Interview mit Cyrus Farivar: "Nicht das Internet verändert die Gesellschaft, sondern die Kultur formt das Netz"

Martin Jost

Am Mittwochabend stellt Technologiejournalist Cyrus Farivar sein erstes Buch "The Internet of Elsewhere" im Carl-Schurz-Haus vor. Für seine Reportagen hat der Iran-stämmige Kalifornier vier Nationen außerhalb der "westlichen Welt" besucht: Iran, Senegal, Südkorea und Estland. Martin hat ihn gefragt, was passiert, wenn das Internet auf Politik und Gesellschaft trifft und ob die Deutschen paranoider sind als andere Kulturen.



Cyrus, was hast du in deinem Buch heraus gefunden?

Cyrus Farivar: In Europa und in Nordamerika haben viele von uns die Vorstellung, das Internet sei ein Akteur in einem Land. Wir haben das in letzter Zeit in Tunesien und Ägypten beobachtet und ein Stückweit auch in Libyen, wo das Internet den Menschen dabei hilft, demokratischen Wechsel herbei zu führen. Das Argument wurde auch in wirtschaftlicher Sichtweise benutzt, vor allem für das südsaharische Afrika: „Wenn die Menschen bloß mehr und besseren Internetzugang hätten, könnten sie sich schneller entwickeln.“

Ich zeige in meinem Buch, dass das so nicht stimmt. Ich denke vielmehr, das Internet prallt bei seiner Ankunft in einem Land mit allem zusammen, was in diesem Land in Politik, Wirtschaft, Kultur und Gesellschaft gerade vor sich geht. Und was aus dieser Kollission entsteht, ist oft unvorhersehbar und spannend. Es gibt einen Grund, warum Südkorea die beste Versorgung mit Breitbandinternet hat. Es gibt einen Grund, warum in Iran als erstem Land der Welt ein Blogger eingesperrt wurde. Es gibt einen Grund, warum Skype in Estland entwickelt wurde und nicht in Deutschland oder in den USA oder in Japan.

Warum wurde Skype ausgerechnet in Estland entwickelt?

 

Ich versuche in „The Internet of Elsewhere“, Entwicklungen der Länder mit ihrer Geschichte zu erklären. Estland ist hochinteressant. Ich wusste überhaupt nichts darüber, bevor ich es vor sechs Jahren zum ersten Mal bereiste. Es ist ein europäisches Land, das sogar Europäer oft vergessen. Es ist dieses winzige Land in der Nordostecke Europas, direkt neben Russland, Finnland und Lettland.

Estland wurde in den letzten 1.000 Jahren so ziemlich von jedem seiner Nachbarn besetzt. Von den Polen, den Dänen, den Schweden, dem zaristischen Russland, den Deutsch-Balten … zwischen den Weltkriegen war es mal kurz unabhängig und wurde dann wieder von Nazideutschland besetzt und schließlich von Sowjetrussland für die zweite Hälfte des 20. Jahrhunderts.

Während der sowjetischen Besatzung war es den Esten verboten, irgend welche Geisteswissenschaften und humanistischen Fächer zu studieren. Stattdessen sollten sie Naturwissenschaften betreiben. 1970 bauten die Sowjets das Institut für Kybernetik in der Hauptstadt. Das Bildungsniveau und die Alphabetisierung waren davor schon sehr hoch. Und als das Land in den Neunzigern unabhängig wurde, hielt das Internet schnell Einzug. Die Esten rechnen sich zu Westeuropa.

In Estland bildete sich eine Gruppe Programmierer, die an der Dateien-Tauschbörse KaZaA mitgewirkt hatten und die gleiche Peer-to-Peer-Technologie auf Kommunikation übertragen wollten. 2003 entstand so Skype – ausgerechnet im Institut für Kybernetik in Talinn. Der Grund, dass Skype ausgerechnet in Estland entstand, war also das Zusammenkommen von hohem Bildungsstand, schnell wachsendem Internetzugang und der Unterstützung von skandinavischen Unternehmern.

Der Erfolg von Skype ist nur ein Stück von Estlands umfangreicher Technologiegeschichte. In Deutschland wurde zum Beispiel heftig über die Einführung des elektronischen Personalausweises letzten Herbst diskutiert. – In Estland gibt es das seit zehn Jahren! Estland ist auch das erste Land der Welt mit Internet-basierten Wahlen. Es hat auch seit acht Jahren ein verschlüsseltes E-Mail-System. Im Unterschied zum deutschen DE-Mail oder E-Post-Brief-System ist es dort aber gratis und jeder Bürger erhält seine Adresse automatisch von der Verwaltung.

