Interview mit Matthias Nawrat: Über Einsamkeit an der Dreisam, Riegeler Landbier und Schwarzwaldromantik

Nadja Röll

Matthias Nawrat beschreibt in seinem Romandebut "Wir zwei allein" das Leben eines fast dreißigjährigen Studienabbrechers in Freiburg, der als Gemüsefahrer jobbt, gleichzeitig an Heim- und Fernweh leidet und sich in eine verquere Schuhverkäuferin verliebt. Am kommenden Donnerstag, 14. Juni 2012 liest der für den Ingeborg Bachmann Preis nominierte Schriftsteller im Biosk. Im fudder-Interview hat Nadja mit ihm über Stadt, Land und beengende Idylle gesprochen.



Herr Nawrat, warum siedeln Sie Ihre Geschichte einer einsamen Zweisamkeit an der Dreisam, in Freiburg und Umgebung an?

Matthias Nawrat: Ich habe mit dem Schreiben des Romans angefangen, als ich gerade aus Freiburg weggegangen bin. Ich war nostalgisch, der Schwarzwald hat in mir nachgewirkt. Aber diese Landschaft hat für mich auch generell etwas Faszinierendes, fast Psychedelisches: Es ist, als würde ich ein Gehirn von außen betrachten, mit all seinen Windungen.

Ihre beiden Protagonisten ziehen sich im Laufe der Geschichte immer mehr in die Natur und in sich selbst zurück. Ist der Schwarzwald dafür ein besonders geeigneter Ort?

Ich glaube, man kann sich auch in viele andere Landschaften zurückziehen. Nur führt diese Landschaft auch die dunkle Seite des Rückzugs vor, das Horrormäßige der engen Täler. Die beiden Protagonisten leben hier am Schluss auch in einer, ich würde sagen, falschen, beengten Idylle.

Theres Rückzug geht zeitweise so weit, dass sie ihr Zimmer nicht mehr verlässt, sich nicht mehr wäscht und kaum noch isst. Eine Kritik an der Konsumkritik?

Es ist natürlich ins Extreme getrieben. Aber es war schon mein Bedürfnis, die Verklärung des Rückzugs zu brechen und ad absurdum zu führen, dieses „Wir sind alle so naturverbunden!“ und „Für uns zählen nur die einfachen Dinge!“. Gleichzeitig ist die Person der Theres aber auch ein bisschen morbide und manisch-depressiv. Es ist beides: Ich habe mit Theres mitgefühlt und gleichzeitig habe ich es auch ein bisschen albern gefunden.

Ähnlich ironisch gehen Sie auch mit Freiburg als Ökostadt um: Kinder schreien an Halloween nach Dattelschnitten, die Protagonisten trinken selbstgemachte Rhabarberschorle und die Menschen sind in Expeditionsjacken auf der Straße unterwegs...

Ich denke, das Grüne wird in Freiburg in einer Art übertrieben gelebt, so dass eine Persiflage naheliegt. In Freiburg finden sich die Leute zusammen, die ihren sogenannten alternativen Lebensstil als Modeartikel vor sich hertragen. Die Geschichte spielt in Freiburg und da gehört dieser Bio-way-of-life dazu. Auch das wollte ich brechen, indem sich der Zynismus des Protagonisten auch auf das Grüne bezieht.

Der Protagonist wohnt im Stühlinger und trinkt in „Rudi’s Kneipe“ um die Ecke Riegeler Landbier. Gibt es diese Kneipe wirklich? Und wird da tatsächlich Riegeler Landbier getrunken?

Die Kneipe ist zwar erfunden, aber sie ist eine Mischung aus zwei realen Kneipen, dem Egon 54 und dem Vorderhaus, wo ich lange gearbeitet habe. Und das Bier ist einfach das beste Bier aus der Region, aber man muss immer danach fragen. - Ich bin in einer Bierstadt sozialisiert worden, in Bamberg in Oberfranken und da geht es sehr vordergründig um Bier als Kulturgut. Und da war ich in Freiburg froh, dass ich dieses Bier gefunden habe.



