Interview mit Kagan-Chef-Türsteher: "Wir haben viele schlechte Erfahrungen mit Nicht-Deutschen Gästen"

Felix Klingel

Er steht vor der härtesten Tür in Freiburg: Shadi Roumi ist Chef-Türsteher im Kagan und entscheidet, wer rein darf und wer nicht. Das große Interview über Gewalt gegen ihn und sein Team, eskalierende Partys und Flüchtlinge im Nachtleben.

Shadi Roumi ist nicht Sven Marquardt und das Kagan schon dreimal nicht das Berghain: Aber wenn es in Freiburg überhaupt so etwas wie eine harte Tür gibt, dann im Kagan. Shadi steht dort seit 11 Jahren, er ist Chef-Türsteher. Sein "Nein" hat schon viele Feierwütige enttäuscht in die Nacht zurückgeschickt. Trifft man Shadi außerhalb seines Jobs, sieht man ihm den Türsteher nicht an: Kein Bouncer-Griesgram-Blick ziert sein Gesicht, sondern ein offenes Lächeln, bereit für ein Gespräch.


Shadi, wann bist Du das letzte Mal nicht in einen Club reingekommen?

"Ich gehe wenig aus, da ich am Wochenende immer an der Tür stehe. Aber einmal war ich mit einem anderen Türsteher in Lichtenstein und wir wurden an einem Club abgewiesen. Wir kamen ins Gespräch, haben gesagt, dass wir auch Türsteher sind und sind doch reingekommen."

Was ist dein Spruch für eine Abweisung?

"Es geht leider heute nicht."

Welchen Spruch kannst Du darauf nicht mehr hören?

"Warum ich nicht, aber er schon?" Viele beziehen die Abweisung auf ihre Person. Ich erkläre dann, dass es nicht persönlich gemeint ist. Es passt einfach aus verschiedenen Gründen nicht. "

Aber diese Gründe hängen doch mit der Person zusammen!

"Ja, aber das sind keine persönlichen Gründe, ich kenne die Person ja nicht. Das sind Verallgemeinerungen, anders können wir nicht arbeiten. Manchmal sind es die Klamotten, manchmal passt der Charakter einfach nicht. Stil heißt im Kagan übrigens nicht: teure Klamotten. Sondern: Die Leute machen sich Gedanken darüber, was sie anziehen."

Ein abgewiesener Gast beleidigt dich. Was machst du dann?

"Mittlerweile bin ich abgehärtet. Ich ignoriere das. In 90 Prozent der Fälle gehen die Leute dann."

Was, wenn nicht?

"Wir rufen die Polizei. Die können einen Platzverweis erteilen."

Wie oft werdet ihr an der Tür tatsächlich angegriffen?

"Selten. Vielleicht einmal im Monat. Wir verteidigen uns natürlich, schubsen und bauen Druck auf. Das reicht meistens. Zu einem richtigen Kampf kommt es sehr selten. Dann rufen wir sofort die Polizei und erstatten Anzeige."

Habt ihr Quarzhandschuhe oder Pfefferspray an der Tür?

"Ich habe ein Pfefferspray. Das ist gedacht für extreme Situationen. Wenn jemand ein Messer zieht oder so."

Ist das schon passiert?

"Nein. Es wird damit gedroht, aber gezogen hat es noch keiner."

War war die gefährlichste Situation bisher?

"Eine Gruppe Engländer hat oben im Club Stress gemacht. Wir haben sie rausgeschmissen und sie haben sich draußen abgesprochen und uns gesammelt mit Metallstangen angegriffen. Eine schwierige Situation, es war wie ein Straßenkampf. Zum Glück haben uns auch einige Gäste geholfen."

Hast du trotzdem Spaß an der Arbeit?

"Am Anfang denkt man noch: Es ist doch toll, dass ich entscheiden kann, wer reinkommt oder nicht. Aber mit der Zeit habe ich gemerkt: Es ist den Stress nicht wert, den man hat. Der Beruf hat viele negative Seiten: Kein Wochenende frei, das Privatleben leidet, Ärger mit Gästen und Behörden."

Und der Ruf ist auch nicht der Beste: Aggressiv, dumm und gewalttätig – das sind gängige Klischees von Türstehern.

"In einem guten Türsteher-Team muss es sowohl Muskeln als auch Köpfchen geben. Sonst funktioniert die Tür nicht."

Nach welchen Kriterien, ausgenommen der Kleidung, selektierst du?

