Interview mit Laufstegmodel Tamara Zietlow: "Fast jede kann modeln - man braucht nur die Figur dazu"

Marius Buhl

Tamara Zietlow ist Laufstegmodel, Ex-Germany's-next-Topmodel-Model und Regensburgerin. Für eine Marc-Cain-Modenschau war sie in Freiburg. Mit fudder-Redakteur Marius Buhl hat sie über das Dauerthema Essen, Anmachsprüche und die Profitgier einer Heidi Klum gesprochen. Besonders schön: Während des Interviews vor dem Konzerthaus kommt auf einmal ein deutschlandweit bekanntes Star-Model vorbei - und erzählt, wie man besonders sexy schaut:


Die Terrasse vor dem Konzerthaus. Ein paar provisorisch aufgestellte Tische, hupende Taxis, sonst erstaunlich viel Ruhe. Träges, langweiliges Freiburg. An einem Tisch sitzt bereits Tamara Zietlow, 22, deutsches Profi-Model aus Regensburg, ehemals Teilnehmerin bei Germanys next Topmodel. Tamara ist auffallend groß, blond, und hat mega-lange Wimpern. Extensions, wie sie verrät. Sie sieht ziemlich gut aus, würde man es nicht wissen, man würde fragen wollen: "Bist du Model?" Später wird sie auf einer Modenschau von Marc Cain im Augustiner-Museum laufen. Zwischen Fitting und Schminken hat sie sich aber noch etwas Zeit genommen. Zum Warmwerden ein paar einfache Fragen an Tamara.

Tamara, ist Modeln eigentlich ein Traumjob?

Tamara Zietlow: Natürlich. Ich komme viel herum, treffe viele Leute, verdiene mit meinem Aussehen Geld. Das ist natürlich alles toll, ich genieße das sehr. Man darf aber nicht vergessen: Es gibt auch die Schattenseiten.

Welche?

Der Job ist extrem hart, das viele Reisen ist zwar schön, aber du bist immer im Stress, hast nie Pause. Ich arbeite jeden Tag an einem anderen Ort, dazwischen verbringe ich viel Zeit auf der Autobahn. Die Kunden wollen immer was anderes, alle zerren an einem - das ist ziemlich stressig. Und man muss immer gut aussehen, das ist auch nicht so leicht, wenn man kaum Schlaf kriegt. Modeln ist körperlich und psychisch sehr, sehr anstrengend.

Gut pariert. Momentan sieht man ihr den Stress aber nicht an, Tamara sitzt nur ganz regungslos da, und achtet auf ihre frisch lackierten Nägel. Wobei: ein bisschen müde wirkt sie schon: Hotel-Life eben. Nun würde ich gerne wissen, wie man als Nachwuchs-Model eigentlich zur deutschen Model-Ikone steht.

Deutsches Über-Vorbild Heidi Klum?

Früher ja - bis ich sie kennen lernte, als ich bei Germanys next Topmodel war. Das hat mein Bild von ihr verändert. Heidi Klum ist sehr auf den Profit aus, das merkt man ständig. Mir sind Models lieber, die den Job richtig gerne machen - und nicht nur wegen des Geldes. Heidi Klum aber zockt die Models aus der Show ab.

Cool, dass sie so offen redet. Dass Heidi Klum und besonders ihr Vater sehr auf den Profit aus sind, weiß ich seit dieser großen Spiegel-Story. Wie genau das dann abläuft, weiß ich noch nicht.

Wie läuft das?

Du musst da natürlich Verträge unterschreiben, wenn du weitkommst bist du auch automatisch in der Agentur von Heidi Klums Papa. Pro Sieben will dann aber auch seine Anteile - im Endeffekt bleibt da nicht viel für dich selbst übrig. Es sei denn, man schafft den Sprung in die Öffentlichkeit, sowie Gina-Lisa, die damals mit mir in der Show war. Da muss man aber der Typ für sein.

Wie weit kamst du damals?

Ich war unter den letzten 15. Damals war ich aber gerade16 Jahre alt. Ich konnte selbstständig keine Verträge unterschreiben, und habe auch nicht polarisiert - klar, dass ich schnell rausgeflogen bin.

Immer und überall Zickenkrieg: Stimmt das Bild, das man aus dem Fernsehen hat, mit der Realität überein?

Quatsch, das ist ganz anders. Man muss wissen: Bei Germanys next Topmodel sind ständig Kameras an - das provoziert sehr, sorgt für aggressive Stimmung. Dann werden einzelne Aussagen über andere provoziert, falsch übermittelt und andere dann damit konfrontiert. Zack - Skandal. Viele junge Mädchen, die die Show sehen, verstehen das nicht und haben ein ganz falsches Bild. Das ist gefährlich.

So, jetzt wird es aber Zeit, sie auf die vielen schönen Model-Klischees anzusprechen.

