Interview mit Danilo Plessow alias Motor City Drum Ensemble: "Lieber veröffentliche ich nichts, bevor ich nur Halbgares rausbringe"

Bernhard Amelung

Jazz, Soul und Funk sind das Fundament der Stücke von Danilo Plessow alias Motor City Drum Ensemble - vielleicht einer der besten House-Produzenten Deutschlands. Er kommt am Samstag für ein DJ-Set ins Waldsee. Im fudder-Interview spricht er über Flugangst, Erwartungshaltungen des Publikums und was die Persönlichkeit eines Disc Jockeys ausmacht.



Danilo, in englischen Musikmagazinen liest man immer wieder, dass Du bald ein Album veröffentlichen wirst. Wann ist es so weit?


Danilo Plessow (MCDE):
Ich bin ein sehr bedächtiger Typ, wenn es um die Musik geht. Lieber veröffentliche ich nichts, bevor ich nur Halbgares rausbringe. Deshalb zieht sich die Arbeit an einem Album auch lange hin. Ich habe vor einigen Jahren als Inverse Cinematics ein Album gemacht. Das war bereits damals ein intensiver Prozess. Ich tue mir mit Alben einfach schwer, deshalb kann ich nicht sagen, wann es erscheint.

Dein Inverse Cinematics-Album „Passin’ Through“ erschien 2008. Wie unterscheidet sich deine Studioarbeit damals zu heute?


In den vergangenen fünf, sechs Jahren bin ich in einem positiven Sinn gereift. Ich habe meine musikalische Handschrift gefunden. Noch zu Inverse Cinematics-Zeiten habe ich mit vielen musikalischen Richtungen experimentiert und mich intensiv mit Broken Beats, NuJazz und Downbeat beschäftigt. Mir hat da aber so etwas wie Langlebigkeit und Zeitlosigkeit gefehlt.

Warum?


Viele Produzenten Broken Beats-Szene lehnen sich an die Soul-Jazz-Funk-Grooves der 60er und 70er Jahre an. Sie betreiben mit ihrer eigenen Musik aber mehr eine Historisierung, als dass sie etwas Neues schaffen. Das ist schön und gut, es gibt auch tolle Platten in diesem Genre, aber ich sehe diese Bewegung heute durchaus kritisch.

Jazz, Soul und Funk sind zwar auch heute noch ein ganz großer Nenner meiner Musik. Ich setze diese Genre allerdings in einen anderen Bezug.

Wie bei Deiner Raw Cuts-Serie?

Ja, definitiv. Diese Stücke sind aus dem Bauch heraus entstanden. Manche dieser Stücke schlummerten eine ganze Weile auf meiner Festplatte, bevor ich sie rausgebracht habe. Oder nimm meine letzte Platte „Send A Prayer“. Das Ausgangsmaterial der Stücke ist eigentlich zwei, drei Jahre alt.

Wenn man Musik nach dieser Zeit immer noch gut findet, ist das für mich ein Indiz dafür, dass man sie auch in zehn Jahren noch gut finden wird. Diese Art von Zeitlosigkeit ist für mich als Produzent sehr wichtig. Das strebe ich an. Aber am Ende des Tages muss die Musik vor allem mir selbst gefallen.

Motor City Drum Ensemble - Raw Cuts #3

Quelle:
YouTube


Manche Werke müssen auch reifen, wie ein Wein.


Ganz genau. Viele Disc Jockeys hauen heute einfach Platten raus, um ihr Künstler-Portfolio zu vervollständigen. Ihre Musik ist jedoch beliebig. Sie bauen ihre Stücke nach dem Muster ‚sechzehn Takte Drumloop, erste Break, Filter, sechzehn Takte Drumloop, zweiter Break’ auf. Da steckt nichts dahinter. Das langweilt mich.

Wie gehst Du denn an einen Track ran?


