Interview mit Die Höchste Eisenbahn: "Singer-Songwriter-Boygroups – das ist das neue Ding"

Alexander Ochs

Heute Abend ist in Schmitz Katze Zeit für zwei, die sich zusammengetan haben und aus der Regio stammen. Zeit? Höchste Zeit! Höchste Eisenbahn, wie sich die Beiden nennen. Francesco Wilking und Moritz Krämer im Interview. Und: Wir verlosen zweimal zwei Karten!



Gemeint sind Francesco Wilking, vielen hier noch als begnadeter Slammer und Geschichtenerzähler in bester Erinnerung, der mit seiner Band Tele schon „Mario“ zu Bundesvision Song Contest-Ehren verhalf, und der Singer/Songwriter Moritz Krämer, der bereits mit Gisbert Zu Knyphausen auf Tour und zu Jahresbeginn mit TV Noir im Jazzhaus zu Gast war. Auch Gisbert selbst und Wir sind Helden-Frontfrau Judith Holofernes waren bei den ersten Auftritten und Aufnahmen dabei.


Wilking, der eigentlich aus Lörrach stammt, und Krämer, der in Schönau aufgewachsen ist, haben sich nun einen gewissen Jan vorgeknöpft im ersten Stück ihres Gemeinschaftswerks. „Jan ist unzufrieden“, so der Songtitel. Diese zweigleisige Bahn fährt am Donnerstag ein in Schmitz Katze. Alex hat sich vorab mit den beiden prägnanten und spaßigen Singer/Songwriter-Köpfen unterhalten. Hinter 90 Prozent der Antworten hört man ein Lachen. Müsst ihr euch beim Lesen dazu denken.

fudder: Francesco, Moritz, wie habt ihr zusammengefunden?

Moritz: Also, eigentlich fing es damit an, dass uns jemand gefragt hat, ob wir zusammen bei einem Festival spielen könnten. Und dann haben wir zusammen in Francescos Wohnzimmer auf dem Klavier rumgeklimpert und Kaffee getrunken, und das haben wir dann öfter gemacht.

Wie arbeitet ihr zusammen? Wer schreibt die Songs etc.?

Francesco: Also, wir haben uns eigentlich getroffen, weil wir zusammen Songs schreiben wollten. Doch dann haben wir vor allem Kaffee getrunken und wahnsinnig viele Zigaretten im Treppenhaus geraucht.

Wie würdet ihr eure Kaffee-Kippen-Musik denn einem tauben Menschen beschreiben?

Francesco: Mit Farben und visuellen Eindrücken. Ich würde sagen: Unsere Musik ist wie ein Film, der abwechselnd auf Zeitlupe und double speed abgespielt wird, und die Filmrolle selbst hat zu lange in der Sonne gelegen. Der Film handelt hauptsächlich von Typen, die Songs schreiben wollen, aber schlussendlich eben nur im Treppenhaus stehen und Zigaretten rauchen.

Ihr kommt beide aus dem Ländle, genauer gesagt aus Südbaden, Lörrach/Freiburg in deinem Fall, Francesco, und Schönau bei dir, Moritz. Musstet ihr erst nach Berlin ziehen, um euch zu begegnen und zusammen Musik zu machen?

Francesco: Theoretisch hätten wir uns auch in Freiburg treffen können. Aber ich habe in Herdern gewohnt und Moritz in der Wiehre – das ist weiter weg als Kreuzberg vom Prenzlauer Berg. Kurzum: Wir haben uns erst in Berlin kennengelernt.

Spielt eure gemeinsame (ähnliche) Herkunft eine Rolle?

Francesco: Eigentlich würde ich denken: nein, aber wir haben doch zumindest ein wenig Lokalkolorit in unseren Texten drin.

Neben Berliner Lokalkolorit...

Francesco: Stimmt. Aber eben auch Schwarzwalduhren-Bommelhut-Lokalkolorit. Nee, stimmt nicht, gibt’s nicht. Es gibt allerdings ein Kindheitslied, da ist ein bisschen was davon drin.



Und wie kamt ihr auf euren ungewöhnlichen Bandnamen?

Francesco: Da sind wir jetzt ein bisschen überfordert, weil wir uns dazu noch keine geile Geschichte ausgedacht haben.

Moritz: Es war nämlich so, dass Francesco gesagt hat: Wollen wir nicht ‚Die höchste Eisenbahn‘ heißen? Und dann hießen wir einfach so. Und er meint, dass dem ein ganz langer Prozess in seinem Kopf vorausgegangen sei, aber den kennt noch niemand so genau, den langen Prozess.

Francesco: Es gibt diese stehenden Ausdrücke wie ‚Morgenstund‘ hat Gold im Mund‘ und ‚Bei Hempels unterm Sofa‘. Irgendwann hatte ich eine wache Sekunde, in der ich diesen Ausdruck gehört habe – die höchste Eisenbahn –, ohne dabei zu denken: Schnell, schnell, beeilen, sondern hab mir tatsächlich eine riesige, auf Stelzen fahrende Eisenbahn vorgestellt. Das war so ein magischer Moment, der sich sofort in eine Bandnamen-Assoziation umgewandelt hat. Ich glaube, so ist das entstanden.

Sagst du jetzt – oder ist das so?