Model-Thema Essen?

Klar, immer und überall. Ich hab' da aber Glück: Ich kann essen was ich will, ich lege nicht zu.

Stimmt es, dass die Model-Formel "Je dünner, desto gefragter" inzwischen nicht mehr stimmt?

Doch, die ist noch immer aktuell. Wobei: Vielleicht sind weiblichere Formen im deutschsprachigen Raum inzwischen akzeptierter, in New York, Mailand und Paris ist hungern aber noch immer angesagt. Ich zum Beispiel, bin viel zu weiblich fürs Ausland.

Was für Maße werden dort verlangt?

In Mailand: 86-58-85. Daran verändert sich nichts.

Solche Maße erreicht man nicht mit McDonalds, oder?

Also ich gehe sehr gerne zu McDonalds. Ich achte da nicht so darauf. Gestern war ich auch schon im Freiburger McDonalds. Ich gehe zum Beispiel auch Feiern, trinke da Alkohol und esse generell, auf was ich Lust habe. Andere würden das nie machen: Die essen morgens Quark, mittags Salat und abends gar nichts mehr, das ist schon extrem.

Der Konkurrenzkampf beginnt am Büffet.

Eindeutig. Beim Arbeiten siehst du Mädels, die dünner sind. Du weißt, die ist mir überlegen. Wenns dann ans Essen geht - und sieht, dass die andere nichts isst - dann hungert man auch selbst eher. Aber nochmal: Ich halte mich da raus, finde das höchst ungesund.

Schönheit - ist das eigentlich Talent oder Training?

Ich sag’ mal ganz ehrlich: Heutzutage kann fast jede modeln, man braucht nur die Figur dazu.  Schönheit ist gar nicht so wichtig. Wichtiger ist das gewisse Etwas, das Besondere. Du musst ein Typ sein, was ausstrahlen.

Bist du das geborene Model?

Nein, auf keinen Fall. Ich war nie so auf Mädchenkram aus, habe ganz lange Kampfsport gemacht, habe Hiphop getanzt, mich kaum geschminkt. Erst meine Oma hat mich dazu gebracht. Sie meinte zu mir: Melde dich doch bei dieser Miss Regensburg-Wahl an. Das habe ich dann gemacht und wurde entdeckt.

Wie schwer ist es berühmt zu werden?

Fast unmöglich. Der Konkurrenzkampf ist riesig. Man braucht Glück und Connections.

Was ist deine Hoffnung, deine große Stärke vielleicht?

Eine gemeine Frage. Vielleicht ist es so: Ich modele total gerne, die Leute merken das. Aber ganz ehrlich: Um groß rauszukommen, bin ich zu alt. Ich könnte natürlich fünf Kilo abnehmen, nach New York, Paris oder Mailand gehen und es versuchen - dann habe ich aber höchstwahrscheinlich bald kein Geld mehr. Das Risiko wäre immens, zumal die Chance bei eins-zu-weiß-ich-nicht-wie-viele-Millionen liegt. Da bleibe ich lieber bei meiner Familie in Regensburg.

Tamara antwortet ziemlich cool, überlegt kurz, sagt dann immer das Richtige - Profi halt. Sie ist mir symphatisch, wirkt natürlich und nicht aufgesetzt - was sie sagt, glaube ich ihr. Jetzt aber die wirklich interessanten Fragen.

Mal was anderes: Dein meistgehörter Anmachspruch im Club?

(lacht…) Das Klischee natürlich: Boa, du bist groß, du könntest ja Model sein.

Wird man als Model oft angesprochen?

Nein! Ganz viele Kolleginnen erzählen, dass Männer vor schönen Frauen Angst haben. Models wissen halt sehr gut, wie sie sich in Szene setzen können. Durch Aussehen, Laufstil und Blick kann man sehr gut Selbstbewusstsein vortäuschen - wir verdienen ja damit unser Geld. Männer schreckt das aber ab. Ich werde wirklich sehr selten angesprochen, was aber gut ist: Ich bin glücklich in einer Beziehung.

Thema Mode: Können Männer von Frauen da eigentlich was lernen?

Es gibt deutlich femininere Kleidung für Männer inzwischen, das spricht dafür. Anders rum aber lustigerweise ja auch: Ich kaufe zum Beispiel Basics in Männerlädem, gerne auch diese tief ausgeschnittenen Tanktops, Pullis mit schönem Print oder Oversize-Blazer. Mann und Frau passen sich da immer mehr an.

Wie kleidest du dich auf der Straße?

Bequem und elegant sollte es sein. Zara und Diesel mag ich gerne, trage aber auch H&M. Das Verrückte ist ja: Wir tragen auf den Laufstegen die teuersten Klamotten, können uns die aber nicht annähernd leisten. Und geschenkt kriegen wir davon auch nichts, es gibt höchstens mal ein Kettchen oder so.

