Interview mit dem neuen Multicore-Vorsitzenden Grischka Brand

Gina Kutkat

Ein Verein zur Musikförderung – braucht es das in Zeiten von Facebook, Bandcamp und MySpace überhaupt noch? Mithilfe sozialer Netzwerke kümmern sich inzwischen viele Bands selbst um Marketing und Booking. Warum die Arbeit von Multicore trotzdem wichtig ist, wollte Gina Kutkat von Grischka Brand wissen, der den Vorsitz des Vereins vor kurzem von Tilo Buchholz übernommen hat.



fudder: Grischka, wie würdest du Multicore jemandem erklären, der noch nie davon gehört hat? Was macht ihr?

Grischka Brand: Wir sind ein Verein von Musikern für Musiker. Wir versuchen, den Bands in Freiburg eine Stimme zu geben und aktiv in der Szene mitzuhelfen. Daher auch der Name: Multicore ist ein Kabel, das viele andere Kabel bündelt. Wir sind Starthilfe und erste Anlaufstelle für Bands aus der Region. Andererseits werden wir aktiv, um Dinge zu ändern. Wir vermieten Proberäume, fördern Schülerbands und veranstalten Konzerte.

Warum braucht man in Zeiten von Facebook einen Verein zur Musikförderung? Ist das Konzept überhaupt noch zeitgemäß?

Man kann als Band zwar eine Facebook-Gruppe zum Thema Proberaum-Suche in Freiburg gründen. Bei solchen Dingen ist es aber oft so, dass man gemeinsam mehr erreicht. Wir sind in dem Fall die Schnittstelle und bündeln die Anliegen. Die Forderung nach mehr Proberäumen geben wir an die Stadt weiter.

Mit welchem Resultat?

Bis jetzt sind wir beim Thema Proberäume leider eher auf taube Ohren gestoßen. Unsere Vorschläge wurden immer abgelehnt.

Rock Rainer und Kraków loves Adana sind zur Zeit wohl die bekanntesten Newcomer-Bands aus Freiburg. Wieso sind solche Gruppen nicht bei Multicore zu finden?

Unser Problem ist, dass uns die Generation der 20- bis 30-Jährigen verloren geht. Die wollen wir mehr einbinden. Stichwort: Soziale Netzwerke. Wir sind gerade dabei, eine neue Homepage fertig zu stellen, mit einem moderierten Forumsbereich. Dort haben die Bands die Möglichkeit zu interagieren. Unsere Facebook-Seite haben wir bisher auch eher stiefmütterlich behandelt. Das ist auch nicht mein Ding, aber es gibt Leute bei Multicore, die da Lust drauf haben.

Ist das der einzige Grund? Viele Bands aus Freiburg sagen sich: Wenn man sich richtig anstrengt, kann man Auftritte bekommen, einen Proberaum finden. Wir brauchen Multicore nicht und wollen auch nicht diesen Stempel.

Ich denke, dass die Vereinsform ihre Vorteile hat, auch wenn sie vielen spießig vorkommt. Das, was wir bei Multicore machen, ist immer noch relevant. Deswege habe ich mich auch bereit erklärt, die Arbeit mit anderen im Team weiterzuführen.

Was macht Multicore konkret zum Thema Proberäume für die Bands?

Wir haben neun Proberäume von der Stadt angemietet und vermieten diese wiederum an Bands.

Die Bands zahlen, obwohl Multicore Fördergeld von der Stadt bekommt?

Die Zuschüsse werden in der Regel projektbezogen vergeben, zum Beispiel für einen Workshop oder ein Konzert, das wir veranstalten. Bei den Proberäumen ist es so, dass die Stadt das Gebäude von einem privaten Eigentümer gemietet hat und an uns weiter vermietet. Wir verdienen als Verein natürlich nichts an der Vermietung der Proberäume. Der Betrag, den wir an die Stadt zahlen, wird eins zu eins auf die neun Räume umgelegt. Der Mietpreis hängt von der Größe ab.

Muss man Mitglied sein, um Anspruch an einen der Räume zu haben?

