Interview mit Jan Delay: "Ich war halt ein kleiner Faschist"

Manuel Lorenz

Am Samstag kommt Jan Delay nach Emmendingen. Und damit wir wissen, wo wir dran sind, hat fudder-Redakteur Manuel ihm im Vorfeld ein paar Fragen gestellt: zu Jack-Wolfskin-Jacken, Fahrradhelmen und Stoffbeuteln. Und zu seiner neuen Vorliebe für die Rockmusik.



fudder: Jan, nur zur Orientierung: Wieviel Zeit haben wir ungefähr?

Jan Delay: Genau 33 Sekunden. Jetzt nur noch 30.

Super, dann geb’ ich Gas. Erste Frage: Je weiter südwestlich, desto mehr Jack-Wolfskin-Jacken.

Die Wutschwaben.

Genau. Du als Chef-Styler: Wie tolerant bist du in Sachen Klamotten?

Wenn’s um Texte geht, bin ich sehr intolerant, weil man auf diesen ganzen Sachen sehr schön rumhacken kann und sehr gute Reime findet und sehr viele Leute, die das lustig finden – inklusive einem selbst. Wenn es aber um die Realität geht, um das Zwischenmenschliche, bin ich der toleranteste Mensch auf der Welt, gerade was Klamotten angeht. Wo ich nicht tolerant bin, ist bei Leuten, denen du anmerkst, dass sie komplette Kopien sind, oder von Kopf bis Fuß H&M, wie ’ne Uniform. Das find’ ich schade. Aber jeden, der seinen eigenen Style macht und drauf scheißt, was alle anderen tragen, auch wenn’s Jack-Wolfskin-Jacken sind – obwohl: die tragen auch alle anderen –, feiere ich.

Deine Stilvorbilder?

Thomas und Thea Gottschalk Und das mein’ ich ernst.

Okay …

Ja, weil die einfach ’nen Fick geben. Und die laufen rum, ey … Jedes Mal lach ich mich tot. Aber ich find’ das großartig. Die machen’s halt so, wie sie meinen, dass es geil ist.

Geht irgendwas gar nicht?

Ja klar: Jack-Wolfskin-Jacken! Nein, Quatsch. Was wirklich gar nicht geht, sind diese schrecklichen Trekking-Sandalen mit Klettverschluss, aber dann noch mit Socken. Allerdings: Wenn Jay-Z das rocken würde, würd’ ich’s natürlich wieder feiern. Oder wenn jetzt hier in Deutschland irgendwer – also ich – das irgendwie bringen würde.

Fahrradhelme?

Ich hab’ gerade für die neue Platte ’nen Song gemacht, wo der Refrain geht: „Traue niemandem mit Fahrradhelm, / die sind böse und gemein. / Unterm reflektierenden Anorak haben sie ein Herz aus Stein.“ Und in der Strophe: „Der Teufel trägt Jack Wolfskin, / und er will dich bekehren. / Also wenn du diesen Sound hörst: drrring!, / dann renne um dein Leben.“

Reden wir mal über deine Kleidung. Du performst ja in Anzug und Herrenschuhen. Wären T-Shirt, Baggys und Turnschuhe nicht gemütlicher?

Nee, überhaupt nicht. Mit den Lederschuhen kannst du viel mehr swingen und sliden, du bewegst dich ganz anders. Mit den Air Max klebst du am Boden. Da ist das Springen vielleicht geiler, aber du kannst nicht so geile Moves machen. Und Jeans sind halt auch überhaupt nicht geil. Die sind viel schwerer als Anzughosen und viel unflexibler.

Trägst du eigentlich Maßschuhe?

Schuhe nicht. Nur Maßanzüge.

Wieviele hast du?

Keine Ahnung. Sind ein paar.

Mehr Sneakers als Anzüge?

Ja. Auf jeden Fall.

Wo bringst du die alle unter?

Ich hab so ’nen geilen Glasschrank, den mein Vater mir gebaut hat. Da passen 60 Paar rein, und da ist die ganze Zeit Durchlauf. Dann hab ich noch zwei Schränke mit unangefassten, also welchen, die noch in ’ner Box sind. Und dann hab ich noch auf dem Dachboden und überall bei meinen Eltern diverse Umzugskartons, wo ich immer wieder welche hinpacke, die schon ein bisschen durch sind. Irgendwann mach ich mit denen mal ’ne Ausstellung. Oder ich eröffne ein Museum.

