Interview mit Harris a.k.a. Binichnich: "In Deutschland sind wir echt verwöhnt"

Savera Kang

Harris a.k.a. Binichnich ist Rapper, Disc Jockey, Schauspieler, Familienvater. Am Samstag legt er in der Mensabar auf. fudder-Autorin Savera Kang hat mit ihm über deutsche Amtskacke, Zuwanderung und mißglückte Integration gesprochen.


Wir waren mehrmals zum Telefoninterview verabredet. Letzte Woche. Harris a.k.a. Binichnich meldete sich nicht. Dabei wollte ich mit ihm über das Rappen und die Schauspielerei sprechen. Und über Nazis, die seine Lieder feiern. Heute habe ich ihn endlich erreicht. Er komme gerade aus der Sauna, sagt er. Und: "Jetzt sitze ich auf einem Hausdach in Berlin."


Es war schwer, einen Interviewtermin mit Dir zu bekommen. Bist Du zur Zeit sehr beschäftigt?

 
Harris:
Ja, auf jeden Fall. Ich lege viel auf. Wir haben eine sehr erfolgreiche Partyreihe, "Red Light District Berlin". Die ist international.

International?

Ja, Moskau, Zürich, diese ganzen Städte. Da bin ich schon ausgebucht. Außerdem habe ich drei Kinder, da muss ich auch gucken.

Viele kennen Dich noch als Rapper Harris. Heute bist Du vor allem als DJ unterwegs...

...die meisten wissen ja nicht, dass ich ja vom Auflegen komme, damit hab' ich angefangen. Die denken immer, ich war erst nur Rapper.

Ich wollte Dich eigentlich fragen, ob Du mit Deinen DJs so unzufrieden warst, dass Du es dann selbst in die Hand genommen hast.

Nee, nee, ich hab schon immer aufgelegt. Aber ich habe dann auch oft das Mikro genommen und die Leute haben gesagt: "Hey, du solltest rappen!". Damit war ich halt voll erfolgreich. [lacht]

Rappst Du auch zur Zeit noch?

Ja, klar. Manchmal wollen mich die Leute auch als Rapper buchen, aber dann bin ich meistens schon als DJ ausgebucht. Ich nehm' gerade ein Album auf, aber da lass ich mich nicht unter Druck setzen. Eigentlich sollte ich jede Woche ein Lied aufnehmen, aber dafür hab ich gar keine Zeit. Aber einen Titel habe ich schon.

Verrätst du uns den?

 
"Der Harris mein Hirte". [beide müssen lachen]

Auf deiner Facebook-Seite bezeichnest du dich „Multitalent“, das erfolgreich Familie, Musik und Schauspielerei unter einen Hut bringt. Wie läuft es mit der Schauspielerei?

Das mache ich sporadisch. Die meisten Angebote sind auch so Stereotype, da habe ich nicht mehr so viel Bock drauf. Aktuell hab ich ein Angebot für 'nen Gastauftritt, da wollen die einfach so 'nen Typen wie mich drin haben, die überlegen gerade noch, wie sie mich unterbringen.

Die wollen einfach Dein Gesicht drinhaben?

Ja, gibt’s ja manchmal. [lacht]



Was sind das für stereotype Rollen, die dir auch angeboten werden?

Dealer, DJs und Rapper. Meistens was mit Musik. Manchmal wollen die auch einfach nur, dass ich mich selbst spiele, wie zum Beispiel bei "Vier Könige, drei Regeln". Das läuft immer wieder nachts bei VOX. Da spiele ich eigentlich fast mich selber. Das macht auf jeden Fall auch Spaß.

Dein Lied "Nur ein Augenblick" hatte für Aufruhr in den Medien gesorgt. Darin hast du dich über Einwanderer beschwert, die sich in deinen Augen nicht integrieren wollen. Wie siehst du die Situation heute?

Genau gleich. Es hat sich nichts verändert. [Wie aus der Pistole geschossen]

Aber du hast doch recht viel Kritik eingesteckt für den Text.

Es gab mehr Props als Kritik. Es ist einfach schwierig, sich als Blonder, Blauäugiger zu äußern. Aber wenn ich irgendwo zu Gast bin oder sogar Asyl beantrage, muss ich mich doch benehmen! Es ist egal, ob ich in 'nem Restaurant bin oder in 'nem Land - man muss sich einfach benehmen! Wenn's jemandem nicht passt, soll er wieder gehen!

Oder auch in 'nem Club: Da brauch ich mich nicht zu beschweren, dass die Drinks scheiße sind, aus Sicht von 'nem Mann die Frauen scheiße sind, die Musik scheiße. Wenn es dir nicht gefällt, dann musst du halt gehen.

In Deinem Song rappst Du selbst: „Wär' ich blond mit blauen Augen würdest Du sagen, dass ich ein Nazi bin“. Hast Du aufgrund Deines Aussehens andere Rechte?

Ja. Man hört sich das anders an. Wenn ich blond und blauäugig wär', würde man gleich die Nazikeule rausholen, das würde gar nicht die Beachtung finden. Aber ich sage das als Deutscher. Ich kann nur für Deutschland sprechen, ich kann nicht sagen, wie es in Italien ist.

