Interview mit der Journalistin Nora Burgard-Arp zum Thema Magersucht: "Der Schönheitswahn ist eine Einstiegsdroge"

Inka Rupp

Magersucht ist die psychische Erkrankung mit der höchsten Sterblichkeitsrate. Trotzdem wird die Krankheit unterschätzt, falsch dargestellt, verwechselt. Um mit all den Missverständnissen aufzuräumen, hat Nora Burgard-Arp das Multimedia-Dossier "Heute ist doch jeder magersüchtig" erstellt - und ist damit nun für den Grimme Online Award nominiert. Uns hat sie erzählt, was Magersucht ist, was sie von Germany's next Topmodel hält - und wie sich facebook auf die Krankheit auswirkt:



Nächste Woche findet das Finale von Germanys Next Topmodel statt. Wie bewertest Du diese Show im Hinblick auf das Thema Magersucht?

Diese Serie hat definitiv einen Einfluss und ich sehe die krasse Konzentration auf den Körper sehr kritisch. Aber ich denke nicht, dass GNTM der einzige Sündenbock ist. Da müsste man sich eher die komplette Fernsehlandschaft anschauen, Castingshows gehören ja absolut zum Leben dazu. Die jetzt 17- und 18-Jährigen sind mit diesen Sendungen großgeworden, sie waren sechs oder sieben als die ersten Staffeln von DSDS und Popstars losgingen. Das ist eine Bewertungskultur: Da stehen Leute in Unterwäsche vor einer Jury oder singen und werden bewertet. Aber ich denke, dass das keineswegs der einzige Grund für einen Einstieg in die Magersucht ist.

Es gibt gerade ein interessante Studie, in der Mädchen, die an Magersucht erkrankt sind, gefragt wurden, ob Sendungen wie GNTM Einfluss auf sie haben. Da sagen schon einige, dass sie durch wie Sendungen wie The Biggest Loser oder eben GNTM beeinflusst werden – aber sie waren eben bereits erkrankt. Wenn du schon Magersucht hast, beeinflusst dich diese Sendungen natürlich extrem, das ist wie wenn man schon magersüchtig ist und sich eine Zeitschrift kauft, in der ganz schlanke Frauen abgebildet sind – dann denkt man sich natürlich: „Ja genau, so will ich auch aussehen!“

Du hast ein Multimedia-Dossier zum Thema Magersucht angelegt: Welches Ziel verfolgst Du?

Ich will mich vor allem um Aufklärung kümmern: Ich will zeigen, dass die Krankheit Magersucht sehr komplex ist und dass es nicht nur mit Size Zero oder Schlankheitswahn zu tun hat. Mein Ziel ist es, die breite Masse zu erreichen, der Gesellschaft die Augen zu öffnen und zu sagen: „Schaut hin, so einfach ist es nicht!“ Ich möchte nicht nur an der Oberfläche kratzen, sondern spreche mit Forschern und Therapeuten, um die unterschiedlichen Stränge der Thematik darzustellen.

Aus welchen Gründen kann man an Magersucht erkranken?

Es gibt keinen einheitlichen Grund –  das will ich mit meinem Projekt zeigen. Es sind jeweils ganz individuelle Geschichten, die man nicht auf ein Schönheitsideal herunterbrechen kann oder auf den Ansporn, so auszusehen wie ein Model. Deshalb habe ich die Fotoreihe gemacht, auf der man die unterschiedlichsten Dinge sieht, die die Patienten und Patientinnen täglich benutzen. Viele der Patientinnen werden rückfällig, sind zweimal, dreimal in Kliniken oder kämpfen ihr ganzes Leben lang dagegen an. Und wenn es so einfach wäre und man sagen könnte: „Wir müssen einfach dein Selbstbewusstsein stärken, damit du weißt, du bist auch schön“, dann wäre dieser Weg nicht so hart.

Wie definierst Du Magersucht?

Magersucht oder auch Anorexie nervosa zeichnet sich durch verschiedene Merkmale aus - zum Beispiel einem Gewicht unter einer BMI-Grenze von 17,5. Dabei ist wichtig, dass dieses niedrige Gewicht selbst herbeigeführt und gewollt ist. Auch Körperschemastörungen sind ein Merkmal der Magersucht: Das bedeutet, dass die Patienten sich dicker fühlen, als sie sind.  Diese Störung wird oft im Laufe der Krankheit schlimmer und die Patienten können das Gefühl über ihren Körper völlig verlieren. Innerhalb der Magersucht gibt es verschiedenste Abgrenzungen, zum Beispiel eine Form der Magersucht, in der die Patienten eine Askese betreiben, also komplett hungern und sich gar nichts mehr zuführen. Dann gibt es eine Magersucht mit bulimischer Ausprägung – jedoch ohne die Heißhungerattacken der Bulimie: Die Patienten spucken einfach das Wenige, was sie essen, wieder aus.

Eine Patientin schreibt auf der Webseite, dass die Magersucht ihr Stärke gibt, eine andere: „Die Magersucht ist meine beste Freundin“. Wie kann eine Krankheit Stärkung sein?

Die Patienten holen sich durch die Magersucht Kontrolle. Viele haben ein sehr hohes Disziplinvermögen – man muss sich klarmachen, dass es eine unheimliche Willensstärke erfordert, nichts zu essen, obwohl man tierischen Hunger hat.