Francesco: Wenn du mal Briefe austrägst zum Beispiel und dann tatsächlich ein Klingelschild siehst mit ‚Hempels‘ oder ‚Hempel‘, dann hättest du so etwas auch. Denn dann reißt es aus diesem festgefahrenen Sprichwort-Ding raus und du denkst: Es gibt die tatsächlich, die höchste Eisenbahn. Oder die Hempels.

Angeblich ist der Ausdruck in Berlin entstanden, vor etwa 90 Jahren.

Francesco: Ich denke, die Züge hatten damals schon immer Verspätung...

Wenn man sich das Artwork oder eure Bilder anschaut, wirkt das ziemlich aus der Zeit gefallen – ihr beide in altmodischen Anzügen. Was hat es damit auf sich?

Francesco: Ach, das ist jetzt eigentlich schon wieder vorbei. Wir beide sind jetzt voll in unserer 80er-Phase...

Ist jetzt die Zeit der Duos oder Boygroups unter den deutschsprachigen Singer/Songwritern angebrochen? Siehe Kid Kopphausen.

Francesco: Ja, aber wir waren ja zuerst da. Das ist eigentlich ein sehr interessanter Entwurf, ein sehr inspirierender Ego-Krieg. Das könnte ich jedem empfehlen, sich mal mit jemand anders zusammen zu tun, der nicht nur einfach Wörter wie „Bumm-Tschack“ versteht. Duos oder Boygroups unter Singer/Songwritern – das ist das neue Ding. Schreib’s einfach so. Aber wir sind ja ‘ne richtige Band. Zu uns beiden kamen ja jetzt noch zwei andere unglaublich starke Persönlichkeiten hinzu, Max Schröder (Der Hund Marie, Tomte) und Felix Weigt (Kid Kopphausen, Spaceman Spiff).

Viele klagen über die schwierigen Marktbedingungen für Musiker. Könnt ihr euren Lebensunterhalt mit der Musik bestreiten?

Francesco: Autos, die vorbeifahren…

Moritz: Lebensunterhalt – es ist immer die Frage, was das dann im Endeffekt ist…

Francesco: Sagen wir mal so: Berlin ist ‘ne günstige Stadt. Wir sind sicherlich nicht diejenigen, die Wahnsinns-Ideen dafür haben, wie Musiker hetzutage überleben können. Wo das Geld herkommt, ist mir letztendlich egal. Hauptsache, es kommt irgendwoher.

Moritz: Und wenn man weniger Geld hat, dann kann man sich für neunachtzig ‘ne Spotify-Flatrate einrichten und notfalls weniger CDs kaufen…

Francesco: Du hast Recht, dass es für Musiker heutzutage einfach schwierig ist. Aber ich würde jetzt auch ungern schimpfen. Es ist der klassische Standpunkt des Musikers/Künstlers/Autors, dass man sagt: ‚Hey, lass mich einfach nur mein Zeug machen und ich möchte, dass es von irgendwoher entlohnt wird.‘ Und es gibt immer noch die Hoffnung, dass es so eine Art Normalitäts-Zustand gibt.

Moritz: Aber es funktioniert ja auch alles; zumindest solange Leute aufs Konzert kommen.

Apropos: Ist euer Auftritt in Schmitz Katze in Freiburg (am 27. September 2012) für euch einerlei wie, sagen wir, Hamburg oder Magdeburg?

Francesco: Ich finde es super. Ich freue mich sehr darauf, alte Bekannte, Freunde und Familie zu treffen und auch auf diesen Ort Schmitz Katze, wo ich noch nicht war und von dem ich schon verwunderlichste Sachen gehört habe.

Moritz: Der ‚Kater Holzig’ von Freiburg…?

Francesco: Ich habe auf der Homepage des Ladens irgendetwas Astrid-Lindgren-haftes gelesen, das fand ich sehr lustig, weiß aber nicht mehr, was das war… Lummerland? Ich hoffe, dass es ein Ort der Freude und Ausgelassenheit ist.

Wird es bestimmt werden, wenn ihr da seid. Am Telefon ist es ziemlich lustig mit euch. – Was steht sonst als nächstes an?

Francesco: Wir sind erst mal auf Tour bis…

Moritz: …5. Oktober.

Francesco: Mit der Höchsten Eisenbahn wollen wir auf jeden Fall noch gerne ‘ne Platte aufnehmen nach der Tour. Kann natürlich auch sein, dass wir uns hassen nach der Tour und das dann nicht machen.

Höchste Eisenbahn im Heimathafen Neukölln Francesco Wilking, Judith Holofernes und Moritz Krämer

Quelle: YouTube


Verlosung

fudder verlost zweimal zwei Tickets für Die Höchste Eisenbahn in Schmitz Katze am Donnerstag, 27. September 2012, 21 Uhr. Wer gewinnen möchte, schickt eine E-Mail mit seinem Namen und dem Betreff  "Eisenbahn" an gewinnen@fudder.de. Einsendeschluss ist Donnerstag, 27. September 2012, 14 Uhr. Der Rechtsweg ist ausgeschlossen. Die Gewinner werden per E-Mail benachrichtigt.

Mehr dazu:

Was: Die Höchste Eisenbahn (Francesco Wilking, Moritz Krämer, Max Schröder und Felix Weigt)
Wann: Donnerstag, 27. September 2012, 21 Uhr
Wo: Schmitz Katze (ehemals Auditorium der Jazz- und Rockschule)
Tickets: VVK 13 Euro + Geb. / AK 16 Euro [Foto: Promo]