihenfolge anhört. Aber wenn man sie so hört, wie sie auf der Scheibe sind, wird doch mehr draus.

Es gibt auf den zehn Tracks Ihres neuen Albums keine Vocals wie auf dem "Berlin Calling"-Album. Ist "Icke wieder" eine Reise zurück zum Sound Ihrer ersten drei Alben?

Kalkbrenner: Ja, unbedingt. Ich hatte noch einige Vocalparts und hätte einige Follow Ups von "Sky and Sand" machen können. Aber ich wollte genau das Gegenteil machen, ein Album wie "Self".

Das Album von 2004, das die Kritiker liebten. Das Magazin De:Bug schrieb so schön, es wirke mit seinen liebevollen Interludes und Downtempo-Tracks so unaufgeregt, dass die Tracks wie kurze Geschichten ineinander zu fließen scheinen. Also keine Clubhits...

Kalbrenner: Wobei ich mit "Icke wieder" doch ein bisschen einen Kompromiss eingehe. "Self" war nur zum Hören, beim neuen Album freut mich, dass ich auch einen Haufen neue Tracks habe, die ich auch gerne live spiele.

Warum war es Ihnen so wichtig das Gegenteil von "Sky and Sand" zu machen?

Kalkbrenner: Weil Sky and Sand eigentlich nur eine Ausnahme auf "Berlin Calling" war. Die Fans, die sagen, "Sky and Sand" war voll geil, aber der Rest vom dem Album nicht so, die verliere ich gerne. Für die anderen, die sagen, das Album war total toll, aber "Sky and Sand" hat man zu oft gehört, ist das jetzt wieder Pauls Techno.

Hat das Album daher seinen Titel?

Kalkbrenner: Genau, es bin eben icke wieder.

Es gibt Techno in vielen Spielarten, wo würden Sie sich in der Technoszene verorten?

Kalkbrenner: Als Extrawurst, etwas besonderes.

Was macht eigentlich einen Dancefloor-Hit wie "Sky and Sand" aus?

Kalkbrenner: Keine Ahnung. Auf dem Album waren noch ganz andere Sachen. Wenn die nicht mit dem ganzen Hype verbunden gewesen wären, wären sie nicht so rezipiert worden, dass man sie nur anspielen muss, und alle auf dem Dancefloor schreien.

Ist auf dem neuen Album ein Hit?

Kalkbrenner: Nein, es ist eher so, wie wenn man sagt: Die Mannschaft ist der Star. Es ist das ganze Ding.

Was sollen eigentlich die Titel der neuen Stücke bedeuten, so merkwürdige Worte wie "Schmökelung"?

Kalkbrenner: Die sind zum größten Teil Nonsens. Aber bevor man das Stück gehört hat, hat man schon einmal geschmunzelt...

Vergangenes Jahr bei Ihrem Set auf der Sea of Love haben Sie Ihre Stücke live ziemlich verändert, teils waren sie kaum wiederzuerkennen. Warum machen Sie das?

Kalkbrenner: Weil ich gerne live spiele, die Titel in dem Moment arrangiere, das ist es, worum es geht.
Wenn Sie da Knöpfchen drehen, sehen Sie dann überhaupt, wie die Leute vor Ihnen abgehen?


Kalkbrenner:
Kaum. Auch früher, als es noch nicht Usus war, dass ich vor 6000 Menschen spiele, haben mir Leute nach der Show gesagt: Hättest ja mal ein bisschen öfter hochkieken können. Ich verstecke mich ein bisschen hinter einer Maschinenglocke.

Spielen Sie lieber in der dunklen Halle oder draußen in der Sonne wie vergangenes Jahr bei der Sea of Love in Freiburg?

Kalkbrenner: Auf jeden Fall sind diese Nachmittags-Festivalauftritte nicht so mein Ding. Ich mache lieber den Abend, – twilight. Wenn die Sonne scheint, ist das nicht so mein Ding. Ich bin Schattensucher.
Das Interview mit Paul Kalklbrenner erschien heute im Kulturteil der gedruckten Ausgabe der Badischen Zeitung.

[Foto: Jan Lienemann]

Mehr dazu:

  • Heute erscheint Kalkbrenners neues Album "Icke wieder" (Paul Kalkbrenner Musik/Rough Trade), auf dem er sich musikalisch von seinem bisherigen Erfolgssound abnabeln möchte.