Harris - Nur ein Augenblick

Quelle: YouTube


Und dass vielleicht auch Nazis das Lied feiern verbuchst du als Kollateralschaden?

Ja, ich hab gehört, dass das auch einige Nazis gefeiert haben. Kommt vor, was soll man machen?!

Konntest Du schon immer „gut“ mit Rassismus umgehen, der vielleicht auch Dir entgegengebracht wurde oder hast Du es auch erst lernen müssen?

Das musste ich auf jeden Fall auch lernen. Ich war früher auch anders, ich hab mich teilweise mit Leuten umgeben, die das sind oder waren, worüber ich rappe. Und ich dachte auch, dass einige Freunde sagen werden, dass das nicht gut ist, was ich sage. Aber die kamen dann zu mir und haben mir Props gegeben und gesagt, dass sie das auch so sehen.

Andere, von denen ich dachte, sie wären wie ich, kamen dann an und haben gesagt: "Hey, du verrätst uns!". Aber das muss man auch mal sagen können. Das sind ja teilweise Leute, die in der dritten oder vierten Generation hier leben, die waren noch nie da, wo angeblich ihr Herkunftsland ist, die wissen gar nicht, worüber sie reden!

Wenn Du auch einen Prozess durchmachen musstest: Wie hast du es gelernt?

Indem ich in anderen Ländern war. Da hab ich gesehen, wie cool es in Deutschland ist.

Wo warst Du?

Auf Jamaika, in den Vereinigten Staaten von Amerika – das freieste Land der Welt. Von wegen! Und dann siehst du auch einfach, dass wo anders die Sozialstruktur scheiße ist. Wir sind hier echt verwöhnt!

Was hast Du zum Beispiel vermisst?

Also auf der einen Seite nervt die typische deutsche Amtskacke, aber darum läuft's! Zum Beispiel die Deutsche Industrienorm: Wo anders fallen die Häuser zusammen, bei uns werden die einfach richtig gebaut!

Nochmal zurück zu der von dir angesprochenen dritten und vierten Generation, die hier geboren ist, vielleicht auch Rassismus erlebt und sich beschwert: Denen kannst du ja nicht sagen: „Geht dahin zurück, wo ihr herkommt!“ - die können ja nirgendwo hin.

Das ist auf jeden Fall ein brenzliges Thema. Klar, die kommen ja von hier, die sind hier zu Hause. Und viele haben ja auch wirklich schlechte Erfahrungen gemacht, wo ich ihnen auch Recht gebe. Da werden ihre Vorurteile natürlich bestätigt. Oder wenn ich in so'n Kaff gehe und die Leute sagen: "Die Ausländer nehmen uns die Arbeitsplätze weg" oder "Die nehmen uns die Frauen weg" und so - das ist halt auch Unsinn. Die haben vielleicht noch nie 'nen Afrikaner oder 'nen Araber gesehen oder mit dem gesprochen.

Du sagst also, dass sich beide Seiten entgegenkommen müssen, nicht nur die Einwanderer, wie in deinem Lied?

Ja, klar. Es ist ein Geben und nehmen, das sage ich auch in meinem Lied. Da muss man schon mal nachdenken. Wenn ich nicht will, dass man mir was tut, dann mache ich das auch nicht. Und wenn ich will, dass mir jemand so oder so entgegentritt, dann muss ich das auch machen.

Ich hätte gedacht, die Debatte nervt dich mittlerweile vielleicht: Das war 2010, alle haben sich aufgeregt, du wurdest kritisiert. Aber das Thema ist für dich noch interessant?

Das ist immer noch aktuell. Zum Beispiel hier in Berlin mit den Asylanten, die eine Schule besetzt haben. Da ist der Staat viel zu ...[überlegt] feinfühlig. Bring das mal wo anders! Wo anders wären die eingeritten und hätten die an den Haaren rausgezogen, auch in Europa! In Frankreich zum Beispiel, da geht sowas gar nicht. Aber wir mit unserer deutschen Geschichte müssen halt immer aufpassen. Wenn meine Kinder da auf die Schule gehen würden...! Ich weiß gar nicht, wo die jetzt unterrichtet werden. Vielleicht in Containern! Und die sitzen auf dem Dach und drohen, sich anzuzünden. Ich hab da kein Verständnis für.

Anderes Thema: Am Samstag legst du in Freiburg in der Mensabar auf – kennst du Freiburg schon ein wenig?

Ich war ein paar mal da.

Ist dir was in Erinnerung geblieben?

Nee. [lacht]

Wirst du Zeit haben, dir etwas anzusehen?

Das bin ich gerade am abklären. Ich bin am Tag vorher in Hamburg und so wies aussieht, fahr ich dann erst früh am Morgen los und ganz ehrlich: Wenn ich dann zehn Stunden da runter gefahren bin, dann muss ich auch nicht mehr groß Sightseeing machen. Ich werd' wahrscheinlich wieder leider keine Zeit haben.      

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Was
: Freiburg brennt w/ Binichnich a.k.a. Harris a.k.a. Dirty Rapper, Synthälizer.
Wann:
Samstag, 25. Oktober 2014, 22 Uhr.
Wo
: Mensa, Rempartstraße 18, 79098 Freiburg
Eintritt: 9 (ermäßigt 7) Euro.
[Fotos: Harris / Promo]