Interview mit Nina Hagen: "Iiih! Tofu!"

Manuel Lorenz

Eigentlich sollte Nina Hagen schon im März nach Denzlingen kommen. Dann verschob sie das Konzert aber kurzfristig - auf kommenden Donnerstag. Und damit wir wissen, woran wir sind, hat Manuel die Godmother of Punk zuvor gefragt, ob sie Freiburg und Umgebung denn überhaupt mag.

 

Frau Hagen, nach 40 Jahren im Musikbusiness haben Sie doch schon alles gemacht. Geht da noch was?

Nina Hagen: So ein Bullshit! Bloß nicht künstlich aufregen, Frau Hagen. Musik ist etwas Lebendiges, so was wie Wasser, ja? Du machst den Wasserhahn auf beziehungsweise du gehst nach Kanada an den großen Wasserfall, und da kommt das einfach. Und es ist frisch. Und es ist lebendig. Und es kommt aus dem großen Herzen der Liebe raus. Und immer wieder neue und ...

... Nina Hagen fängt an, auf der Gitarre einen Blues zu spielen. Dann stimmt sie ein:

Well,
Late one night, I took a stroll in the park,
Was getting so scared, can’t even walk in the dark.
Oh, won’t you walk with me Jesus,
Walk with me Jesus,
Walk with me Jesus,
Don’t wanna walk alone.

... man kann aber schwer spielen, mit 'm Hörer ans Ohr festgeklemmt …

I see piggies and pimps crawling all around
Well, it ain’t funny, to see those evil clowns
Oh, won’t you walk with me Jesus!
Walk with me Jesus!
Walk with me Jesus!
Don’t wanna walk alone!

Und jetzt könnte ich ungefähr hunderttausend Stunden so weitermachen. Ein Lied nach dem anderen. Was war noch mal die Frage?

Die Frage hat sich gerade in Luft aufgelöst. So was kann nur Musik.

Ja, Musik, dazu isse da. Einfach machen. Loslegen. Eins nach dem anderen. Und zusammen singen. Wenn Menschen zusammen singen, wachsen uns Flügel. Wir gucken doch immer so bewundernswert auf die Vögel, die sich über uns erheben und überhall hinfliegen. Und wir müssen da erst teueres Geld für ausgeben, um in irgendeinen Metallvogel einsteigen zu können. Aber mit Musik machen wir uns Flügel. Dann geht’s los. Ab durch die Mitte.

Warum sollten wir fliegen wollen?

Weil wir dafür geschaffen wurden! Wir sind nicht zum rumkriechen und zum uns verstecken und unser Licht untern Scheffel stellen geschaffen worden, sondern dazu, unser Licht strahlen zu lassen, unsere Lust und Liebe lebendig zu halten und ab und zu auch gemeinsam Gruppenflüge zu unternehmen, musikalisch. Denn sonst verkalken und verrosten wir, wenn wir nicht immer mal abheben. Wir kommen ja wieder runtergesegelt. Wir müssen ja wieder ins Bett. Irgendwann mal schlafen.

Und warum hat uns der liebe Gott dann ohne Flügel geschaffen?

Die Flügel, die müssen wir uns erst verdienen. Der liebe Gott ist ja so ein großer Künstler, dass er uns jetzt nicht mit so blöden Flügeln … och, nee … Die würden doch immer im Weg sein. Die Flügel wachsen uns durch unsere Gedanken, durch unsere Liebe, und die stören dann auch nicht. Und die sind dann auch nicht irgendwie so wie bei dem komischen Teufel, da.

Der hat doch gar keine, oder?

Keine Ahnung, der kann sich ja alles mögliche wachsen lassen. Genau wie wir. Der macht uns ja alles nach. Er tut sich unheimlich schön darstellen. Und viele Menschen sind davon geblendet und fallen drauf rein. Und sein größter Trick ist übrigens, die Menschen glauben zu lassen, es gibt ihn gar nicht.

Apropos Religion: Sie sind ja Vegetarierin.

Ja, aber ich esse auch Fisch. Nicht oft.

Ist es Sünde, Fleisch zu essen?

