Interview mit drei Freiburger Sportlern, die in Sotschi bei den Paralympics antreten

Fabian Vögtle

Auf die Olympischen Spiele folgen ab diesen Freitag in Sotschi die Paralympics für die weltbesten Wintersportler mit Handicap. Von den 13 deutschen Startern kommen drei Athleten aus Freiburg. Von der Vorbereitung und Vorfreude sowie ihren Zielen berichteten Vivian Hösch, Martin Fleig und Willi Brem fudder-Autor Fabian Vögtle zwischen dem letzten Trainingslager in Italien und ihrem Abflug nach Russland.

Vivian Hösch: „Ich träume schon von einer Medaille“



Als blinde Langläuferin und Biathletin trittst du in die Fußstopfen der Behindertensportlegende Verena Bentele, die bei den letzten Winterspielen in Vancouver 2010 fünf ihrer insgesamt zwölf paralympischen Goldmedaillen gewann. Wie gehst du mit diesem großen Schatten um und wie bewertest du die Nominierung Benteles als Behindertenbeauftragte der Bundesregierung Anfang des Jahres?

Vivian Hösch: Verena Bentele hat großes geleistet, mit ihrem fünffachen Sieg in Vancouver. Vor dieser Leistung habe ich großen Respekt. Ich denke, dass so schnell niemand mehr fünf Goldmedaillen bei denselben Paralympics erreicht, da das Niveau von Jahr zu Jahr steigt. Um in ihre Fußstapfen treten zu können, kenne ich sie viel zu wenig. Sie hat quasi aufgehört, als ich angefangen habe. Für ihre neue Aufgabe als Behindertenbeauftragte wünsche ich ihr viel Erfolg und Freude.

Ihr seid seit einigen Wochen in intensiver Vorbereitung auf Sotschi. Wie sah diese bisher aus und wie lässt sich das mit deinem Job vereinbaren?

Seit Februar letzten Jahres arbeite ich bei der Stadtverwaltung Freiburg. Nach meiner Ausbildung dort wurde ich übernommen und konnte eine Teilzeitbeschäftigung annehmen. So arbeite ich viereinhalb Stunden täglich und kann somit Training und Arbeit hervorragend kombinieren. Seit Dezember bin ich allerdings komplett von der Arbeit befreit. Meinen Kollegen bin ich für ihre Unterstützung sehr dankbar. So ist es mir möglich gewesen eine optimale Vorbereitung zu haben. Im Januar fanden drei Weltcups hintereinander statt, danach waren wir auf Trainingslagern in der Höhe, um bestens auf die Bedingungen in Sotschi vorbereitet zu sein. Ab April werde ich dann wieder in meinen Arbeitsalltag einsteigen.

Welchen Eindruck hast du im Fernsehen von den Olympischen Spielen gewonnen - von den Wettkämpfen, der Organisation und den Protesten?

Im Vorfeld auf die Paralympics habe ich auch viel Olympia geschaut. Die Freude und Emotionen der Sportler sind wirklich ansteckend. Es ist schön, wenn man so viele Nationen in einer Gemeinschaft erlebt und so viele unterschiedliche Eindrücke mitbekommt. Es ist etwas ganz Besonderes zu wissen, dass ich auch an diesen Ort reisen werde und bei den Wettkämpfen dabei sein darf. Trotzdem ist Sotschi als Austragungsort ein spezieller Fall hinsichtlich Protesten, der politischen Lage und vielem mehr. Allerdings bekomme ich als Sportlerin eher am Rande Informationen mit und kann mich daher auch nicht gezielt dazu äußern.

Du hast beim Weltcupabschluss in Sotschi vergangenen Winter im Biathlon Sprint den dritten Platz belegt. Wie viel Motivation und Zuversicht gibt dir diese Generalprobe und deine weiteren Weltcupplatzierungen im Langlauf für den Kampf um eine oder mehrere Medaillen?

Ich werde in Sotschi bei drei Rennen an den Start gehen. Das erste ist für mich der Biathlonsprint, dann der Langlaufsprint und als letztes das 5-Kilometer-Skating-Rennen. Eines meiner großen Ziele habe ich mit meiner Teilnahme schon erreicht. Vorgenommen habe ich mir, in Sotschi alles zu geben, um hinterher damit zufrieden sein zu können und zu sagen kann: Ich habe alles gegeben, und mehr ging nicht. Ich möchte auf alle Fälle unter die ersten Fünf kommen. Als Leistungssportlerin träume ich schon von einer Medaille, aber ich weiß, dass dann an diesem Tag bei diesem Rennen wirklich alles passen muss. Bei der Generalprobe in Sotschi habe ich beim Biathlonsprint Bronze geholt. Das ist unglaublich motivierend und ich freue mich jetzt schon auf die Strecken und auf den Wettkampf.

Martin Fleig: „Mal schauen, was bei rauskommt“



Im vergangenen Jahr wurdest du zu Freiburgs Sportler des Jahres gekürt, jetzt stehen deine ersten paralympischen Spiele an. Wie stolz bist du über deine Leistungskurve der vergangenen zwei Jahre?

Martin Fleig: Ich denke, dass ich wirklich einen großen Fortschritt gemacht habe. Die Technik hat sich sehr verbessert, hinzu kommt der deutliche Kraftzuwachs. Bis zu dieser Saison war ich mir noch nicht sicher, ob ich es nach Sotschi schaffen werde. Dass meine Leistungen nun für eine Nominierung zu den Paralympics gereicht haben, ist natürlich sehr schön und macht mich glücklich.