Ich habe zig Synthesizer und Drumcomputer zuhause stehen. Mit denen habe ich viel gearbeitet und benutze sie auch heute noch. Tief im Herzen bin ich aber viel zu sehr Soulboy und der Plattentyp, der etwas sampelt und aus dem Sample einen Track herausarbeitet. Die Motor City ist ganz tief in mir verwurzelt.

Was Du auch produzierst, wird mit Begeisterung aufgenommen. Das schürt aber auch Erwartungen. Wie gehst Du mit der Erwartungshaltung der Leute um?

Alle Stücke, die ich produziere, mache ich in erster Linie für mich selbst. Mir geht es zunächst darum, zu sehen, welche Gedanken und Gefühle in in mir drin ist und auf diesem Weg raus wollen. Wenn ich das Stück später höre und noch erkenne, was für Gefühle in mir drin waren und ob sie für mich noch relevant sind, hat es eine Aussage. Zu dieser stehe ich auch noch in zehn Jahren. Deshalb komme ich mit Erwartungshaltungen gut zurecht. Schwierig wird es jedoch, wenn ich nicht auf meine innere Stimme höre, wenn mich andere Leute bestürmen und sagen, 'mach doch einen Track hierfür', 'mach doch einen Remix für dieses oder jenes Label'.

Das zehrt dann auch an einem. Man brennt leer.


Das habe ich Ende 2011 gemerkt. Ich hatte zu dieser Zeit vier Jahre fast ununterbrochen aufgelegt, zehn, zwölf Auftritte pro Monat. Dazu kamen unzählige Remixanfragen. Während dieser Zeit habe ich meine innere Stimme zurückgedrängt. So habe ich nicht gemerkt, was mein Körper und meine Seele verlangt haben.

Wie hast Du das festgestellt?


Auf langen Interkontinentalflügen habe ich mich auf einmal unwohl gefühlt. Ich habe eine Flugangst entwickelt, obwohl ich Vielflieger war. Ich habe mich ausgeliefert gefühlt und das Gefühl der Hilflosigkeit auf andere Bereiche übertragen. Darunter haben auch meine Kreativität und Schaffenskraft gelitten.

Was hast Du dagegen unternommen?


Slow it down. Ich mute mir nicht mehr so viel Reisestress zu. Ich lege nur vier, fünf Mal im Monat auf. Wenn ich Gigs in den USA oder Australien spiele, nehme ich mir Zeit. Ich verbringe wenigstens zehn Tage im Land. Wann immer es sich einrichten lässt, begleitet mich meine Freundin. Außerdem achte ich auf meinen Körper und mache regelmäßig Sport. Ich habe für mich festgestellt, dass ich dadurch auch wesentlich besser auflege. Ich habe mehr Zeit und kann mich auf meine Sets intensiver vorbereiten. Ich spiele nicht mehr Platten, weil ich weiß, dass sie auf der Tanzfläche funktionieren. Ich spiele Platten, weil ich von ihrer Schönheit überzeugt bin, weil ich weiß, dass das Stück ein schöner Song ist.

Das zeigt sich auch auf Deiner DJ-Kicks-Compilation. Sie beginnt mit Jazz von Sun Ra und geht zu Robert Hoods Techno.

Als Sechzehnjähriger habe ich in verschiedenen Stuttgarter Bars aufgelegt. Das war eine harte Schule. Da muste ich sechs, sieben Stunden pro Abend auflegen und das Publikum unterhalten. Ich habe Soul, Disco, Boogie, HipHop, House und Techno gespielt. Einen ganzen Abend nur House auflegen ist auch langweilig.

Das ist auch der Spirit, den ich heute noch beim Auflegen habe: ohne Scheuklappen gute Musik spielen, egal von wann sie ist und ob sie einen Bassdrum hat. Das machen leider nur wenige Disc Jockeys, aber das macht die Persönlichkeit eines Disc Jockeys aus.

Mehr dazu:

Was: Root Down w/ Motor City Drum Ensemble (MCDE / Faces Records, Utrecht), Rainer Trüby.
Wann: Samstag, 25. Januar 2014, 22 Uhr.
Wo: Waldsee. [Foto: MCDE/Promo]