Interview mit Hans-Jochen Schiewer: "Es war kein Herzenswunsch, Rektor zu werden"

Aljoscha Harmsen

Vor drei Wochen wurde der Germanist Hans-Jochen Schiewer zum neuen Rektor der Albert-Ludwigs-Universität gewählt. Die Wahl des bisherigen Pro- und kommisarischen Rektors sorgte für Diskussionen: er hatte zunächst nicht auf der Kandidatenliste der Findungskommission gestanden. Aljoscha hat für fudder mit dem neuen Rektor gesprochen: über seine Pläne für die Amtszeit, die verfasste Studierendenschaft und natürlich über seine kontrovers diskutierte Wahl.



Professor Schiewer, Sie waren erst kommissarischer und sind nun amtierender Rektor. Geht für Sie ein Herzenswunsch in Erfüllung?

Ich freue mich, dass ich zum Rektor gewählt wurde und habe in den letzten Monaten erfahren, welche Gestaltungsmöglichkeiten sich mit dem Amt verbinden lassen. Für mich ist das eine tolle Herausforderung. Es war kein Herzenswunsch, da ich nicht langfristig geplant habe, Rektor zu werden. Das hat sich erst daraus ergeben, dass sich das Team, das ich mit Andreas Voßkuhle bilden wollte, relativ schnell wieder aufgelöst hat.

Die Findungskommission hatte Sie ursprünglich nicht für das Rektor-Amt nominiert, obwohl Sie seit März Vize-Rektor waren. Wie erklären Sie sich das?

Da kann ich Ihnen leider keine Erklärung bieten. Ich hatte nichts mit dem Diskussionsprozess zu tun, der zum Vorschlag der Kandidaten führte.

Fühlten Sie sich übergangen?

„Übergangen“ ist vielleicht der falsche Ausdruck, aber ich dachte: Wenn die Entscheidung so ist, wird es gute Gründe dafür geben. Ich habe dann versucht, mich nach dieser Entscheidung an die neue Perspektive zu gewöhnen und mir überlegt, inwieweit ich meine Lehrveranstaltungen für das kommende Wintersemester planen sollte.

Das klingt nach einer sehr nüchternen Reaktion.

Was heißt nüchtern; meiner Frau und mir war klar, dass ich wieder auf meinen Lehrstuhl zurückkehre, wenn ich nicht vorgeschlagen werde. Das hätte ich unmittelbar umgesetzt.

Professorin Cheauré hat am 30. Juli Wissenschaftsminister Frankenberg und Ministerpräsident Oettinger gebeten, die Wahl zu überprüfen. Sie kritisiert das Wahlverfahren sowie die Aussagen nach der Wahl. Sehen Sie Ihren derzeitigen Status als Unirektor gefährdet?

Den Status als gewählter Rektor sehe ich nicht gefährdet. Der Universitätsrat hat sich für mich ausgesprochen, der Senat dies in geheimer Abstimmung bestätigt. Bei aller Kritik am Verlauf von Wahlprozess und Diskussion muss man eines festhalten: Es gab eine klare Konkurrenz und diese muss natürlich wie bei jeder Wahlentscheidung dazu führen, dass man über das Für und Wider, über die Qualitäten der Kandidaten diskutiert. Das Positive ist, dass es eine Diskussion gegeben hat. Und die hat zu einem klaren Ergebnis geführt.

Muss das Wahlverfahren verändert werden?

Darüber habe ich nicht zu befinden. Das wird durch das Landeshochschulgesetz festgelegt, andererseits liegt es im Benehmen des Universitätsrates, über die Gestaltung des Wahlverfahrens nachzudenken.

Und was ist Ihre persönliche Meinung dazu?

Entweder muss tatsächlich garantiert werden, dass die Gremienentscheidungen vertraulich bleiben, oder man muss von vornherein alles öffentlich benennen, so dass es nicht zu solchen Indiskretionen kommen kann, wie bei dieser Wahl.



Haben Sie in Ihrer Funktion als politischer Verantwortungsträger schon eine Strategie für Krisenmanagement?

Wir werden als Rektoratsgremium immer wieder auch unpopuläre Entscheidungen treffen müssen. Kritik gehört zum Amt, aber wenn wir Entscheidungen treffen, müssen diese Entscheidungen transparent, einem Konzept verpflichtet und argumentativ begründet sein.

Sie sagten einmal, Sie wollten mit Herrn Voßkuhle ein Team bilden. Nun ist ihr Teamkamerad ausgefallen. Was bedeutet das für Sie?

Das Rektorat ist glücklicherweise eine Mannschaft und kein Doppel. Es hat sich bestätigt, dass wir als Mannschaft die Universität in den vergangenen Monaten gut führen konnten. Ich bin überzeugt, dass wir eine Persönlichkeit finden werden, die die Mannschaft so gut ergänzt, dass wir bald mit Vollbesetzung die Arbeit aufnehmen können.

Wer wird der neue Vize-Rektor werden?