Seit wann sammelst du Sneakers?

Seit ’92 oder ’93.

Geht gut Kohle drauf für, oder?

Mit der größeren Berühmtheit werden die einem auch irgendwann nachgeschmissen.

Noch mal zu den Baggys: Trägst du überhaupt noch welche?

Schon lange nicht mehr. Alles verändert sich, keiner trägt mehr Baggys und dann sieht’s auf einmal komisch aus. Man bekommt Lust auf was Neues, zieht Skinny Jeans an und fühlt sich damit dann irgendwie wohler.

Stoffbeutel?

Nur beim Einkaufen. Weil’s keine Plastiktüten mehr gut.

Vom Klamottenstil zum Musikstil. Du arbeitest gerade an einem Rockalbum. Was für eine Beziehung hast du zu diesem Genre?

Rock ist das Genre, das ich am spätesten für mich entdeckt hab’. Und bei mir ist es immer so: Wenn ich mich in ein Genre vertiefe und es geil finde, will ich da auch was machen. Guns N’ Roses fand ich natürlich schon als Kind geil und hab die sogar in der Schülerband gespielt. Und Nirvana, Rage Against the Machine und die Beastie Boys hab ich damals auch schon gefeiert. Aber eigentlich war Rockmusik immer der Feind. Ich war halt Hardcore-Hiphopper, ein kleiner Faschist. Richtig Rockmusik hab ich dann erst ab 2003 gehört.

Welche Rockbands haben dich besonders geprägt?

Auf jeden Fall Queens of the Stoneage. Außerdem die ersten beiden Mando-Diao-Platten, die erste von den Arctic Monkeys, die erste von Wolfmother, diese zwei krassen Doppelalben von System of a Down ... Das war so 'ne Zeit, da kamen sehr viele gute Rockplatten raus.

Wie kamst du plötzlich auf Rockmusik?

Die kam irgendwie zu mir.

Wird's auf dem Album Corversongs von irgendwelchen Rockklassikern geben?

Nee.

Irgendwelche Features, die du jetzt schon verraten willst?

Nee.

Performst du die Rock-Sachen dann auch im Anzug? Oder KISS-mäßig mit Schminke im Gesicht?

Das macht der König Boris ja schon. Nee, ich glaub schon im Anzug. Weil: Es gibt viel zu wenige gut gekleidete Rockbands. Aber natürlich andere Anzüge, nicht dieselben wie jetzt.

Welche aus Leder vielleicht? Mit Nieten?

Genau.

In einem Interview mit DJ Ron hast du gesagt, du seiest kein Sänger, sondern Rapper. Wenn man Rockmusik rappt, wie klingt das dann: So wie Casper?

Oh Gott, nein, bloß nicht. Das ist so wie Limp Bizkit. Das ist schlimm. Nee. Das würde vielleicht so klingen wie die Beastie Boys, Rage Against the Machine oder Axl Rose. Es gibt viele Sänger, die ’nen geilen Flow haben. Und viele Rapper, die ’nen scheiß Flow haben.

Welches Genre nimmst du dir nach Rock vor: Punk?

Punk ist bei mir im Rock mit drinnen. Ansonsten: keine Ahnung.

Schließt du irgendwas komplett aus?

Schlager natürlich! Aber wer weiß: Vielleicht hab ich da mit 60 ja Bock drauf. Sag niemals nie.

Mehr dazu:

Was: Jan Delay & Disco No. 1; Support: Lingulistig
Wann: Samstag, 21. Juli 2012, 20 Uhr; Einlass 18:30 Uhr
Wo: Schlossplatz, Emmendingen
Tickets: 39,50 Euro, zuzüglich Gebühren Tickets kaufen Jan Delay Emmendingen
  • fudder: http://www.google.com titel="">Jan Delay: Der Chefstyler näselt Freiburg high (ZMF 2009)
  [Foto: Gulliver Theis]