"Ich habe ein Bauchgefühl für aggressive Leute. Ich merke wenn jemand auf Stress aus ist oder nur Feiern will. Wenn ich nicht sicher bin, stelle ich ein paar Fragen und schaue genau auf die Reaktion."

Wie wäre es mit einem kleinen Rollenspiel: Es ist Samstagabend, Style Night im Kagan. Ich komme als folgende Personen zu dir - komme ich rein?


… als Frau, mit einem Pfefferspray in der Handtasche

"Ja, aber wir behalten das Spray an der Kasse unten."

… ich komme in einer Männergruppe, offensichtlich ein Junggesellenabschied

"Solche Männergruppen nehmen wir extrem unter die Lupe. Meistens ist zuvor schon Alkohol geflossen, dann heißt es nein."

… ich komme alleine und habe offensichtlich schon etwas getrunken.

"Eher nein. Betrunken in den Club zu kommen ist schwierig – wie viel willst du noch trinken, und wie aggressiv wirst du dann? Und selbst wenn du friedlich bist: Liegst du dann irgendwo rum und schläfst oder kotzt?"

Ich ziehe einen 20-Euro-Schein aus meiner Hose und reiche ihn Shadi – Und jetzt?

"Das passiert oft. Ich reagiere entspannt – ist doch eine nette Geste. Manch anderer fühlt sich da sofort persönlich angegriffen. Rein kommst du trotzdem nicht."

… ich komme alleine und bin Asylbewerber aus Nordafrika.

"Da entscheidet wieder das Bauchgefühl. Außerdem kommt es auf den Tag an. Freitag hast du bessere Chancen als Samstag, das ist eher ein Pärchenabend. Ich schaue mir die Lage aber auf jeden Fall genauer an. Wir haben viele schlechte Erfahrungen mit Nicht-Deutschen Gästen. "

Ist das nicht rassistisch?

"Ich bin selber Ausländer, warum soll das dann rassistisch sein? Wir haben mit deutschen Gästen einfach weniger Probleme. Dann muss ich eben auf die anderen Gruppierungen mehr achten und den Einlass für sie verschärfen."

Was sind das für Probleme?

"Bei bestimmten Gruppierungen merkt man: Die Schwelle zur Belästigung ist schnell durchgedrungen. Sie gehen schnell auf Frauen zu und denken: Ich bin jetzt der Playboy. Da greifen wir aber hart durch, wenn wir so etwas mitbekommen."

Im White Rabbit gab es Anfang des Jahres mehrfach Übergriffe von Flüchtlingen auf Frauen, es kam heraus, dass viele Clubs Asylbewerbern kaum Zutritt gewähren. Hat sich das Nachtleben durch die Flüchtlinge verändert?

"Diese Probleme gab es schon immer, ich kenne sie aus elf Jahren als Türsteher sehr gut. Bei uns hat sich nicht viel geändert, seitdem viele Flüchtlinge nach Deutschland kommen. Vielleicht in anderen Läden schon."

Der Geschäftsführer des Kagan, Peter Bitsch, sagte in einem Interview mit Welt.de, dass sich die Situation im Nachtleben durch die Flüchtlingsströme durchaus zugespitzt hat.

"Ich kann nachvollziehen was er sagt. Bestimmte Gruppen sind aufdringlicher als andere. Aber wir gehen streng dagegen an und fertig."

Was sollte sich im Nachtleben ändern?


"Ich wünsche mir, dass die Menschen mehr feiern. Nicht in den Club gehen, um zu schauen was der oder die schon wieder macht, sondern einfach um Party zu machen und Spaß zu haben. Wenn jemand in einem lustigen Rahmen etwas heftiger feiert, hat er auch keine Probleme im Kagan."

Da steckt doch eine Geschichte dahinter …

"… einmal wurde ich von Gästen ganz aufgebracht in den Club gerufen. Ich habe noch gedacht: Irgendwer ist umgebracht worden oder sonst was. Also renne ich hin. Und was sehe ich? Ein Mädchen feiert und hat sich in Partylaune das Oberteil ausgezogen und schwingt es über ihrem Kopf – den BH hat sie noch an. Einige Gäste schauen mich entsetzt an, aber ich fand das vollkommen in Ordnung. Sie feiert doch nur. Entspannt euch."
Zur Person

Shadi Roumi lebt seit 12 Jahren in Deutschland und arbeitet seit 11 Jahren an der Tür des Kagan. Er ist hauptsächlich für die Selektion zuständig. Shadi ist aus dem Libanon nach Deutschland gekommen, um Security und Safety Engenieering in Furtwangen zu studieren. Er schreibt gerade an seiner Masterthesis.