Mit Vivian Hösch und Willi Brem sind noch zwei Team- und Trainingskollegen mit dabei. Auch der halbe Betreuerstab kommt aus Freiburg oder dem Schwarzwald. Ist das ein Vorteil für dich?
Dass sich alles so gut kennen, ist für die Stimmung im Team natürlich super. Das kann man schon als Vorteil sehen. Aber ich freue mich auch die anderen Leute in unserem Team besser kennen zu lernen und hoffe in andere Sportarten reinschnuppern zu können.

Auf was freust du dich sonst am meisten?

Da wir schon zu Wettkämpfen in Sotschi waren, kenne ich bereits die Anlagen, das Stadion und die Unterkünfte im Olympischen Dorf. Nur im Deutschen Haus war ich noch nicht. Das wird sicher spannend. Leider kann ich die Eröffnungsfeier am Freitag nicht richtig auskosten, da der erste Wettkampf bereits am Samstag morgen stattfindet. Ansonsten bin ich gespannt, wie das Drumherum ist und viele Zuschauer überhaupt kommen.

Wie gut siehst du deine Chancen auf vordere Platzierungen? Kann man im Biathlon oder Langlauf sogar mit einer Medaille rechnen?

Mein Fahrplan ist, dass ich bei zwei Langlaufrennen (Sprint, 10 Kilometer) und drei Biathlon-Wettbewerben (7,5 Kilometer, 12,5 Kilometer, 15 Kilometer) an den Start gehe, wobei Biathlon ganz klar mein Schwerpunkt ist. Auf eine Medaille möchte ich mich nicht verschreien. Ich will meine persönliche Bestleistung abrufen und dann schauen wir mal was dabei rauskommt.

Willi Brem: „Das sportliche Niveau ist gestiegen“



Kaum jemand im deutschen Team bringt so viel Erfahrung mit. In Sotschi nimmst du zum sechsten Mal bei Paralympics teil. Deine ersten Spiele waren 1994 in Lillehammer. Was hat sich in diesen 20 Jahren im Behindertensport und in dessen Wahrnehmung verändert?

Willi Brem: Das sportliche Niveau ist deutlich angestiegen. Unsere Trainingsinhalte unterscheiden sich nicht mehr zu denen der olympischen Athleten. Auch im technischen Bereich, also etwa beim Ski wachsen wird wissenschaftlich gearbeitet. Die Zusammenlegung der drei verschiedenen sehbehinderten Klassen seit 2002 hat die Wettkämpfe attraktiver gemacht. Natürlich ist auch die mediale Präsenz deutlich mehr geworden. Aber leider bezieht sich das nur auf die Paralympics. Die Zwischenjahre mit WM finden leider keine Aufmerksamkeit in den Medien.

Viele deiner jungen Teamkollegen sind zum ersten Mal bei Paralympics dabei. Was gibst Du ihnen mit auf den Weg und siehst du dich während der Spiele auch als aktiver Betreuer?

Wenn sie Fragen haben, stehe ich ihnen natürlich mit Rat und Tat zur Seite. Aber sie sind alle sehr zielstrebig und selbstbewusst genug.

Du kennst Verena Bentele von eurer gemeinsamen Athleten-Zeit. Wie war deine Reaktion auf ihre Berufung zur Beauftragten für Belange behinderter Menschen in Deutschland?

Es hat mich sehr gefreut. Ich glaube, sie kann für die Belange behinderter Menschen einiges erreichen.

Wenn man bereits so viele paralympische Medaillen sowie WM- und Weltcuperfolge gesammelt hat, welche Ziele gibt es dann für Sotschi und die Zukunft?

Mein Ziel ist, in Sotschi auf jeden Fall eine Medaille zu gewinnen. Es wird diesmal jedoch nicht einfach, auch da meine bisher beste Platzierung in dieser Saison im Weltcup Rang fünf war.

Zu den Personen

Vivian Hösch aus Freiburg ist im Freiburger Verein Ring der Körperbehinderten. Mit 22 Jahren nimmt die blinde Langläuferin und Biathletin zum ersten Mal bei Paralympics teil. Freiburgs Sportlerin des Jahres von 2011 hat sich dafür mit guten Plätzen und Weltcupsiegen qualifiziert.

Martin Fleig kommt aus Gundelfingen und ist ebenfalls im Ring der Körperbehinderten. Der 24-Jährige ist mehrfacher deutscher Meister im Biathlon und Langlauf und war 2013 Freiburgs Sportler des Jahres. In Sotschi startet Fleig, der seit seiner Geburt Spina Bifida hat, zum ersten Mal bei paralympischen Spielen.

Willi Brem kommt zwar aus Bayern, ist seit einigen Jahren aber im Freiburger Ring der Körperbehinderten und als Physiotherapeut am Olympiastützpunkt Freiburg. Der sehbehinderte Biathlet und Langläufer ist im Nationalteam ein alter Hase. Er hat bereits mehrere WM- und Paralympics-Medaillen gesammelt. Sotschi sind seine sechsten paralympischen Spiele.

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[Bild 1: bz; Bild 2: Privat; Bild 3: Picture Alliance / dpa]