Wenn die Patienten sich darauf konzentrieren, Kalorien zu zählen und wenn die Gedanken nur noch ums Essen kreisen, dann haben sie darüber die Kontrolle. Und das ist natürlich eine Kontrolle, die sie in anderen Lebensbereichen vielleicht nicht haben. Viele Magersüchtige haben ein großes Autonomiebedürfnis: Sie machen sich sogar von der Nahrungsaufnahme unabhängig – und fühlen sich dann natürlich stark.

Wie kann Magersucht therapiert werden?

Es gibt verschiedene Ansätze: Zunächst gibt es die Psychotherapie. Dort lernt man, wie man sich in schwierigen Situationen anders verhalten kann, als man es mit der Magersucht macht. Zum Beispiel trotzdem zu essen, auch wenn man gerade unglücklich ist.

Zusätzlich gibt es in Kliniken eine Körpertherapie, in der die Betroffenen lernen, sich besser wahrzunehmen und ihren Körper wieder besser sehen zu können. Man arbeitet zum Beispiel mit Spiegeln und schaut sich einzelne Körperteile isoliert an. Beispielsweise betrachten die Erkrankten zusammen mit einer Therapeutin einen ihrer Arme und beschreiben diesen dann. So nähert man sich seinem Körper wieder an.

Wie hängen Schönheitswahn und Magersucht zusammen?

Natürlich gibt es Mädchen, die dünner werden möchten, weil sie einem bestimmten Schönheitsideal entsprechen wollen. Dieser Schönheitswahn und die Unzufriedenheit mit dem eigenen Körper sind eine Einstiegsdroge, aber dass man dann tatsächlich in diesen Teufelskreis hineinkommt und nicht mehr aufhören kann, das ist deutlich komplexer.

Es gibt Mädchen, die am liebsten unsichtbar werden möchten. Dieser Wunsch kommt vor allem in der Pubertät auf, in der sie mit ihrer Weiblichkeit und dem Frauwerden überfordert sind. Sie möchten ihren kindlichen Körper behalten und gleichzeitig nicht mehr auffallen – buchstäblich verschwinden.

Welche Rolle spielen die sozialen Netzwerke?

In den sozialen Netzwerken findet eine extreme Konzentration auf Körper statt. Dort wird man ständig bewertet: Ein Daumen hoch oder ein Herz bei Instagram oder ein „Gefällt mir“. Das ist natürlich alles etwas, was mit reinspielen kann – es ist aber niemals der einzige Grund. Man muss sich vergegenwärtigen, dass die Magersuchtskranken sich wirklich selbst zerstören. Magersucht ist die psychische Krankheit mit der höchsten Sterblichkeitsrate und ich bezweifle, dass ein reines Verfolgen eines Schönheitsideals so eine Macht haben kann.

Hat sich die Zahl der Magersuchtskranken durch facebook und Instagram nicht erhöht?

Die Zahl der Magersuchtskranken ist in den letzten 20 Jahren nicht gestiegen, das hat mir zumindest einer der führenden Köpfe der Anorexieforschung, Stephan Zipfel, gesagt. Aber der Weg in die Krankheit mag sich geändert haben. Hier muss man nochmals differenzieren zwischen einer Esstörung und einem gestörten Essverhalten.

Ich glaube, dass es viele junge Mädchen gibt, die aufgrund von Einflüssen wie sozialen Netzwerke oder Castingshows ein gestörtes Essverhalten haben. Sie achten dann sehr auf ihr Essen oder haben für ein halbes Jahr eine magersüchtige Phase. Aber es gibt Grenzen zwischen diesem gestörten Essverhalten und einer tatsächlichen Esstörung. Nicht alle Mädchen, die sagen: ‚Ich möchte eine Diät machen und achte ein halbes Jahr extrem darauf, dass ich keine Schokolade esse‘, werden magersüchtig.

Was bewirkt ein oberflächlicher Umgang mit dem Wort „magersüchtig“?

Viele Patientinnen fühlen sich nicht ernstgenommen, wenn sie hören: ‚Jaja, das ist ja gerade Trend, alle wollen dünn sein‘ oder ‚dünn ist doch gar nicht schön!‘ Sprüche wie diese kreieren bei den Erkrankten ein Gefühl der Hilflosigkeit: Sie sind gefangen in der Krankheit und die einzige Antwort, die sie bekommen, ist: ‚Das haben ja gerade alle‘ oder ‚die blöden Castingshows‘. Damit werden sowohl die Krankheit als auch die Patientinnen total unterschätzt.

Aber nicht nur die breite Masse versteht die Krankheit nicht richtig, auch in der Forschung gibt es noch immer mehr Fragen als Antworten. Wieso schaffen die Erkrankten es, ihren Hunger zu unterdrücken? Was passiert genau im Gehirn?  Und wenn die Forscher noch nicht zu hundert Prozent über die Krankheit Bescheid wissen -  wieso erlauben sich dann Boulevardmedien eine Ferndiagnose?

Die Autorin und der Grimme Online Award

Nora Burgard-Arp ist 29 und arbeitet als freie Journalistin in Hamburg. Dieses Jahr wurde ihre Webseite für den Grimme Online Award nominiert. Am 18.6. wird bekanntgegeben, wer den Award erhält. Neben dem Preis der Jury gibt es einen Publikumspreis, für den alle Internetnutzer abstimmen können. Wer seine Stimme  "Anorexie - Heute sind doch alle magersüchtig" geben möchte, kann das auf der Seite des Grimme Online Award tun.  

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[Foto: almogon / photocase.de]