Interview mit Marko Dipalo vom Youtube-Kanal "Walkman": Dem Hip Hop im Südwesten eine Plattform geben

Alexander Link

Hinter dem YouTube-Kanal "Walkman" stehen drei Jungs aus Freiburg und Stuttgart, die HipHop und seine vier Elemente lieben und Interviews mit HipHop-Künstlern führen. fudder hat Marko Dipalo zum Interview getroffen.

Das Interview mit Marko Dipalo (24) findet im für den HipHop-Kontext zunächst als untypisch erscheinenden "S'Antiqua", dem Antiquariat des Café Satz, im Stühlinger statt. Der in der Nähe von Freiburg aufgewachsene und lebende Marko ist zum ersten Mal hier und freut sich, inmitten dieser literarischen Kulisse, über die außergewöhnliche Location für ein Gespräch über "Walkman" und Hip Hop. Denn auch bei den Interviews des YouTube-Kanals spielt der Ort der Videoaufnahme eine wichtige Rolle.


Wie seid Ihr auf die Idee gekommen "Walkman" zu gründen?
Marko Dipalo: Danijel und ich haben uns in Kroatien, im Heimatland unserer Eltern, kennengelernt und viel über HipHop ausgetauscht. Danijel hat bereits dort den kroatischen YouTube-Kanal "Šetač" (Spaziergänger auf Kroatisch) relativ erfolgreich seit 2011 betrieben und wollte, nachdem er nach Deutschland ausgewandert war, das Konzept hier mit mir weiterführen. Silas kam erst hinterher dazu und kümmert sich vor allem um die visuelle Gestaltung. Wir fokussieren uns bei "Walkman" auf Interviews zu den vier Elementen des HipHop: Rap, DJing, Graffiti und Breakdance, die sich inzwischen untereinander aufgespalten haben und sehr facettenreich geworden sind. "Walkman" gibt es seit Oktober 2015.

Ihr konzentriert Euch bei Euren Videointerviews bisher auf den Raum Stuttgart und Freiburg, wieso?
Die großen, bekannten Rapper kommen meist nach Hamburg, Berlin, Stuttgart und Basel auf Tour, während Freiburg nicht regelmäßig besucht wird und das möchten wir versuchen mit "Walkman" zu ändern, indem wir als ein Teil der HipHop-Kultur diese mitgestalten. Ich muss oft zwischen Freiburg und Stuttgart pendeln, aber wir möchten im Sinne von "support your local" auch Rappern aus Freiburg eine Plattform bieten wie MC Prisma, die bisher noch keine große Reichweite haben, um ihre Sicht auf HipHop ausdrücken zu können.

Wie sehen Eure Formate konkret aus?
Bei dem eher old school ausgerichteten "Teach Me" sprechen wir im Sinne von "Each One Teach One" mit Künstlern, die uns und unseren Zuschauern etwas beibringen sollen über ihre Kunst, von ihrer Entstehung über ihre Entwicklung bis hin zu ihrer Ausdifferenzierung. Mit "Weskous Poetry" wollen wir Tribut an Künstler zollen, indem wir mittels Rezitationen Raptexte a cappella neu interpretieren. Bei "Walkman Walk" sollen Rapperinnen und Rapper in einem klassischen Interview kurz vor Veröffentlichung ihre Alben promoten und wir unterhalten uns über das neuste Werk und dessen Entstehungskontext. "Walkman listen to" sind kurze one take-Aufnahmen, in denen gefreestylt wird.

Teach Me #15 - Felix Felixine



Wie nehmt Ihr Kontakt zu den Künstlern auf?
Meistens schreibe ich die Leute über Facebook oder per E-Mail an und frage hartnäckig nach, bis eine Ab- oder Zusage kommt. Dann sind vielleicht bei zehn Mails drei Antworten und darunter zwei Absagen dabei. Oft sind die Künstler auch untereinander connected und wir können so einen Kontakt herstellen. Es ist auf jeden Fall leichter, mit Rappern Kontakt aufzunehmen, da sie sich präsentieren wollen. Im Gegensatz zu Graffiti-Sprayern, die sich zwar untereinander kennen, aber verständlicherweise in der Öffentlichkeit anonym bleiben wollen.

Wie bereitest Du Dich auf ein Interview vor?
Beim MC Bomber Interview konnte ich die notierten Fragen auf dem Handy nicht öffnen und musste improvisieren. Bei Felix Felixine, einem Breakdance-Urgestein, hatte ich zwei Seiten vorbereitet und davon nichts gefragt, weil sich das Gespräch in eine komplett andere Richtung entwickelt hat. Ansonsten bereite ich mich aber immer gründlich vor, indem ich zu Vita und Werk recherchiere. Beim letzten MC-Prisma-Interview im Freiburger Kulturaggregat fiel es mir viel leichter als beim ersten Gespräch.