Darauf würde ich Ihnen gern heute schon eine Antwort geben, aber auch der neue Vize-Rektor muss sich bewerben, von der Findungskommission vorgeschlagen und durch den Senat bestätigt werden. Der Unterschied ist, dass der Rektor ein Vorschlagsrecht hat. Das werde ich natürlich auch nutzen. Aber es wird erst am 20. Oktober wieder eine Universitätsratssitzung geben. Frühestens ab November weiß ich mehr.

Können Sie sich eine Zusammenarbeit mit Elisabeth Cheauré vorstellen?

Ich habe schon fünf Jahre gut mit Frau Cheauré als Dekanin der Philologischen Fakultät zusammengearbeitet, habe sie fast die ganze Zeit als Studiendekan miterlebt und gesehen, wie gut sie eine Fakultät leiten kann. Ich denke aber, dass es verfrüht wäre, jetzt eine Zusammenarbeit mit Frau Cheauré auf Rektoratsebene einzuschätzen. Die Wogen, die mit der Wahl zum Rektor verbunden waren, sind ja noch nicht geglättet.

Was wollen Sie am Ende Ihrer Amtszeit erreicht haben?

Im Vordergrund steht die Aufgabe, alle Statusgruppen mit der Universität zu identifizieren, damit ein Gemeinschaftsgefühl entsteht und die Universität allen am Herzen liegt. Wir wollen das Ziel erreichen, für andere eine Modell-Universität in Forschung und Lehre zu sein. Es soll ein noch größeres Interesse geben, in Freiburg zu studieren. Die selbstverständliche Aufgabe ist, unser Zukunftskonzept erfolgreich umzusetzen. In vier Jahren werden wir spätestens mit den Ergebnissen der ersten Exzellenz-Runde konfrontiert werden. Die Möglichkeiten und zusätzlichen Mittel aus der Exzellenz-Initiative sind eine historische Chance für uns, die Qualität von Forschung und Lehre durch Drittmittel zu sichern und zu verbessern.



Wohin geht das Geld, das die Universität durch Ihren Exzellenz-Titel erhalten hat?

Die Mittel fließen in das Freiburg Institute for Advanced Studies (FRIAS), die Forscher-Nachwuchsgruppen und die internationale Graduiertenakademie. Zusätzlich fließt das Geld in einen Cluster namens „bioss“, also wesentlich in Wissenschaften wie Biologie und Medizin, und in die Spemann-Graduiertenschule.

Was kann die Lehre von den Geldern erwarten?

Der Exzellenz-Wettbewerb war ein Wettbewerb, in dem es um exzellente Forschung ging, daher haben sich die Bemühungen auf die Forschung konzentriert. Aber durch die Forscher, die wir nach Freiburg holen, gewinnen wir auch enorm viel Potenzial für die Lehre. Die Kapazität in der Lehre wird erhöht und die Attraktivität des Standortes ebenso. Universitäre Lehre bedeutet forschendes Lernen und die Befähigung der Studierenden zu eigenständiger wissenschaftlicher Arbeit. Das wird dadurch befördert, dass man am Ort selbst exzellente Forschung etabliert.

Werden Sie sich für die verfasste Studierendenschaft einsetzen?

Das werde ich tun. Wir sollten die Diskussion wieder aufnehmen mit dem Ziel, eine solche verfasste Studierendenschaft auch in Baden-Württemberg wieder einzuführen. Wenn wir die Struktur in der Bundesrepublik sehen, ist dies eine ernsthaft zu diskutierender Faktor für die hochschulpolitische Artikulation der studentischen Interessen.

Den Germanisten wird in der Regel ein schwieriger Arbeitsmarkt vorhergesagt. Worauf führen Sie als Germanist Ihren Erfolg zurück?

Ich bin davon überzeugt, dass jeder gute Chancen hat, das zu erreichen, was er will, wenn er sich sehr stark mit seinem Fach identifiziert und sich dafür engagiert. Das ist eine zentrale Voraussetzung für Erfolg. Man braucht eine gewisse Art von Besessenheit von dem, was man tun möchte. Gerade in den Geisteswissenschaften eröffnen sich zunehmend Berufsfelder für eine Dienstleistungs- und Wissensgesellschaft wie die unsere. Ich selbst habe in meinem Leben mehrfach Angebote bekommen, die Universität zu verlassen und in anderen Berufsbereichen tätig zu werden. Mein Wunsch war es, an der Universität zu bleiben, aber das hat mir gezeigt, dass Geisteswissenschaftler, die gelernt haben, systematisch zu denken und intellektuell geschärfte Persönlichkeiten sind, sehr gute Chancen am Arbeitsmarkt haben.

Herr Voßkuhle hat sein Rektor-Amt für einen Sitz im Bundesverfassungsgericht niedergelegt; was müsste man Ihnen anbieten?

Es gibt zwei Ämter, die mich zum Grübeln bringen würden: Wenn man mich fragt, ob ich Außenminister oder Bundespräsident werden möchte. Ansonsten darf die Universität verlässlich davon ausgehen, dass ich ihr die nächsten sechs Jahre zur Verfügung stehe.