Man darf Ich-Erzähler und Autor zwar niemals gleichsetzten – aber trotzdem: Inwieweit finden Sie sich selbst in der Figur des Gemüseverkäufers wieder?

Auf den ersten Blick haben er und ich gar nichts gemeinsam. Aber im Nachhinein denke ich doch, dass ich seine Denkweise, seinen Rückzug aus der Gesellschaft, auch ein bisschen von mir kenne. Und dass ich das in ihm übertrieben ausgelebt habe. Und Theres – so eine Person gab es in meinem Leben nicht. Trotzdem habe ich aber das Gefühl, dass ich Menschen wie sie kenne. Ich glaube, dass die Sprache beim Schreiben manchmal eigene Wege geht und dann eine Blase ansticht, so dass so etwas Sublimes auf’s Papier kommt. Irgendwas hat das dann schon mit der eigenen Erfahrung zu tun, aber nicht im konkreten Sinne.

Sie haben Ihren Roman erst verfasst, als Sie schon in Biel lebten, um Literarisches Schreiben zu studieren. Sind Sie für die Recherchen oft nach Freiburg zurückgekehrt?

Vieles entstand aus der Erinnerung. Aber ich war auch öfter nochmal in Freiburg. Und ich habe zwei Wochen ganz alleine in einem Schwarzwalddorf verbracht, habe da geschrieben. Ich wollte diese Atmosphäre, diese Abgeschiedenheit erfahren. Die Schlusssequenzen des Romans „Wir zwei allein“ hätte ich sonst nicht so schreiben können.

Trotz des schönen, wilden Schwarzwaldes haben die beiden Protagonisten Fernweh: Sie träumen von Frankreich, Italien oder sogar von einer Reise zum Titicacasee, statt immer nur zum Titisee. Was fehlt ihnen hier im Breisgau?

Es geht prinzipiell um Sehnsucht und darum, was möglich wäre, aber einfach nicht passiert. Es geht um einen kompletten Rückzug aus dem Leiden heraus, dass so viel möglich ist. Darum, dass man heutzutage zwar alles tun und werden kann, aber nicht unbedingt alles tut und wird. Mein Arbeitstitel für das Manuskript war auch lange „Wir könnten“.

Wenn Sie jetzt nach der Fertigstellung Ihres Romans zurückkehren, sehen Sie die Stadt und die Umgebung mit anderen Augen?

Ja, es ist irgendwie merkwürdig. Die Stadt war mit so viel Nostalgie aufgeladen und dann kam ich zurück und es war wieder eine normale Stadt, das Poetische war nicht mehr da. Als hätte ich da irgendwas weggeschrieben. Ich fühle mich immer noch sehr wohl in Freiburg, aber es ist irgendwie entpoetisiert.

Im Juli lesen Sie in Klagenfurt. Hat der Text, mit dem Sie sich für den Ingeborg-Bachmann-Preis beworben haben auch etwas mit dem Schwarzwald zu tun? Und mit welchen Gefühlen denken Sie an die Nominierung für den Bachmann-Preis?

Zum Text darf ich eigentlich nichts sagen. Aber ja, es gibt einen bestimmten Bezug. – Am Anfang wollte ich da unbedingt hin, das war so ein unerreichbarer Gral. Inzwischen schaue ich mit gemischten Gefühlen drauf: Wettbewerbssituationen sind mir unangenehm und ich weiß, dass man da ganz schön was an Kritik abbekommen kann. Auf der anderen Seite kann man das alles glaube ich auch ein bisschen mit Humor nehmen.

Mehr dazu:

Matthias Nawrat
Wir zwei allein
Nagel & Kimche
192 Seiten
17,90 Euro
ISBN 978-3-312-00497-3

Was: Lesung Matthias Nawrat
Wann: Donnerstag, 14. Juni 2012, 20 Uhr
Wo: Biosk, Schwarzwaldstraße 80 a, neben der UB1

[Foto 1: Nadja Röll; Foto 2: Lorena Simmel]