Walkman Walk #4 - MC Prisma



Was ist Eure Motivation?
Wir machen das aus Überzeugung, weil es uns Spaß macht. Wir versuchen mit "Walkman", die HipHop-Kultur weiter am Leben zu erhalten, damit sie nicht nur wie eine Art vorübergehender Style konsumiert wird. Für uns kam der Ritterschlag, als sogar Torch das Interview mit Felix Felixine geteilt hat und Letzterer nach dem Gespräch zu uns meinte: "Ihr seid HipHop" und betonte, dass er den Weg von Heidelberg nach Stuttgart für die Kultur auf sich genommen habe. Mich freut es zu sehen, dass zwar bisher nicht viele, aber interessierte Leute unsere Arbeit wertschätzen.

Wie finanziert Ihr Euch und in welchem Rhythmus haut Ihr Videos raus?

Aus eigener Tasche. Wir haben bisher keine Sponsoren und verdienen auch kein Geld mit YouTube. Danijel ist selbständiger Photo- und Videograph, ich arbeite in Vollzeit und habe mir eine professionelle Kamera für unsere Aufnahmen gekauft und Silas hat eine eigene Werbeagentur. Dadurch schaffen wir es, die Produktionskosten relativ gering zu halten, abgesehen von einzelnen Locations wie dem Photostudio in Stuttgart, das wir für das Interview mit Felix Felixine extra gemietet hatten.

Mit welchen Herausforderungen habt Ihr zu kämpfen?
Die Suche nach geeigneten Locations für die Interviews nimmt relativ viel Zeit in Anspruch, da wir eine möglichst authentische Kulisse für das Videointerview möchten. Zusätzlich müssen wir drei in Absprache mit dem Künstler einen Termin finden, an dem wir vor Ort sein können. Das Interview mit dem Rapper O.G.Benny San haben wir im Sommer draußen im Hinterhof eines Sprayerladens in Stuttgart gedreht und dafür eigens die Wand im Hintergrund mit "Walkman" und "Teach Me" von ihm taggen lassen.

Wie sieht die Rollen- und Aufgabenverteilung bei Euch aus?
Silas ist vor allem für die Visualisierungen zuständig und er hat das "Walkman"-Logo entworfen. Kleiner fun fact: Er hat für Cros "MTV-Unplugged" den Teppich im Studio gestaltet. Danijel zeichnet sich vor allem für die Postproduktion der Videoaufnahmen verantwortlich und schneidet sie in seinem Photostudio. Ich übernehme die Interviews und die Aufnahme. Generell entscheiden wir immer alles im Team, sodass wir alle gleichberechtigt sind, selbst wenn mein Gesicht als Interviewer omnipräsent erscheint, sind wir drei "Walkman".

Wie seht Ihr Euch als relativ junger YouTube-Kanal in Bezug auf die etablierten deutschen HipHop-Medien, die ihre Schwerpunkte in den letzten zehn Jahren auf den Videobereich auf YouTube verlagert haben?
Ich habe auch schon ein bis zwei Artikel auf Google Drive Notizen verfasst und ich sehe mich auch mehr in der Rolle des Journalisten und nicht als YouTuber. Ich möchte aber nicht überall Baustellen aufmachen, sondern konzentriere mich auf eine Sache – auf die Videointerviews bei "Walkman". Unsere Reichweite beträgt im Schnitt etwa 1000 Clicks, abgesehen von Ausreißern wie das MC Bomber-Interview. Aktuell fokussieren wir uns auf den Ausbau unserer Reichweite.

Was sind Eure Ziele für die Zukunft?
Ich könnte mir vorstellen, unsere Interviews auch auszuweiten auf englische oder französische Künstler. Unser aktuelles Zielpublikum sind 25 bis 30-Jährige laut Google Analytics. Ich fände es im Sinne von "Teach Me" toll, wenn die Älteren ihre Erfahrungen mit HipHop mit den Jüngeren teilen würden, so ähnlich wie es mein Cousin mit mir gemacht hat. Mir ist es lieber, wir haben weniger Likes und Abonnenten, aber dafür diejenigen, die die Interviews gerne schauen und unsere Videos kontinuierlich verfolgen sowie unsere Arbeit wertschätzen.

Teach Me #16 - Walkman Team