Sind wir Deutschen besonders paranoid, weil wir gegen den elektronischen Perso gewettert haben und uns gegen Google Street View wehren?

Das ist ein Beispiel für meine These, dass die Kultur vor Ort die Technologie formt und die Themen bestimmt, die vordergründig diskutiert werden: Als Kalifornier war es für mich sehr interessant, diese Diskussion in Deutschland zu beobachten. In den USA gibt es Street View seit einigen Jahren und niemand kümmert sich deswegen. Ich benutze es, um Leuten, die mich besuchen wollen, das Haus zu zeigen, in dem ich wohne. Es stört mich nicht.

Hier in Deutschland haben die Leute ein Problem damit, während ihnen andere Eingriffe in ihre Privatsphäre egal sind. Zum Beispiel melden sie sich gleich nach einem Umzug bei der Stadtverwaltung und lassen ihre neue Adresse in eine Akte eintragen. Für Deutsche ist das ganz normal. In Amerika gibt es das nicht und wenn man die Amerikaner dazu zwingen würde, wären sie sehr besorgt und würden es als großen Angriff auf ihre Privatsphäre verstehen.



Ist der Unterschied, dass Deutsche eher Unternehmen misstrauen, aber nicht der Regierung, und in den USA ist es umgekehrt?

Ja, es scheint mir jedenfalls so. Deutsche vertrauen eher ihrer Regierung und vielleicht hat das damit zu tun, dass sie seit 30 oder 40 Jahren Datenschutzgesetze haben. In den USA gibt es weder diese Gesetze noch staatliche Datenschutzbeauftragte auf Bundes- sowie Landesebene.

Warum hast du dich für die vier Länder entschieden – Südkorea, Senegal, Iran und Estland –, die du in deinem Buch untersucht hast?

Sie liegen gleichmäßig verteilt auf einem Spektrum. Südkorea ist das Land mit dem besten Internetzugang im Bevölkerungsdurchschnitt. Am anderen Ende liegt Senegal mit zehn oder 15 Prozent Durchdringung. Es ist nicht das Schlusslicht weltweit, sondern es ist vielleicht das best-angeschlossenste unter den schlecht vernetzten Ländern. Estland liegt mit seinem überall kostenlosen W-LAN dazwischen, näher an Südkorea als an Senegal. Und Iran interessierte mich besonders persönlich – mein Vater ist Iraner. Es ist ein Land mit einer großen, gebildeten, jungen, ans Internet angeschlossenen Bevölkerung. 70 Prozent der Einwohner sind unter 30 und die Internetanbindung ist mit 35 Prozent ziemlich hoch. Es liegt im mittleren Osten nur hinter Israel.

Als das Internet aufkam, fiel es mit einer relativen Öffnung der iranischen Politik zusammen. Vorgänger des heutigen Präsidenten Mahmud Ahmadinedschad war Mohammad Chātami, der als vergleichsweise moderat galt. Er ließ mehr Zeitungen zu und erlaubte mehr Vereine zur Entwicklung einer Zivilgesellschaft. Junge Leute weiteten zu der Zeit die Grenzen dessen, was an freier Meinungsäußerung durchgeht. Nicht nur in Zeitungen, sondern auch im Internet. Während Chātami auf mehr Bürgerrechte drängte, stellte sich ihm die konservative Opposition entgegen und 2003 wurde erstmals ein Blogger verhaftet und weitere im Jahr 2004. Einen von ihnen porträtiere ich in meinem Buch. Ich wollte verstehen, wie diese Wechselwirkung zwischen Internet und Politik abläuft.

Es ist leicht, sich von der Erzählung von der „Twitter-Revolution“ einlullen zu lassen. Dass Aktive im Internet sich gegen den Staat zur Wehr setzten und die Regierung online nicht mitkommt. Aber das ist eine zu starke Vereinfachung.

Die Regierung hält ganz offensichtlich Schritt. Sie hat mit denselben Werkzeugen zurück geschlagen, gezielt Verwirrung unter den Dissidenten gestiftet und Propaganda verbreitet. Ein Beispiel ist, dass das Staatsoberhaupt Ayatollah Khamenei sein eigenes Twitter-Konto hat. Sein Büro twittert mehrmals täglich auf Persisch und Englisch. Es gab eine Website, die vom iranischen Sicherheitsapparat erstellt wurde, auf der nach den Unruhen im Juni Fotos mit Demonstranten eingestellt wurden, die die Nutzer identifizieren helfen sollten. Das ist eine furchteinflößende Idee. Aber es zeigt, wie bewusst die iranische Regierung diese Werkzeuge zu seinem Vorteil nutzt.