Wieviel bekommst du für den Auftritt in Freiburg?

Durchschnittlich kriege ich für so einen Tag 450 €. Dazu kommt aber, dass ich von Regensburg quasi einen Tag für An- und Abreise brauche. Dann gehen auch noch die Steuern weg, die ich als Selbstständige zahlen muss. Reich wird man als Nachwuchs-Model nicht.

Puh, nicht besonders viel. Das hatte ich mir glamouröser vorgestellt. Mal sehen, was die Regensburgerin zu Freiburg sagt.

Hast du dir Freiburg angesehen?

Ne, gestern bin ich hier um halb elf angekommen, direkt geschlafen. Heute bin ich aufgestanden, hatte Anprobe. Jetzt werden wir geschminkt, dann haben wir Generalprobe und Show und dann gehen wir wieder heim. Manchmal ist das sehr schade: Wir werden quer durch Freiburg gekarrt, sehen aber nur das Novotel und das Augustiner-Museum, wo wir auftreten.

Ist aber 'ne süße Stadt, sehr freundliche Menschen, das gefällt mir gut. Modisch ist Freiburg mir aber nicht sonderlich aufgefallen. Alle tragen sehr schlichte Sachen.

Nun passiert etwas Lustiges. Ein anderes Model kommt zu uns an den Tisch, setzt sich. Ich meine sie zu erkennen, schaue und schaue, komme aber nicht drauf. Sie nennt mir nur ihren Vornamen: Sula. Im Nachhinein kapiere ich, wer sie ist: Sula Starridou, Ex-Freundin von Rüppel-Rapper Kay One und Model aus demEasy-Video von Cro. Sula trägt eine weite Hippiehose und ein Top, sie ist ungeschminkt. Besonders auffällig: ihre Lippen. Sula raucht eine Zigarette, Tamara ebenfalls.

Rauchen alle Models?

Sula: Früher haben viel mehr Models geraucht, aber jetzt sind ja alle healthy. Ich würde ja auch gerne aufhören, ich kann aber nicht. Im Sommer gehört Rauchen irgendwie dazu.

Sofort fällt auf: Sula, durch das 40-Millionen-Mal-geklickte-Cro-Video deutschlandweit bekannt, antwortet viel schneller, unbedachter als Tamara. Sie sagt, was ihr durch den Kopf geht, wiegt die Antworten weniger ab.

Wie geht eigentlich sexy?

Sula: Hm. Also man kann schon den Blick umstellen, sexy gucken, wir lernen das. Man versucht dann, nicht süß zu sein, sondern eher verrucht, geheimnisvoll. Die stolze Haltung, Kurven zeigen, eher streng schauen, ein bisschen Duckface, ein bisschen Schmunzeln. Das ist Selbsttraining, anfangs musste ich mir mich vor den Spiegel stellen und das üben. Jetzt kann ich es. Das zeige ich dir aber nicht jetzt.



Leibspeise Frozen Yoghurt?

Ja, ist geil - kalorienbedingt auch besser als fettes Nougat-Eis. Ich muss da drauf achten inzwischen.

Lebensziel Spielerfrau?

Boa, was für eine Frage. Fakt ist: Es gibt Mädels, die das machen und das klappt auch. Wenn du ins P1 in München gehst, und es darauf anlegst, dann klappt das. Aber wenn du Charakter hast, dann bringt dir ein Chanel-Täschchen und das ganze Geld gar nichts. Ich kenne aber genug solcher Mädels, die sagen: “Mein nächster Freund wird Fußballer.” Und dann wird er das auch.

Nervt das Klischee, dass Models zwar gut aussehen, aber oft nicht die hellsten sind?

Sula: Ja, das nervt extrem. Aber 70-80 % der Models studieren nebenher, auch wenn das ziemlich hart ist. Aber dumm sind wir keineswegs, da bringst du es nicht weit. Du studierst doch auch, Tamara?

Tamara: Ja, Psychologie.

Was findet ihr an euch gegenseitig besonders schön?

Sula: Ihre Augen.

Tamara:
Ihre Lippen.

Was sind eure Tabus?

Tamara: Pelz und Nacktmodeln. Bei Kleidung darf man aber nicht sehr kritisch sein. Du musst auch Hässliches tragen, das ist ja dein Job. Sehr oft trage ich Sachen, die ich privat nie tragen würde. Es geht da nicht um dich, du bist nur der Kleiderständer.

Findest du das manchmal schade?

Nein, ich habe mir das ausgesucht. das ist mein Job und der macht mir sehr viel Spaß. Wenn ich im Büro sitzen müsste jeden Tag, an einem PC, dann würde ich kotzen. Deswegen ist das schon richtig so.

Und könnte ich auch Model werden?

Sula: Hm, ich glaube nicht. Du wärst zu klein.



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