Interview mit dem Freiburger Steampunk Doc Damyrev: "Ich verkörpere den Mad Scientist"

Manuel Lorenz

Eigentlich ist Manuel Kunst Patentanwalt. Aber bei der ersten Freiburger Steampunk-Convention in zehn Tagen verwandelt er sich in Doc Damyrev - einen verrückten Wissenschaftler, der die Zukunft aussehen lässt wie das viktorianische Zeitalter. fudder-Redakteur Manuel Lorenz hat den Dampfkraft-Verehrer gefragt, was an der Moderne so schlimm und an Zahnrädern so toll ist:



Herr Kunst, Steampunk versteht sich als Gegenbewegung zur Moderne – daher auch die Sprachsilbe „Punk“. Was ist denn an der Moderne so schlimm?

Der Sauglattismus. Dass alles abgerundet ist, so wie der iMac, der hier gerade vor mir steht. Der ist überhaupt nicht mehr zugänglich, den kann man nirgends mehr öffnen. Ein komplettes Fabrikprodukt, bei dem man überhaupt nicht mehr verstehen kann, was im Inneren vorgeht. Das ist bei uns Steampunks anders.

Wie anders?

Die Sachen, die wir machen, möchten wir zumindest halbwegs verstehen. Ich war letztens in Bern und hab mir die Zytglogge angeschaut – einen Uhrturm aus dem Mittelalter. Wenn einem der Führer erklärt, warum der Hahn kräht und wie der Blasebalg angetrieben wird, versteht man, wie das Ding funktioniert. Das ist halt kein Massenprodukt. Magpie Killjoy, ein britischer Anarchist und Mit-Herausgeber des US-amerikanischen „Steampunk Magazine“, hat den schönen Spruch geprägt: Love the machine, hate the factory.

Steampunks begeistern sich für Dampfkraft, Kolben und Zahnrädern. Was ist daran das Tolle?

Erstens, das Spielerische. Man versteht Sachen, man baut Sachen, die sowohl eine Ästhetik als auch eine Funktion haben – wobei manche auch einfach nur schön aussehen, das darf auch sein. Zweitens, die Farbgebung – im wesentlichen Braun, Gold, Kupferfarben. Die Orthodoxen sagen zwar, was anderes darf’s gar nicht sein. Andere finden aber, es darf auch mal Messing oder Plastik dabei sein – zu denen gehöre ich. Weil: Wenn ich Zeitreisender bin - und das ist meine Steampunk-Figur Doc Damyrev -, dann kann ich auch alles mitnehmen, was nützlich ist.

Sie haben einen Computer und ein Smartphone. Würden Sie diese Elektrogeräte lieber vermittels von Dampf und Zahnrädern betreiben?

Es gibt ja Steampunk-Romane wie „Die Differenzmaschine“ von William Gibson und Bruce Sterling, in denen mechanische Dampfcomputer erbaut werden. Ich kann mir allerdings nicht vorstellen, dass so was wirklich funktioniert, mit den Leistungen, die Computer heutzutage bringen. Viele Steampunks modden ihren Computer aber. Das heißt, sie modifizieren ihn, bauen ihn äußerlich so um, dass er aussieht, als käme er aus dem viktorianischen Zeitalter – mit Kupfertasten und vergoldetem Rahmen.

Eine wichtige Rolle spielt im Steampunk das viktorianische Zeitalter – also die zweite Hälfte des 19. Jahrhunderts. Wie passt diese eher konservative Epoche zu Begriffen wie Punk und Anarchie?

Uns begeistern die positiven Aspekte jener Zeit – die Etikette, schöne Kleidung. Die Steampunk-Autorin Chery Priest hat einmal gesagt: It’s all about a history that never happened. Oder wie jemand vergangenen September auf der Steampunk Convention in Luxemburg gesagt hat: Die Zukunft einer Vergangenheit, die niemals stattgefunden hat. Wir sind etwas, das sich anders entwickelt hat, ein Seitenzweig der Geschichte, der eigentlich gar nicht existiert, gelebte Science Fiction auf Basis der viktorianischen Zeit – mit Dampfmaschine, Zeppelin und diesem ganzen Kram.

Taschenuhren waren in jener Epoche State of the Art. Wie viele Exemplare besitzen Sie?

Drei funktionierende und mehrere kaputte. Die älteste ist von 1870, silbrig, klassisches Ziffernblatt mit römischen Zahlen, metallische Zeiger mit rundem Kringel in der Mitte, Glasdeckel. Die funktioniert aber nur noch so halb. Die neueste ist von Christ – die benutze ich sogar ganz normal. Ich hab allerdings auch eine herkömmliche Quarzarmbanduhr. Ich wechsle immer ab.

