Interview mit Deniz Binay von Sinnestäuschung: "Sinnestäuschung ist künstlerisch frei und offen"

Bernhard Amelung

Marcel Dettmann, Brian Sanhaji, Extrawelt: Seit nunmehr fünf Jahren versammelt das Veranstalterkollektiv Sinnestäuschung namhafte Protagonisten der House- und Techno-Szene in Freiburg. fudder-Autor Bernhard Amelung hat Deniz Binay nach der musikalischen Ausrichtung, der Entwicklung der Partycrowd und Soundanlagen in Freiburg befragt.



Deniz, zum fünften Jubiläum von Sinnestäuschung habt ihr die zwei House-Produzenten Rampa und Re.You als Headliner gebucht. Wieviel Techno steckt noch in euren Partys?

Deniz: Sinnestäuschung war von Anfang an nicht auf ein einziges Projekt oder Genre festgelegt. Sinnestäuschung war und ist künstlerisch frei und offen. Wenn wir im Stinnes Areal eine Party machen, haben wir immer zwei Floors und können mit Gastmusikern arbeiten, die ganz unterschiedliche Stile haben. So kommt mit Hackler & Kuch am Freitag ein Duo aus Amsterdam in den Club, das straighten Techno spielt. Außerdem hatten wir in diesem Jahr Boris Brejcha, Len Faki, Brian Sanhaji, und, und, und zu Gast. Wo ist da zu wenig Techno?

Mit Partyreihen wie "Selected Love" und "Irrlicht" schlagt ihr doch in eine ganz andere musikalische Kerbe.

Deniz: Abwechslung ist schön, oder nicht? Mit "Selected Love" und "Irrlicht" präsentieren wir seir kurzer Zeit zwei Konzepte, die über die vergangenen zwölf, achtzehn Monate entstanden sind. "Selected Love" wird von unserem Resident Dimitri Dilano kuratiert. Auf diesen Partys steht ein ganz anderer Sound im Mittelpunkt, der in kleinen, intimen Clubs wie beispielsweise dem Klangraum viel besser wirkt als im Stinnes. Bei "Irrlicht" arbeiten wir weniger mit Headlinern, dafür vielmehr mit Deko- und Verkleidungselementen. Dazu brauchen wir einen Club, der viel Raum für so etwas bietet. Deshalb sind wir damit in Schmitz Katze gegangen.

Genauso wie Sinnestäuschung sich als Agentur entwickelt hat, haben sich auch unsere Resident-Disc Jockeys entwickelt. Wir sind vielseitiger geworden und haben jetzt auch die Erfahrung, um uns breiter aufstellen zu können.

Und Après-Ski-Partys mit Micky Krause runden das Portfolio ab.

Deniz: Diese Veranstaltung hat mit Sinnestäuschung überhaupt nichts zu tun. Das Stinnes Areal gehört ja nicht uns, sondern den Betreibern des Big7-Clubs. Die holen sich natürlich auch andere Fremdveranstalter in den Laden, zum Beispiel die Jungs von Vacation Beats. Die machen dort ihre U18-Partys und jetzt auch das Event mit Micky Krause. Dass das nicht zum Rest passt, steht auf einem anderen Blatt geschrieben.

Wollt ihr von dort weg?

Deniz: Nein. Wo gibt es denn in Freiburg eine Location, in der wir zwei, manchmal auch drei große Floors bespielen können? Und unmittelbare Anwohner, für die unsere Gäste einen Störfaktor darstellen, gibt es dort auch so gut wie gar nicht. Dementsprechend können wir dort auch unsere Anlage ausfahren.

Habt ihr etwa auch ein Funktion One-System aufgestellt?


Deniz:
Ich finde es interessant, dass man in Freiburg den Hype um ein Funktion One-System und damit ein wachsendes Interesse an gutem Klang in den Clubs erst jetzt verzeichnen kann. Wir haben auf unseren Veranstaltungen von Anfang an einen hohen Aufwand betrieben, um einen guten Sound zu haben. Wenn ich da nur an die stundenlangen Soundchecks denke, die wir mit Oliver Huntemann, Stephan Bodzin oder Marek Hemmann gemacht haben. Da konnten und können sich andere Veranstalter heute noch eine Scheibe abschneiden.