Ist das Internet einfach nur das neue Radio? Ich denke an den Einsatz des Radios in Nazideutschland für Propagandazwecke.

Ja, das ist ein interessanter Vergleich. Bei jeder neuen Erfindung – Fernsehen, Telefon, Radio und sogar Telegrafie – geraten Menschen in optimistische Stimmung. Sie haben die utopische Vorstellung, dass diese verbindenden Technologien Frieden und Fortschritt bringen und alle glücklich machen. Sicher steckt diese Möglichkeit in ihnen, aber die Technologien haben auch eine dunkle Seite – ihr Einsatz in der Geschichte Deutschlands beispielsweise oder aber in den Neunzigern in Ruanda, wo über das Radio zum Töten im großen Stil aufgestachelt wurde. Das ist furchtbar. Alles in allem halte ich das Internet für gut, aber wir dürfen uns nicht vormachen, dass es für sich genommen nur gut sei.

Ein unseriöses Gedankenspiel: Was wäre, wenn der eiserne Vorhang nie gefallen wäre und die DDR bis ins heutige Internetzeitalter existierte?

Ich weiß nicht, ob ich das beantworten kann. Ich schätze, wenn die DDR als strenger, autoritärer Staat weiter existiert hätte, würde sie vielleicht dem Iran ähneln. Gleichzeitig würde in dieser Welt ja noch die Sowjetunion existieren und die EU und der Ostblock würden sich vielleicht mit ihren jeweiligen Ressourcen größere Schlachten um die Freiheit des Internets liefern.

Ich glaube, es gibt ein allgemeines, vorhersehbares Muster und das ist, dass autoritäre Regime immer das Internet so gut sie können nutzen werden, um ihre Sicht der Dinge zu verbreiten – wie zuvor Radio, TV und Presse. Ich weiß nicht, was die kritische Masse ist, die einem Regime gegenüber treten kann. Ich glaube, entscheidend ist weniger die Teilhabe – Iran ist wie gesagt zu 35 Prozent ans Internet angeschlossen – als die Gewalt, die die Regierung ausübt. Wie war das noch mal mit der „Twitter-Revolution“? Die Leute wurden verprügelt und eingeschüchtert und gaben auf. Die Islamische Republik besteht fort. Nicht so in Tunesien oder Ägypten, aber sehr wohl in Libyen, wo ein anhaltender Bürgerkrieg losbrach.

Ist das Internet ein eigener politischer Raum oder gibt es viele Internetze, die jeweils nur virtuelle Fortsätze ihrer jeweiligen Staaten sind?

Ich würde sagen, dass es im Wesentlichen entlang nationaler Grenzen verläuft. Liest du als Deutscher viel im Schweizer oder österreichischen Internet? Ich selbst lese selten britische oder südafrikanische Websites.

Dabei gibt es auch, vor allem durch das Vorherrschen von Englisch als Weltsprache, immer mehr Orte, wo sich Menschen aufgrund ihrer Interessen und nicht ihrer Sprachen gruppieren. Zum Beispiel übersetzt das Bloggerkollektiv globalvoicesonline.org Blogs in die unterschiedlichsten Weltsprachen.

In gewisser Weise habe ich als Amerikaner viel gemeinsam mit den englischsprachigen Esten und englischsprachigen Iranern, die ich online kennen gelernt habe und weniger mit denjenigen, die in Teilen des Internets leben, in denen ich mich nicht aufhalte – zum Beispiel Leute, die sich für Oldtimer oder Rap interessieren.

Re:Publica - Cyrus Farivar - The Internet of Elsewhere



Quelle: YouTube [youtube Q_aTKsO7Gcc nolink]

Mehr dazu:

Cyrus Farivar
The Internet of Elsewhere - The Emergent Effects of a Wired World
ISBN: 978-0813549620
Rutgers University Press


Was:
The Internet of Elsewhere - Buchvorstellung und Diskussion in englischer Sprache
Wann: Mittwoch, 18. Mai 2011, 20:15 Uhr [Termin auf Facebook]
Wo:
Carl-Schurz-Haus, Deutsch-Amerikanisches Institut e.V., Eisenbahnstraße 62   [Fotos: cc: by-nc-sa Cyrus Farivar]