Die Proberäume sind nur für Mitglieder, das stimmt.

Was sollte zukünftig musikkulturell in Freiburg passieren?

Ein Ziel, dass es bei Multicore schon lange gibt, ist das große Open-Air-Konzert in der Freiburger Innenstadt. Mein Vorgänger Tilo Buchholz hat sich daran die Zähne ausgebissen, weil es so viele Hürden gab, was Finanzierung und Genehmigungen anging. Das Open-Air steht trotzdem immer noch auf der Agenda von Multicore. Mein Steckenpferd sind außerdem die Proberäume, für deren Verwaltung bin ich schon seit sechs Jahren zuständig.

Konzertveranstalter in Freiburg sagen zwar über Multicore, dass der Verein ein gutes Konzept ist, sie aber am Ende eher wenig davon haben. Auch kennen sie keine Multicore-Band, die sie gerne für ihre Konzerte buchen würden. Wie stehst du dazu?

Man bekommt ja nicht immer direkt mit, ob eine Band bei Multicore ist oder nicht. Neo Rodeo, die gerade den Rampe-Wettbewerb im Jazzhaus gewonnen haben, haben eines ihrer ersten Konzerte für uns gespielt. Es gab immer wieder Multicore-Bands, die einen mittleren Bekanntheitsgrad erreicht haben: Jackie Cola oder SchulzeMeierLehmann. Woran man sich stört, ist das Vereinsding, das wird als uncool angesehen. Wir können das aber nicht ändern, wir brauchen diese Vereinsform.

Bei den Multicore-Sammelkonzerten ist der Andrang meist nicht riesig ...

Bewerbungsmäßig ist es besser geworden, was die Zuschauerresonanz angeht, könnte es mehr sein. Zu Gründungszeiten gab es wenig Auftrittsmöglichkeiten in Freiburg, deswegen war Multicore eine wichtige Anlaufstelle. So kam auch ich dorthin: Ich wollte einen Gig für meine Band. Mittlerweile gibt es viele Konkurrenzveranstaltungen.

Wie geht ihr damit um?

Wir versuchen, die Konzerte interessanter zu machen, das ganze thematisch aufzuarbeiten. Wir geben ein Motto vor, zu dem die Bands dann was machen müssen. "Überraschungsei" ist das Thema beim nächsten Konzert – passend zu Ostern.

Multicore ist in der lokalen Musikszene angesiedelt. Welche Bands aus Freiburg sollte man deiner Meinung nach unbedingt anhören?

Neo Rodeo ist die Band, die mir als letztes aufgefallen ist. Die finde ich wirklich gut. Rock Rainer finde ich klasse, auch wenn sie keine "Multicorianer" sind. Außerdem empfehle ich die Band "Sie werden uns finden".

Und dein liebster Konzertort in der Region?

Ich gehe am liebsten ins Waldsee, weil ich da selber oft bei Jazz ohne Stress spiele und die Leute hinter der Theke kenne.

Multicore

"Initiative zur Förderung von Live-Musik im Großraum Freiburg" – so lautet die Definition von Multicore. Der Begriff steht für ein Kabel, das alle von der Bühne ausgehenden Signale bündelt und in ein Mischpult leitet. In dieser Funktion sieht sich auch die zwölf Jahre alte Initiative: Interessen der Musiker bündeln und weitergeben. Grischka Brand hat den Vorsitz von Tilo Buchholz im Januar übernommen hat, nachdem dieser in den Gemeinderat nachrückte. Grischka Brand wird seine Arbeit zusammen mit einem fünfköpfigen Team weiterführen. 

Zur Person: Grischka Brand

Der 38-jährige Grischka Brand ist seit Januar Vorsitzender des Vereins Multicore, zuvor war er jahrelang dort Mitglied. Brand zog vor zwölf Jahren von Düsseldorf nach Freiburg, um sein Schlagzeug-Studium an den Jazz & Rock Schulen zu absolvieren. Als Schlagzeuglehrer unterrichtet er privat und an der Musikschule Freiburg. GriBrand spielt bei dem Jazz-Trio Outside und in einer Blues-Rock-Band.

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