Na ja, es ist Sünde, wenn wir uns nicht mit unseren Bauern solidarisieren, sondern unachtsam dieses System der Massentierhaltung unterstützen. Wir wollen doch zurück zu mehr Bauernhöfen statt Agrarindustrie. Und die Industrie hat ja so starke Lobbys. Wir dürfen ja gar nicht mehr wissen, was in den Töpfen drinnen ist. Die Beschreibungen, die Lebensmittelzusätze - es wird ja alles immer industrieller und unnatürlicher und ungesünder und künstlicher. Ich sag: Zurück zur Natur, halten wa unsere Seelen pur.

Ich frage das auch, weil auf dem Freiburger Münsterplatz zwischen einer Handvoll Bratwurstständen vor Kurzem ein Tofu-Stand eröffnet hat:

Iiih! Tofu! Weeßte: Das ganze Soja-Gedöns ist auch total überbewertet. Zuviel Soja ist gar nicht gesund für den Körper. Geht mal googeln! Man kann doch auch Dinkel- oder Gemüsebratlinge machen. Man muss doch nicht nur Tofu und Soja machen.

Aber von Dinkelbratlingen bekomme ich immer Bauchschmerzen.

Das tut mir leid. (Lacht.)

Ich hab mich schlau gemacht, bei meinem Ernährungswissenschaftler. Und in Amerika hab ich mal ein ganz tolles Heilfasten gemacht. So 'ne richtige Reinigung. Und das war eine großartige Erfahrung. Weil: Wenn alle Schlacken und Gifte aus dem Körper verschwinden, dann wird der Geist so frei. Und man träumt viel klarer und aufgeräumter als je zuvor, und das Tagesbewusstsein ist so schön und so klar.

Und da kam mir das Gefühl entgegengeflogen: So muss Jesus sich gefühlt haben. So rein und sauber und voll mit dem göttlichen Geist gesegnet und happy und stark und ...

... der Apostel Paulus sagt ja auch: Der Körper ist ein Tempel des Heiligen Geistes.

Ja! Natürlich! Deshalb dürfen wir Menschen uns nicht verführen lassen durch die bunten Bildchen auf den Nahrungsmittelverpackungen.

Aber die sehen halt alle so lecker aus ...

... ja! Aber: Wir sind die Verbaucher, wir können der Industrie zeigen, was wir wollen. Wir dürfen keine eingeschlafene Füße kriegen, geschweigedenn eingeschlafene Gehirne. Wir müssen uns von den Schlacken befreien, damit wir die Stärke wieder haben, uns gegenseitig zu inspirieren. Ein Licht zündet das nächste an. Barbara Rütting! For president!

Am Donnerstag spielen Sie im Bürger- und Kulturhaus in Denzlingen, einen Steinwurf von Freiburg entfernt.

Ja! Es ist so unglaublich schön bei euch! Es ist der Wahnsinn. Es ist immer wärmer, als bei uns hier im Norden. Und die Natur ist so unglaublich fett. Und die Menschen: Diese südlich geprägte Mentalität von euch. Ihr seid viel hoffnungsreichere und lebensfrohere Menschen als wir hier oben, irgendwie.

Bekommt man so was mit, wenn man auf der Bühne steht?

Ja, ich merke, dass bei euch glückliche Menschen wohnen. Weil: Ihr habt da irgendwie eine Gemeinschaft untereinander, die strahlt wahnsinnig viel Wärme udn Heimat und Gemütlichkeit und Zusammenhalt aus. Wenn ich jetzt noch länger schwärme, dann zieh' ich wahrscheinlich bald zu euch. Ich bin ja schon lange auf der Suche nach einem geeigneten Platz. Aber ich siedle mich ja jetzt in der Nähe meiner Tochter an. Die wohnt in Hamburg. Die hat da ja einen Club: die 'Sichtbar' am Fischmarkt. Da mach ich auch oft Solo-Konzerte.

Sie kommen ja ursprünglich aus Berlin-Friedrichshain.

Prenzlauer Berg ham wa gewohnt, Mitte ...

Diese Bezirke haben sich innerhalb der letzten zehn, zwanzig Jahre ja massiv verändert - in eine Richtung, die gar nicht so weit weg ist von Freiburg.

Da war's schon immer gemütlich. Sollte man sich auch gemütlich halten. So muss ett sein. Ja, und viel mehr Grün und viel mehr Blumentöppe uff die Straße. Und macht's euch doch gemütlich, wie die Freiburger, mein Gott! Wie lange müssen wir noch warten, Freiburger Verhältnisse in Berlin aufziehen zu dürfen?

