Interview mit Admir Mehmedi: "Wie es nach der Saison weitergeht, ist im Moment nicht entscheidend"

David Weigend

Admir Mehmedi ist in dieser Saison der torgefährlichste Spieler des SC Freiburg - und obendrein ein außergewöhnlicher Techniker. Im Interview spricht der 23-Jährige über seine bewegte Vergangenheit und die noch ungewisse Zukunft.



Herr Mehmedi, Sie waren zwei Jahre alt, als Sie mit Ihrer Familie von Mazedonien in die Schweiz ausgewandert sind. Wie kam es dazu?

Admir Mehmedi: Der Hauptgrund lag in den damaligen Unruhen auf dem Balkan. Die albanische Minderheit in Mazedonien, zu der meine Familie gehörte, hatte mit einigen Problemen zu kämpfen. Mein Vater arbeitete in Mazedonien, bekam aber nur wenig Lohn. Er folgte dann meinem Onkel ins Tessin, dort arbeitete er als Pizzabäcker. Es lief so gut, dass er meine Mutter, meinen älteren Bruder und mich nach Bellinzona holte. Dort begann ich auch mit dem Fußballspielen.

Mit neun Jahren mussten Sie erneut umziehen, nach Winterthur in der Nähe von Zürich. Warum?

Mein Onkel führte in der Zwischenzeit in Winterthur eine Pizzeria. Eines Tages wurde er überfallen. Dieser Vorfall verursachte bei ihm Angst und Verunsicherung. Mein Vater fuhr zu ihm und half ihm dabei, das Restaurant weiterzuführen. Und weil er nicht dauerhaft zwischen Winterthur und Bellinzona pendeln wollte, entschied er erneut, dass wir nachkommen sollten. Bis heute sind die Hintergründe des Überfalls nicht aufgeklärt.

Welche Schule besuchten Sie in der Deutschschweiz?

Es war ein spezielles Sportinternat, ein wenig vergleichbar mit der Freiburger Fußballschule. Anschließend machte ich noch eine Ausbildung zum kaufmännischen Angestellten in Zürich. Den Profivertrag beim FC Zürich hatte ich damals, mit 17 Jahren, schon in der Tasche.

Sie sind in dieser Saison mit neun Treffern der mit Abstand erfolgreichste Torschütze für den SC. Ihre Anfangsphase verlief jedoch problematisch. Woran lag das?

Als ich nach Freiburg kam, habe ich gespürt, wie hoch die Erwartungen an mich sind. Die Vorbereitung lief eigentlich ganz gut, in meinem ersten Spiel schoss ich gleich zwei Tore. Dann ging es abwärts, meine Leistung ließ nach. Der Tiefpunkt war in Hoffenheim erreicht, als ich mit Rot vom Platz flog. Viele Leute schrieben mich ab. Der Trainer stauchte mich zusammen. Ich musste hart an mir arbeiten. Es gelang mir, die Krise zu überwinden.

Christian Streich hat Sie damals auch öffentlich kritisiert. Fanden Sie das gerechtfertigt?

Ich habe hinterher zwar eingesehen, dass er es eigentlich gutgemeint hat mit mir. Doch als Außenstehender konnte man damals vielleicht den Eindruck gewinnen, der Trainer wollte mich fertigmachen.

Welche Folgen hatte der Platzverweis für Sie?

Kurz danach erfuhr ich, dass ich nicht im Aufgebot der Schweizer Nationalmannschaft stand. Das hat mich schon zum Nachdenken gebracht. In den folgenden Spielen erzielte ich zwar Tore, hatte aber auch Aussetzer. Eklatant war zum Beispiel der Fehlpass gegen Liberec, der direkt zu einem Gegentor führte. Die Höhen und Tiefen lagen in diesen Tagen sehr eng beieinander. Ich merkte aber, dass es in kleinen Schritten aufwärts ging.

Inzwischen überzeugen Sie als starker Techniker mit feiner Ballbehandlung. Sind Sie ein Naturtalent oder haben Sie sich das antrainiert?

Natürlich kann man Technik trainieren, aber nur bis zu einem gewissen Punkt. Die intuitive Art der Ballannahme, sowas kannst du eigentlich nicht einüben. Das ist meine Art, Fußball zu spielen. Ich spielte schon so, als ich klein war. Das hat sich bis heute nicht verändert.

Ihre Art, Fußball zu spielen, gefiel auch den Scouts von Dynamo Kiew, die den Wechsel von Zürich in die Ukraine einfädelten. Hatten Sie bei Dynamo einen Stammplatz?