Steampunks modden moderne Geräte und basteln sich neue, verändern normale Anziehsachen und schneidern sich viktorianische. Diese Betonung des Do-It-Yourself-Prinzips passt zur Renaissance der Handarbeit, die am auffälligsten im Berliner Hipstertum zelebriert wird.

Ja. Seltsamerweise hat Berlin eine extrem mickrige Steampunk-Szene. Da sind wir selbst in Freiburg mehr. Am meisten Steampunks gibt's allerdings im Ruhrgebiet, im Rheinland und im Saarland.



Sprechen wir über Sie. Woher rührt ihr Steampunk-Name, Doc Damyrev?

Damyrev heißt rückwärts very mad, was zum Typus des Mad Scientist passt, also des verrückten Wissenschaftlers, den ich als Steampunk im Wesentlichen verkörpere.

Was für ein Outfit trägt Doc Damyrev?

Eine braune Lederhose, merkwürdige, umgebaute New-Rock-Stiefel, Hosenträger aus Ledergurten, an denen Gegenstände hängen, die man für Forschung und Seefahrt braucht, ein Sextant und ein Apparat, der mir dabei hilft, Sachen mit der Zeit zu veranstalten, ein Kompass, ein weißes Zimmermannshemd, eine schwarze Weste, Armstulpen mit allem möglichen Gebandel, einen Zylinder mit Goggles, etwas um den Hals, Gerätschaften, eine kleine Sonnenuhr, eine Seemannspfeife oder was halt gerade zuhause rumfliegt.

Wenn Sie so angezogen sind: Sprechen Sie dann eine andere Sprache? Gebrauchen Sie ein eigenes Vokabular?

Wir legen wert auf einen gehobenen Sprachstil. Im wichtigsten deutschen Steampunk-Forum, dem sogenannten Rauchersalon, siezen wir uns zum Beispiel. So punkig ist man dann doch nicht, dass man sich ordinär benehmen muss. Man kreiert auch gerne neue Wörter. Ein Gerät, das schlechte Stimmungen zerstört, habe ich Malanima-Abolator getauft, eine modifizierte 5-Liter-Wasserspritz aus dem Garten, die dem Zweck dient, unliebsame Fotografen abzuschrecken, nenne ich Journalisten-Domestikator. Einen USB-Stick hat der Steampunk-Bastler Titus Timeless mal Datenstäbchen genannt.

Im richtigen Leben sind Sie ja Patentanwalt.

Richtig. Daher auch diese Neuheitsgier.

Was sagen Ihre Kunden zu Doc Damyrev?

Von denen, die's wissen, finden's manche bescheuert, manche gut. Meine Mitarbeiterinnen wissen's und finden's lustig.

Was ist für Sie das wichtigste am Steampunk?

Der Spaß. Steampunk sollte nicht so was Bierernstes sein wie ein Skatturnier. Chery Priest hat mal gesagt: „If you’re not having fun, you’re doing it wrong.“



1. Freiburger SteamCon

Die erste Freiburger SteamCon findet am Sonntag, 20. Oktober im Crash statt und wird von den Freiburger Steampunks Pierre de Vapeur und Tutursula von Ungefähr organisiert. Das Programm sieht folgende Punkte vor: eine viktorianische Kaffee- und Teestube, eine Tausch- und Kaufbörse, eine PoiDance-Aufführung, eine Vorführung von Steampunk-Videoclips, -filmen und TV-Berichten sowie die "Airlords of Airia", eine Diashow mit Bildern von anderen Events, Treffen und Steampunks sowie nicht zuletzt eine Ausstellung von Konstruktionen, Selbstgenähtem, Erfindungen und Bastelarbeiten zum Thema Steampunk.

Freiburger Steampunk-Stammtisch

Der Freiburger Steampunk-Stammtisch findet alle zwei bis drei Monate im Charivari in Gundelfingen statt. Dazu kommen regelmäßig um die 20 Steampunks aus der Region - unter anderem aus dem Kaiserstuhl und Bad Krotzingen. Die Steampunks erscheinen dort in Montur, wollen zeigen, was sie haben, tauschen sich aus, geben sich Tipps. Mittlerweile duzt man sich dort und spricht sich mit dem bürgerlichen Namen an.

Mehr dazu:

Was: 1. Freiburger SteamCon
Wann: Sonntag, 20. Oktober 2013, 13 bis 19 Uhr
Wo: Crash
Eintritt: 2 Euro
Dresscode: Steampunk, Viktorianisch und Gothik [Bild 1: Nikolaus von Krähenfeld; Bild 2: privat; Bild 3: Serg Shushyn]