Interview mit Felix Martin von Hot Chip: "Ich mag es nicht besonders, Party zu machen"

Viviane Beyer

Bei der Band Hot Chip steht er hinter Drumcomputer und Synthesizer, Freitagnacht legt Felix Martin in der Passage46 auf. Außerhalb der Band produziert der Brite seine eigene Mucke. Mit fudder-Autorin Vivane Beyer hat er sich übers Frühaufstehen und Sex auf der Tanzfläche unterhalten:



9:30 Uhr Londoner Zeit. Felix Martin klingt irgendwie noch verschlafen und irritiert. Irgendwann geht ihm ein Licht auf und er sagt: "Oh, das interview, das hatte ich ja ganz vergessen!" Ob es ihm trotzdem gerade passt? "Ja klar", antwortet er nun ganz freundlich.


Guten Morgen Felix. Wie bist du denn in den Tag gestartet?

Ich musste früh raus, da meine Freundin früh aufstehen musste. Später gehe ich ins Studio, um mit Hot Chip an unserem neuen Album zu arbeiten. Im Moment beginnen wir ziemlich spät und hören auch ziemlich spät auf. In letzter Zeit bekomme ich nicht so viel Schlaf.

Du bist also ein disziplinierter Frühaufsteher?

Nicht besonders. Ich habe nur gerade keine Vorhänge in meinem Schlafzimmer, sodass ich mit dem Sonnenlicht aufwache.

Womit kämpfst Du morgens am meisten?

Ich bin morgens ziemlich aktiv, irgendwie bin ich ein Morgenmensch. Ich gehe dann spazieren oder ins Fitnessstudio. Es ist wirklich gut, schon mal etwas zu tun bevor man ins Studio geht. Dort sitzt man offensichtlich nur herum, manchmal für 12 bis 16 Stunden. Wenn man davor aktiv war, ist man mental besser drauf. Sonst fühlt man sich träge wie ein Faultier.

Wie vereinbart sich das mit den Party-Nächten?

Ich mache nicht viel Party. Seit drei Jahren trinke ich keinen Alkohol mehr und eigentlich nehme ich auch keine Drogen. Ich mag es nicht besonders, Party zu machen. Ich bin ziemlich anständig. Ich ernähre mich gesund und führe ein ausgeglichenes Leben.

Aus welcher Stimmung heraus produzierst du deine besten Tracks?

Wenn ich gut drauf bin, das Gefühl habe, dass alles im Studio sauber und ordentlich ist und wenn ich alles unter Kontrolle habe. Dann entsteht gute Musik. Ich mag es, alles vorher perfekt vorzubereiten und mich dann hinzusetzen und mich wirklich auf meine Arbeit konzentrieren zu können.

Im Freien zu sein würde dich also nicht inspirieren?

Nein, ich muss im Studio vor dem Keyboard sitzen, um zu komponieren. Ich denke nicht groß an Melodien, wenn ich nicht vor vor dem Computer sitze.

Wie funktioniert dein Produktionsprozess?

Für mich ist das alles ganz spontan, es entwickelt sich beim Mixen. Man kann es mit dem Bilden einer Skulptur vergleichen: Man beginnt mit einer sehr groben Form und nach und nach arbeitet man an daran, bis sie eine endgültigen Gestalt annimmt.

Welchen Beruf hättest du, wenn du kein DJ wärst?

Wahrscheinlich wäre ich Akademiker. Ich habe Literatur studiert. Das hat mich wirklich interessiert. Manchmal vermisse ich es.

Schreibst du zur Zeit an etwas?

Nein, aber als Teenager habe ich immer versucht, einen Roman oder Gedichte zu schreiben. In den letzten zehn Jahren habe ich mich hauptsächlich auf die Musik konzentriert.

Welche Art von Genre würdest Du schreiben?

Früher mochte ich Fantasy und Science-Fiction. Später habe ich es mit Thrillern versucht. Sie waren wahrscheinlich ziemlich schrecklich. Das war noch, bevor jeder einen Computer hatte. Wir hatten daheim einen alten , mit schwarzem Bildschirm und grüner Schrift, also wirklich old school. Ich saß dann davor und tippte und fühlte mich wirklich seriös.

Was ist das Wichtigste für dich, wenn du in einem Club spielst?

Die Balance zu finden, zwischen meinem Geschmack, dem Geschmack der Menschen dort und der aktuellen Situation. Das ist immer die Herausforderung. Je älter ich werde, desto weniger weiß ich, was die Leute hören wollen. Ich spiele dann oft, was ich selbst mag. Es ergibt ja auch keinen Sinn, zu erraten, was die Leute wollen. Manchmal kann man intuitiv sein, oft führt es dich aber auf einen seltsamen Weg, wenn du die ganze Zeit nur versuchst, die Menschen glücklich zu machen.

Welche Art von Musik hörst du selbst gerne?

Ich mag elektronische Musik, Ambient und alles, was entspannt ist, aber auch Künstler wie Bob Dylan und Singer-Songwriter, mit denen ich aufgewachsen bin. Mein Musikgeschmack ist recht breit gefächert.

Was wäre die perfekte Location für deine Musik?

Es gefällt mir, in kleinen Clubs zu spielen - diese Gigs machen in der Regel am meisten Spaß. Ich mag aber auch antike Stätten, historische Orte, zum Beispiel aus der Eisenzeit oder dem Neolithikum (der Jungsteinzeit). In England haben wir viele dieser Orte. Ich wollte schon immer eine Tour durch Europa machen, um solche Stätten zu besuchen und dort Gigs zu spielen. Das hätte etwas Magisches.

Was ist das Verrückteste, was jemand in deiner Show im Publikum gemacht hat?

Das sind ja wirklich schwere Fragen. Ich weiß nicht, ob ich etwas richtig Seltsames erlebt habe. Ich finde es aber ziemlich komisch, wenn die Leute tanzen und wirklich abgehen und dann ist da eine Person an ihrem Handy und schreibt jemandem eine Nachricht. Es ist schwer, damit umzugehen, dass sich Menschen so abkapseln. In einem Club zu sein und zu tanzen ist ein gemeinschaftliches Erlebnis. Alle haben Spaß und trotzdem gibt es eben diese eine Person. Ungewöhnlich ist das aber nicht - man sieht es ja andauernd.

Wie würdest du reagieren, wenn Leute spontan Sex auf der Tanzfläche hätten?

Ich glaube, ich würde das einfach hinnehmen und versuchen, einen passenden Soundtrack zu finden... Natürlich wäre ich auch ein bisschen peinlich berührt. Ich würde es wahrscheinlich ein wenig unangenehm finden und versuchen, so schnell wie möglich zu entkommen.

Was ist Dein Lieblings-DJ-Move?

Oh Gott, ich bin wirklich schlecht. Ich bin keiner dieser DJs, die ihre Arme in die Luft reißen und klatschen. In der Regel sehe ich wirklich traurig und bedrückt aus, wenn ich auflege, auch wenn ich Spaß habe. Das liegt einfach daran, dass ich mich konzentrieren muss. Ich will alles richtig machen.

Mehr dazu:

Was: One Night with Felix Martin (Hot Chip, London)
Wann: Freitag, 31. Oktober 2014, 24 Uhr
Wo: Passage46, Bertoldstraße 46, 79098 Freiburg
Eintritt: 10 Euro [Foto: Promo]