Um auf die Funktion One-Anlage zurück zu kommen: Diesem Hype schließen wir uns vorerst nicht an. Wir haben auf dem großen Floor eine Turbosound-Anlage stehen haben. Tony Andrews, heute Chef bei Funktion One, hat lange Jahre für Turbosound gearbeitet. Turbosound ist also auch Know-How on stage. Jetzt aber genug Namedrop. Das haben wir nicht nötig.

Siehst Du Sinnestäuschung Events da in einer Vorreiterrolle?

Deniz: Wir haben von Anfang an Verantwortung übernommen für die Künstler, mit denen wir zusammengearbeitet haben. Das heißt dann auch, dass man eine technische Infrastruktur pflegt. In gewisser Weise sind wir das auch unserem Publikum schuldig.

Wie bleibt man denn nach so langer Zeit im Veranstaltungsbusiness noch attraktiv?

Deniz: Wer mit etwas anfängt, hat immer einen gewissen Crowd-Bonus. Man ist neu, unverbraucht und die Leute haben Vertrauen, dass man vieles zwar nicht anders aber besser macht. Dieses Vertrauen darf man als Veranstalter nicht verspielen. Solange man sich nicht auf alten Erfolgen ausruht, solange man mit neuen Ideen und Konzepten an den Start geht, kann man Bestehen. Das Wichtigste jedoch ist, dass man selbst Spaß hat und diese Freude rüberbringen kann. Nur so steckt man immer wieder neue Menschen und Feiergenerationen an.

Inwieweit hat sich denn die Crowd auf euren Partys verändert?


Deniz:
Als wir angefangen haben, lag die Clubkultur in Freiburg ziemlich brach. Es gab das Drifter's, das 18 Months und unregelmäßig Techno-Partys in paar anderen Locations. Da war das Publikum vergleichsweise überschaubar. Heute findest Du elektronische Musik so gut wie überall. Produzenten wie Wankelmut oder Alle Farben haben diesen Sound ganz tief im Mainstream verankert. Deshalb kommen inzwischen auch viele auf unsere Partys, die einen anderen Hintergrund haben, als die klassischen Techno-Fans.

Nervt so eine Crowd denn nicht?

Deniz: Das würde ich nicht behaupten. Die Szene hat sich über die Jahre stark ausdifferenziert. Früher hätte ich wirklich jeden, der zu unseren Partys gekommen ist, als Techno-Fan bezeichnet. Heute kommen und gehen viele. Sie gehen mal auf diese, mal auf eine andere Party. Sie switchen, sie probieren sich aus. Aber das ist schön. So bleibt eine Szene stets in Bewegung. Ich würde sagen: Die Familie hat Cousins bekommen. Der Kreis ist so groß geworden.

Und manchmal geht ein Familienmitglied. Im Februar diesen Jahres verstarb mit Aron Lederer dein langjähriger Veranstaltungspartner.

Deniz: Mit Aron hat ein Freund und ein Kapitän das Schiff verlassen. Aber wir sind noch immer eine Crew. Alles, was passiert, ist nie nur meins. Das entsteht in Zusammenarbeit mit ganz vielen. Wir waren immer ein Kollektiv.

Wohin wird die Reise denn für euch gehen?

Deniz: Wir stehen kurz davor, mit zwei Labels an den Start zu gehen. Auf Sinnestäuschung Castor und auf Sinnestäuschung Pollux werden wir House und Techno veröffentlichen. Ursprünglich wollten wir damit schon viel früher beginnen. Aber wenn man ein Label betreibt, konkurriert man sofort auf einer internationalen Ebene. Da muss man von Anfang an g'scheid einsteigen, damit die Musik der Künstler nicht untergeht.

Mehr dazu:

Was: 5 Jahre Sinnestäuschung mit RAR (live), Hackler & Kuch, Dimitri Dilano, Tscherno, Ray Hoffmann, u.v.m.
Wann: Freitag, 6. Dezember 2013, 22 Uhr.
Wo: Stinnes Areal. [Foto: A.L.]