Sie finden diese Entwicklung also gut?

Ja, früher, als Kind, da hatten wa noch Leierkastenmänner, die alle Woche kamen, in’ Hinterhof, und da ham wa Groschen runtergeschmissen, und der Hof, der war so grün! Da war noch dieses uralte Farnkraut, und ’ne große Kastanie. Das war in der Zelterstraße im Prenzlberg.

Damals sind wir jedes Wochenende aus der Stadt raus an einen der Seen. Pilze sammeln, Schwimmen gehen, Angeln, alles. Berlin ist umgeben von den wunderschönsten Ortschaften und Dörfen und Seen. Ich wohne ja an der Stadtgrenze zu Potsdam, am Naturschutzgebiet. Und Wald, Wald, Wald, und Seen, Seen, Seen.

Viele Berliner haben sich jetzt zusammengetan zu so einer Coop und haben ein Stück Feld gemietet oder gekauft und bauen da jetzt was an. Und das muss noch viel mehr werden. Wir müssen wieder viel mehr eine echte Gemeinschaft von Menschen werden und nicht nur eine, die uns vom Fernseher aufoktroyiert wird, von diesen Schauspielern, die Politiker geworden sind.

Haben Sie eigentlich noch Kontakt mit der Freiburger Sängerin Bahar? Sie saßen 2006 ja in der 'Popstars'-Jury, die Monrose zusammengecastet hatte.

Ja, hab ich natürlich. Aber die Mädels sind jetzt ja alle einzeln unterwegs, und da ist der Kontakt jetzt nicht mehr so intensiv. Wir stehen im Mailkontakt, die ham auch alle meine Telefonnummern.

Was halten Sie von Bahars Comeback?

Darauf habe ich sie ja von Anfang an geeicht: Sendungsbewusstsein. Abgesehen davon analysier' ich das aber nicht. Die wird uns schon mit ihrem neuen Projekt überraschen, und dann können wir uns das angucken und umarmen.

Ist Bahar ein Popstar?

Nee, Bahar ist 'ne Sängerin, 'ne Musikerin. Und man braucht sie nicht in irgendwelche Schubladen reinstecken. Hört doch mal auf mit dieser Wortklauberei. Lasst sie doch einfach machen, und dann werden wir uns erfreuen an ihrer Kunst. Sie ist 'ne Künstlerin.

Diese Kategorien, Pop und this and that ... Damit beschäftige ich mich nicht. Ich greife lieber zur Gitarre, anstatt zur Knarre.

Nina Hagen fängt ein zweites Mal an Gitarre zu spielen. Dann stimmt sie ein:

Du, lass dich nicht verhärten
In dieser harten Zeit.
Die allzu hart sind, brechen,
Die allzu spitz sind, stechen
und brechen ab sogleich ...

... und dann:

Ein Veilchen auf der Wiese stand
Gebückt in sich und unbekannt;
Es war ein herzig's Veilchen!
Da kam ein' junge Schäferin
Mit leichtem Schritt und munterm Sinn
Die Wiese her und sang

Ach! denkt ditt Veilchen, wär' ick nur
Die schönste Blume der Natur,
Ach, nur ein kleines Weilchen,
Bis mich das Liebchen abgepflückt
Und an dem Busen mattgedrückt,
Ach, nur ein Viertelstündchen lang!

Ach, aber ach, das Mädchen kam ...

... Glory Glory Hallelujah, Glory Glory Halleluja, Glory Glory Halleluja Glory Glory Hallelujah ...

... an einem Tag im Frühling ...

... so geht’s weiter.

Das werden Sie am Donnerstag in Denzlingen spielen?

Auch - im Frühlingsblock. Wir werden verschiedene Medley-Blocks haben, sonst würden wir ja 50 Stunden am Stück spielen. Und: Ich bring ein Flower-Power-Trampolin mit. Das steht dann mitten auf der Bühne. 

Mehr dazu:

Was: Nina Hagen & Band
Wann
: Donnerstag, 3. Mai 2012, 20 Uhr
Wo
: Kultur- und Bürgherhaus Denzlingen
Tickets: 34,50 bis 44,50 Euro; Nina Hagen Tickets kaufen; BZ-Kartenservice:  0761.4968888
[Bild: Promo]