Interview mit Inga Humpe von 2raumwohnung: "Das Seichte liegt uns nicht"

Bernhard Amelung

"Ich und Elaine", "Besser geht's nicht" und "36 Grad": Das Berliner Duo 2raumwohnung steht für Clubhits mit Chartgarantie. Am Samstag tritt es in der Brauerei Ganter auf. Weshalb ihre Musik typisch Berlin ist und wieviel Pop in elektronischer Musik stecken darf, verrät Sängerin Inga Humpe im Interview.



Die Songs auf eurem neuen Album „Achtung Fertig“ enthalten jede Menge Pop-Anleihen. Wieviel Pop darf in der elektronischen Musik sein?

Das ist stets eine Gratwanderung. Ich denke, je kühler die Atmosphäre eines Albums ist, desto mehr Pop vertragen die Songs. Wenn das Album jedoch von vornherein warm und organisch, muss man höllisch aufpassen, um nicht süßlich-beliebig zu klingen. Dann wird es schnell zu viel mit dem Pop.

Wer passt bei euch auf, dass es nicht zu poppig wird?

Wir beide passen auf. Tommi kommt ja ursprünglich vom Punk, ich habe früher auch sehr düstere, wavige Songs geschrieben. Das Seichte liegt uns nicht.

Und wer bestimmt, wo’s musikalisch lang geht?

Tommi und ich sind grundverschieden. Wir nehmen alles unterschiedlich wahr. Wir erleben alles anders und gehen die Dinge beim Musik machen immer anders an. Aber wir schätzen uns gegenseitig sehr. Ich staune immer wieder, was für Klanglandschaften Tommi aus seinen Geräten herausholen kann und bin großer Fan seiner Beats. Umgekehrt weiß ich, dass er meine Art zu singen auch sehr mag.

„Achtung Fertig“ habt ihr in Los Angeles, San Francisco, Berlin und Osnabrück produziert. Wie haben sich die Orte auf die Songs ausgewirkt?

Auf „Ich Dich Auch“ hört man meiner Meinung nach die Stadt Los Angeles deutlich heraus. Der Song ist dreckig-funkig wie die Stadt, meine Stimme ist trotzdem sehr dominant. So ist auch Los Angeles. Jeder Ort, an dem wir uns aufhalten, prägt uns. Die Menschen, die Geräusche, die Gerüche, die Architektur und die Natur beeinflussen uns und damit auch unsere Arbeit. Manchmal beschleunigt die Umgebung unseren Arbeitsprozess, dann wieder verlangsamt sie ihn. Da kommt man als Mensch nicht drum herum.

Und was ist typisch Berlin?

Keine Ahnung, vielleicht ein Grundgefühl, das unsere Musik seit jeher durchdringt. Das Berlinerische an unserer Musik ist vielleicht die unterkühlte, raue Fassade, hinter der ganz viel warmer Charme steckt. Berliner zu sein, bedeutet für mich außerdem, auch mal auf den Karton hauen zu dürfen. Das tun wir auch auf unseren Konzerten.

Der Titel eures neuen Albums heißt ja „Achtung Fertig“. Womit habt ihr abgeschlossen?

Wir haben mit gar nichts abgeschlossen. Der Titel wird gerne anders verstanden als von uns beabsichtigt. Wir lehenn uns damit an den bekannten Dreiklang „Achtung, fertig, los“ an. Wir lassen den Hörern aber die Freiheit, diese Lücke mit einem Wort ihrer Wahl zu ergänzen. Das kann „Party“, „Musik“ oder sonst ein Wort sein.

Dann ist „Achtung“ auch nicht als Warnhinweis zu verstehen?

Für uns bedeutet Achtung vor allem Respekt vor anderen Menschen und Toleranz gegenüber ihren Wertvorstellungen. Das möchten wir im Titel unseres Albums hervorheben. Wir möchten ihn aber auch offen halten für andere Interpretationen.

Euer allererster Song „Wir trafen uns in einem Garten“ baut auf einem Werbejingle auf, das ihr für die Zigarettenmarke Cabinet produziert habt. Für welche Marke würdet ihr heute Musik machen?

Wir haben unsere Musik seither verschiedenen Unternehmen für Werbespots zur Verfügung getellt. Unser Song „Besser geht’s nicht“ aus dem Jahr 2007 unterlegt zum Beispiel einen Spot der Krankenversicherung AOK. Aktuell haben wir ein Charity-Shirt aufgelegt. Die Verkaufserlöse gehen zu 100 Prozent an Oxfam, Amnesty International und weitere Organisationen.

Was ist die Motivation dazu?

Ich denke, Künstler haben eine Verantwortung, solche Einrichtungen und Projekte mit ihrem Schaffen zu unterstützen. Wir unterstützen gerne Organisationen, die sich für Freiheits- und Menschenrechte, gegen Rassismus und Diskriminierung einsetzen.

Paul Kalkbrenner, der schon einmal einen Remix für euch geschrieben hat, hat seinen Hit „Sky and Sand“ dem Energiekonzern RWE zur Verfügung gestellt. Wie wirken sich solche Aktionen auf die Glaubwürdigkeit der elektronischen Musik aus?

Das war doch vor zwei, drei Jahren. Heute ist RWE pleite. Paul Kalkbrenner dagegen macht immer noch Musik. Die Konzernspitze von RWE hat also ihre Glaubwürdigkeit verspielt, nicht Paul Kalkbrenner. Außerdem ist es doch so: Das Geld, das ein Künstler mit solchen Deals verdient, hilft ihm, drei, vier Jahre über die Runden zu kommen und vielleicht auch für eine Zeit vorzusorgen in der man nicht mehr so nachgefragt ist.

Ihr seid seit fast fünfzehn Jahren als 2raumwohung nachgefragt. Was tut ihr, um nicht stehen zu bleiben?

Wer mit offenen Augen und Ohren durchs Leben geht, wer seine Umgebung bewusst wahrnimmt, mit anderen Menschen in Austausch steht und auf sein Gegenüber hört, bleibt nicht stehen.

Mehr dazu:



Was:
Konzert: 2raumwohnung.
Wann: Samstag. 3. Mai 2014, 20 Uhr.
Wo: Brauerei Ganter.
[Foto: Das Kowalski Komitee]