Interview mit Charlotte Roche und Carla Juri: "Die ganze Zeit ein entzündetes Po-Loch filmen - das ist kein guter Film"

Bernhard Amelung

"Feuchtgebiete"-Autorin Charlotte Roche und Schauspielerin Carla Juri waren am Samstagabend im Harmonie-Kino in Freiburg und haben sich den Fragen der Kinogäste gestellt. fudder-Autor Bernhard Amelung hat sie zuvor zu einem kleinen Interview getroffen.



Charlotte, 2008 hast du in einem Spiegel-Interview über deinen Roman "Feuchtgebiete" gesagt: "30 Prozent sind erfunden, etwa 70 Prozent bin ich" ...

Charlotte Roche: Das war ein Witz. Ich habe den Typen, der das Interview mit mir gemacht hat, verarscht. Er hat mich zu den Sex-Szenen im Buch befragt, war aber so notgeil geifernd, dass ich mir gedacht habe: komm, das kriegste jetzt zurück.

Inwieweit ist der Roman tatsächlich autobiographisch angelegt?

Roche: Ich habe etwas Erlebtes genommen, etwas Erfundenes dazugepackt und das Ganze aufgebauscht, damit es überhaupt knallt und lustig ist. In Zahlen kann man das aber nicht ausdrücken. Das ist quatsch.

Wie ist es jetzt für dich, dein Werk komprimiert auf ein 90-Minuten-Leinwandstück zu sehen?

Roche: Ich habe den Film erst gesehen, nachdem alles fertig war. Nach drei, vier Minuten habe ich schon gelacht und geweint. Die Animation einer Achterbahnfahrt durch die Bakterien, Carla in der kurzen Buxe auf dem Longboard, da habe ich gedacht: Boah, ich flippe aus, wie geil ist das denn?! Es gibt Szenen im Buch, die ich als Jugendliche ähnlich erlebt habe. Sie sind Teil meines Lebens. Das jetzt im Film zu sehen, ist eine schöne Erinnerung und gibt mir ein gutes Gefühl. Ich bin richtig glücklich mit dem Kunstwerk, das die Schauspieler, der Regisseur und der Produzent geschaffen haben.

Carla, wie bist du als Schauspielerin mit dieser Vorlage aus Erlebtem und Fiktivem umgegangen?

Carla Juri: Der Druck war groß, der Hauptfigur gerecht zu werden. Helen Memel ist eine sehr komplexe Figur, die mit großer Leidenschaft lebt, liebt und oft auch leidet. Das hat mich berührt.

Wusstest du von Anfang an, worauf du dich einlässt?

Juri: Als das Buch erschien, war ich nicht in Europa. Die große Aufregung darum habe ich gar nicht mitbekommen. Erst als ich mich auf das Casting für die Hauptrolle der Helen Memel beworben habe, hat mir meine Agentur gesagt, dass es sich dabei um eine Art Skandalroman handelt.

Und dann?

Juri: Für das Casting habe ich nur einzelne Szenen aus dem Drehbuch vorgelegt bekommen. Ich habe sie angeschaut und festgestellt, dass da ein Mensch dahinter steckt, ein sehr verletzlicher Mensch mit Ängsten und Sorgen. Helen Memel ist aufgewühlt, verunsichert, ihre Nacktheit entspricht auch ihrem seelischen Zustand. Nachdem ich dann auch das Buch gelesen hatte, fand ich, dass es sehr eindimensional diskutiert wurde.

Roche: Helen ist auch ein traumatisiertes Mädchen. Sie hat die Trennung ihrer Eltern und den Fast-Selbstmord ihrer Mutter erlebt. Dieser Schmerz sitzt ganz tief bei ihr, wird im Buch allerdings nur angedeutet. Im Film wird dieses Drama dagegen in den Mittelpunkt gerückt, denn die ganze Zeit ein entzündetes Poloch filmen - das ist kein guter Film.

Wie war das denn für dich, Carla, diese Themen umzusetzen?

Juri: Zum einen ist die Figur der Helen eine Rebellin. Sie lehnt es ab, einem Bild zu entsprechen, dass Mädchen oder Frauen nur hübsch, sauber und adrett sein müssen. Zum anderen hat Helens Nacktheit diese tragische Dimension. Sie steht vor existenziellen Fragen, lässt sich aber nicht vom Selbstmitleid hinreißen. Das umzusetzen fand ich sehr schwer. Im Vergleich dazu sind Sexszenen sehr eindimensional und platt.

Film und Buch sprechen Themen wie Körperöffnungen, -flüssigkeiten und Intimhygiene dennoch sehr deutlich an.

Roche: Mich macht es auch völlig fertig, dass es in Drogeriemärkten Dinge wie parfümierte Slipeinlagen gibt. Das vermittelt doch nur, dass das weibliche Geschlechtsorgan stinkt. Für Männer gibt es so etwas nicht. Ist das nicht sexistisch? Gegen diese Hygienehysterie wollte und will ich etwas unternehmen. Das war ja auch einer der Auslöser für den Roman.



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[Foto: Rita Eggstein]