Nein. Am Anfang durfte ich spielen, ich überzeugte, wir gewannen immer. Doch dann setzte mich Trainer Juri Sjomin auf die Bank. Den Grund erläuterte er mich nicht. Im Gegenteil, er sagte mir, er sei mit meiner Leistung zufrieden. Als ich von den Olympischen Spielen nach Kiew zurückkehrte, war ich weg vom Fenster. Stattdessen wurden teure Neuverpflichtungen eingesetzt. Auch nach dem Trainerwechsel, als Oleg Blochin übernahm, kam ich über die Jokerrolle nicht hinaus. Insofern war ich über den Wechsel nach Freiburg glücklich.

Wie kam dieser Wechsel eigentlich zustande?

Klemens Hartenbach verfolgte meine Karriere seit meiner Jugendzeit in Zürich. Den Kontakt zu mir knüpfte er über einen gemeinsamen Freund. Ich war über das Angebot vom Sportclub begeistert. Hätte ich nur aufs Konto geschaut, wäre es für mich allerdings ratsamer gewesen, in Kiew zu bleiben. Denn ich habe dort ein Vielfaches mehr verdient als in Freiburg. Aber ich bin froh darüber, dass ich meiner Weiterentwicklung den Vorzug gegeben habe.



"Natürlich bin ich in Freiburg zufrieden. Aber ob ich hier bleiben werde, darauf habe ich keinen direkten Einfluss."


Das klingt so, als wollten Sie auch nächste Saison gern in Freiburg bleiben.

Natürlich bin ich hier sehr zufrieden. Ich will aber die Saison erst in Ruhe zu Ende spielen und mich auf den Abstiegskampf konzentrieren. Wie es mit mir danach weitergeht, ist im Moment nicht entscheidend.

Ihre Bescheidenheit in Ehren, aber das kann man auch anders sehen. Sie sind momentan einer der wichtigste Leistungsträger beim SC. Es heißt, der Verein müsse für Sie etwa vier Millionen Euro nach Kiew überweisen, um Sie behalten zu können.

Es wird sich erst nach der Saison entscheiden, ob ich in Freiburg bleiben werde. Und auf diese Entscheidung habe ich keinen direkten Einfluss.

Die politische und wirtschaftliche Situation in der Ukraine ist unübersichtlich. Könnten Sie sich überhaupt vorstellen, dort wieder zu spielen?

Es ist der Leistung eines Fußballers sicherlich nicht zuträglich, wenn er in einem Land spielen muss, in dem solche Unruhen herrschen. Es ist heftig, was in der Ukraine passiert ist. Ich habe die Bilder im Fernsehen gesehen. Die brennenden Barrikaden und die Toten auf dem Majdan. Das war schockierend für mich. In diesen Straßen spazierte ich viel herum, oft besuchte ich auch die Restaurants in der Innenstadt von Kiew. Klar genießt man als Spieler von Dynamo Kiew Privilegien, aber bei solch einer Revolution ist im Land jeder betroffen.

"Wenn die Schweizer früher für ein Zuwanderungslimit gestimmt hätten, wäre ich wohl nie in die Schweiz gekommen."


Wie beurteilen Sie als Schweizer mit albanischen Wurzeln das Ergebnis der Schweizer Volksabstimmung zur Zuwanderung?

Die Schweizer haben sich für eine Begrenzung der Zuwanderung entschieden und das gilt es zu akzeptieren. Was mich betrifft: wenn dieses Limit einige Jahre früher gekommen wäre, wäre ich wohl nie in die Schweiz gekommen. Mehr will ich dazu nicht sagen.

Im Juni tritt die Schweiz bei der WM an. Die Gruppengegner sind Frankreich, Honduras und Ecuador. Übersteht die Schweiz die Vorrunde?

Wir sind sicherlich kein Favorit, aber wir müssen uns auch nicht verstecken. Ich hoffe, dass ich mich mit meinen Leistungen bei Ottmar Hitzfeld empfehlen kann und dass er mich für die WM nominiert.

Der SC hat sich mit sieben Punkten aus den vergangenen drei Spielen eine gute Ausgangslage fürs Saisonfinale geschaffen. Welchen Vorteil hat der SC gegenüber Nürnberg, Stuttgart und Hamburg?

Wir konnten in Freiburg kontinuierlich in Ruhe arbeiten. Das zahlt sich jetzt aus. Und das ist Balsam für die Nerven. Es steckt sehr viel Energie in unserer jungen Mannschaft. Auch das ist eine Ursache dafür, dass wir jetzt im Abstiegskampf punkten.'

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[Bild 1: David Weigend; Bil 2: dpa]